Allein, aber nicht einsam
«Die Einsamkeit und die Weite faszinieren mich», sagt Silvia Trüssel, «oft bin ich allein unterwegs und treffe kaum jemanden.» Seit Anfang Jahr ist die reformierte Pfarrerin im Weiterbildungsurlaub und reist durch Namibia. In den ersten Monaten hat sie Farmen besucht und den Alltag mit deutsch-namibischen Familien geteilt.
«Mitgegessen, mitgefreut und mitgelitten», umreisst Trüssel die Erfahrungen in wenigen Worten während eines Videotelefonats. Braungebrannt und im Kurzarm-Shirt führt sie das Gespräch vom Gartentisch aus, die Verbindung ist stabil. Zwischendurch ist ein dumpfes Klopfen hörbar. Das sei der Hund zu ihren Füssen, der ständig mit dem Schwanz wedle, entschuldigt sich Trüssel nebenbei. Sie ist präsent im Gespräch und gleichzeitig entspannt, was daran liegt, dass sie auf Farmen bei Familien lebt und auch daran, dass sie Namibia bereits gut kennt (siehe Kasten).
Drei bis elf Nächte hat sie bei Familien verbracht und so von alltäglichen Sorgen aus erster Hand erfahren. «Einmal mussten wir vermisste Rinder suchen. Wir meinten zuerst, sie seien vielleicht gestohlen worden. Umso grösser war die Freude, als wir sie Stunden später in einer anderen Ecke des riesigen Grundstückes doch noch fanden.»
Nachbarn sind wichtig
Der Kern all ihrer Besuche seine Gespräche rund um Alleinsein und Einsamkeit, den diese Themen hat Trüssel für ihren Weiterbildungsurlaub ausgewählt. Während der Corona-Pandemie habe sie bemerkt, wie stark Leute zurückgezogen gelebt und aufgehört hätten, Kontakte zu pflegen und am gemeinschaftlichen Leben teilzunehmen. «Das hat mich bewegt und ich wollte der Frage nachgehen, wie wir damit umgehen können.»
Namibias Süden ist wenig bevölkert, Nachbarn wohnen oft Dutzende Kilometer auseinander. In Europa habe sie die «soziale Einsamkeit» erlebt, in Afrika dagegen bloss eine geografische. «Es ist nicht selbstverständlich, die Nachbarin am Zaun zu treffen. Deshalb achten die Menschen stärker aufeinander», sagt Trüssel. Die Nachbarn nutzen für den Austausch zum Beispiel Gruppenchatprogramme auf dem Mobiltelefon und schreiben sich morgens und abends Nachrichten, um einander wissen zu lassen, dass alles in Ordnung ist. Meldet sich jemand nicht, fährt eine andere Person vorbei um zu prüfen, ob etwas passiert ist. «Obwohl man in Namibia weiter voneinander weg wohnt, fühlt man sich einander näher», sagt Trüssel.
Diese Empfindung illustriert sie mit einer kleinen Geschichte: Eine Farmerin musste eine verletzte Kuh erschiessen. Sie wollte dies nicht selbst tun, worauf ein Nachbar die Aufgabe wie selbstverständlich übernahm und andere ihr das Fleisch abkauften.
Silvia Trüssel ist seit bald neun Jahren reformierte Pfarrerin in Uster (ZH). Die 46-jährige hat ursprünglich eine kaufmännische Lehre gemacht und lange für eine Grossbank gearbeitet, bevor sie die Erwachsenenmatur abschloss und Theologie studierte. Trüssel hat sich in systemischer Seelsorge weitergebildet.
Der aktuelle Aufenthalt ist ihre siebte Reise nach Namibia, zuvor war sie privat im Land unterwegs. Die Deutsche evangelisch-lutherische Kirche in Namibia hat Trüssel bei Planung und Organisation unterstützt und den Aufenthalt so ermöglicht. Ein Gesuch für einen Studienurlaub können Pfarrpersonen im Kanton Zürich frühestens nach zwölf Amtsjahren einreichen, die Kirchenpflege muss ihr Einverständnis geben. (jow)
«Besonders beeindruckt hat mich, dass die Menschen füreinander da sind, ohne eine direkte Gegenleistung zu erwarten.» Überrascht habe sie weiter, dass die Leute an das Alleinsein gewöhnt seien und pragmatisch damit umgingen, Fernbeziehungen zu führen oder Kinder zuhause zu unterrichten. «Sie sind selbst so gross geworden und kennen es nicht anders. Haben sie Gemeinschaft, geniessen sie das umso mehr.»
Gemeinsamkeiten wie Unterschiede gefunden
Nicht nur geografisch ist Trüssel weit von der Schweiz weg. Hier omnipräsente Themen wie die Pandemie oder der Krieg in der Ukraine beschäftigen sie kaum. Das Leben spielt sich in Namibia mehrheitlich draussen ab, auch jetzt im Herbst steigen die Temperaturen tagsüber auf bis zu dreissig Grad. Auch den Krieg in der Ukraine verfolge sie dosiert, sagt die Seelsorgerin. «Es ist ein Privileg, unterwegs zu sein, ohne alles zu wissen». Sie setze sich dafür stark mit den politischen Themen und Problemen auseinander, die an Ort und Stelle aktuell seien, etwa Armut oder Korruption.
Darüber hinaus prägen auch theologische Erfahrungen den Alltag der Pfarrerin. Sie geniesse es, Zeit für seelsorgerliche Gespräche zu haben und dabei in die Tiefe zu gehen. «Es ist ein Luxus, sich über mehrere Tage mit jemandem auszutauschen». Anders als in ihrer Arbeitsgemeinde Uster werde sie in Namibia nicht von Telefonaten oder Sitzungen unterbrochen und müsse keine e-Mails abarbeiten.
«Sich Zeit zu nehmen, ohne dass anderes liegen bleibt und ohne, dass ich ein schlechtes Gewissen haben muss, ist ein grosses Geschenk.» Neben den Unterschieden findet Trüssel aber auch Gemeinsamkeiten. In der namibischen Hauptstadt Windhoek hat sie mehrere evangelisch-lutherische Gottesdienste besucht und festgestellt, die Predigten hätten in Uster genauso gehalten werden können. Ein Gottesdienst einer Stadtmissionen dagegen sei freikirchlich geprägt gewesen, womit Trüssel Mühe hatte.
«Die wortwörtliche Auslegung alter Bibeltexte in unsere heutige Zeit ist mir fremd. Themen wie Homosexualität können nicht mit einem Vers verurteilt werden», sagt sie. Diese Frömmigkeit sei auch bei den Aufenthalten in den Familien teilweise erkennbar gewesen. Eine Mutter habe die Kinder zuhause unterrichtet, der Inhalt aller Fächer sei biblisch durchdrungen gewesen. «Theologisch stehe ich wo anders», sagt Trüssel.
Mehr Geld bedeutet mehr Stress
Als herausfordernd empfunden habe sie darüber hinaus auch den permanenten Austausch mit anderen Menschen. Während ihrer Zeit in den Familien habe sie sich deren Rhythmus angepasst und sich immer wieder neu auf Personen einlassen müssen.
«Die Menschen haben mir viele Fragen zu meinem Leben und Wirken in der Schweiz gestellt und wir haben auch über unterschiedliche Lebenswelten diskutiert. In der Schweiz haben wir materiell mehr. Der Preis für unsere guten Lebensbedingungen ist aber höherer Leistungsdruck und mehr Stress.»
Trüssel freut sich, gerade eben ein paar Wochen Ferien zu machen und Zeit für sich zu haben. Im Mai will sie sich dann der kirchlichen Öffentlichkeitsarbeit widmen und dabei unter anderem der Frage nachgehen, mit welchen Bildern Kirchen kommunizieren sollen. «Besonders Hilfswerke zementieren oft Klischees, die der Sache nicht gerecht werden.» Im Juni schliesslich wird die Pfarrerin ihren Aufenthalt abschliessen und in die Schweiz zurückfliegen.











