«Nächstenliebe heisst auch Ehrlichkeit: Asyl ist nur für Flüchtlinge möglich»

«Einwurf Locher»: In loser Folge wirft Gottfried Locher, Präsident des Kirchenbundes, auf ref.ch Gedanken ein zu theologischen und auch ganz anderen Themen. Im Juli äussert er sich zu Grenzen und Flüchtlingen.

(Bild: SEK/ref.ch)

Herr Locher, würden Sie eine syrische Flüchtlingsfamilie bei sich aufnehmen?
Wenn es nötig werden sollte, dann ja. Im Augenblick ist die Aufnahme von Flüchtlingen meines Wissens aber auch ohne solche Platzierungen in Privathaushalten gewährleistet.

 

Sie haben im Buch «Gottfried Locher» gesagt, Einwanderungspolitik brauche Staatsraison, Asylpolitik Gewissen. Können Sie das erläutern?
Die Schweiz muss in der Lage bleiben, auch in Zukunft Flüchtlinge aufzunehmen. Schreckliches, wirklich Schreckliches geschieht immer irgendwo auf der Welt. Was können wir tun? Wir sollen den an Leib und Leben gefährdeten Menschen Zuflucht geben. Aber nicht nur heute, auch in Zukunft noch. Nicht alle Millionen von Menschen, die unter wirtschaftlicher Not leiden, können in die Schweiz einwandern, das ist offensichtlich. «Nein» sagen zu müssen, ist schlecht, und wir machen uns schuldig, wenn wir Menschen Hilfe versagen, die Hilfe brauchen. Aber noch schlechter wäre, wenn wir irgendeinmal nicht mehr «Ja» sagen könnten zu Menschen, deren Leben akut und unmittelbar bedroht ist. Wenn wir also auch in Zukunft helfen wollen, wo Menschen an Leib und Leben gefährdet sind, dann müssen wir die Kraft aufbringen, in anderen Fällen auch Nein sagen zu können.

 

Der reformierte Flüchtlingsseelsorger Marcel Cavallo hat auf ref.ch gesagt, Europa müsse seine Grenzen öffnen, selbst wenn Millionen kommen. Sind Sie damit einverstanden?
Die Schweiz soll die Grenzen wie bisher auch in Zukunft offen halten für Flüchtlinge. Sie soll ihre humanitäre – und christliche – Tradition bewahren, dass Flüchtlinge hier jederzeit Schutz finden. Das braucht Geld, Engagement, Weisheit und Augenmass. Und es braucht kontrollierte Grenzen.

 

Im Mittelmeer kommen fast ununterbrochen Menschen auf grausame Weise um. Ich sehe nicht, was sich daran ändern würde, wenn alle Grenzen geöffnet würden.

 

Der Migrationsforscher François Gemenne meinte im Tages-Anzeiger: «Bei einer offenen Grenze haben Sie dieselbe Zahl von Flüchtlingen, und alle sind lebendig. Bei einer geschlossenen ist ein Teil von ihnen tot. Das ist der ganze Unterschied.» Also alle Grenzen öffnen?
Im Mittelmeer kommen fast ununterbrochen Menschen auf grausame Weise um. Ich sehe nicht, was sich daran ändern würde, wenn alle Grenzen geöffnet würden. Vermutlich würden dann nur noch mehr Leute die lebensgefährliche Überfahrt wagen und noch mehr Leben ausgelöscht werden.

 

Sie haben selber Vorfahren, die nach Südamerika ausgewandert sind. Waren es Flüchtlinge?
Nein. An Leib und Leben waren sie nicht bedroht, so viel ich weiss.

 

Der eigentliche Skandal hinter dem Flüchtlingsdrama im Mittelmeer sei nicht die «Abschottung Europas», sondern die Gleichgültigkeit der afrikanischen Regierungen gegenüber dem Exodus, so die Worte des Ethnologen David Signer in der NZZ.
Ich kenne Afrika nicht gut genug, da müssten Sie vielleicht bei Mission 21 anfragen, dort sitzen Fachleute. Einen Skandal sehe ich eher bei uns, in den Ländern nördlich des Mittelmeers. Sie schaffen starke Anreize für den Exodus, indem sie in den Herkunftsländern viel zu wenig bekannt machen, wie gering die Chancen auf Asyl in Europa sind. Die Menschen müssten schon zuhause überzeugt werden, kein Vermögen für eine aussichtslose und gefährliche Reise zu vergeuden. Stattdessen gehen sie auf eine Odyssee, die im Elend endet. Das ist der moralische Skandal, den wir mitzuverantworten haben.

 

Oftmals ist zu hören, Europa sei selbst schuld an der Flüchtlingstragödie, schliesslich plündere es die Flüchtlingsländer seit langem wirtschaftlich aus.
Die Situation ist komplexer. Wieder kann ich nur für die Schweiz sprechen: Hier geben sich meines Erachtens viele Mühe, fair zu wirtschaften. Und der Staat steckt enorme Summen in alle Arten von Investitions-, Wirtschafts- und Entwicklungshilfe. Aber schwarze Schafe gibt es überall, auch bei uns. Globale Wirtschaftszweige, zum Beispiel das Bankenwesen oder den Rohstoffhandel gilt es wohl im Auge zu behalten. Darum ist es gut, dass unsere Hilfswerke Heks und Brot für Alle in aller Welt genau hinschauen. Und wenn es nötig ist, nehmen wir auch als Kirche Stellung.

 

Weiter sagten Sie im Buch «Gottfried Locher»: «Christsein heisst nicht nur helfen. Christsein heisst auch, Ohnmacht zuzugeben. Wir können nicht überall helfen. Wir müssen auswählen.» Ist es wirklich christlich, dieses Dilemma auszusitzen? Müsste der Glaube nicht vielmehr zum Handeln treiben?
Der Glaube drängt sicher zum Handeln. Viele in unseren Kirchen setzen sich ein für Flüchtlinge, ganz persönlich und mit viel Herzblut. Dass wir nicht überall helfen können, ist sicher keine Ausrede dafür, nicht helfen zu müssen. Mir geht es einfach noch um etwas Anderes: Ohnmacht gehört zum Menschsein, nicht nur die Fähigkeit, etwas zu verändern. Manchmal können wir im Kleinen helfen und müssen doch im Grossen hilflos zusehen. Weise ist, wer erkennt, wo Handeln angesagt ist – und wo Demut. «Alles hat seine Zeit», steht in der Bibel.

 

Macht Ihnen manchmal Sorgen, dass die breite Bevölkerung in der Asylfrage wesentlich konservativer denkt als manch reformierte Pfarrperson?
Es ist richtig, wenn die Pfarrleute beharrlich daran erinnern, dass wir jenen helfen sollen, die Hilfe brauchen. Pfarrerinnen und Pfarrer haben einen Auftrag, das Evangelium verkündigen, und das geht nicht ohne ein besonderes Augenmerk auf notleidende Menschen. Aber: Nächstenliebe ist eine anspruchsvolle Sache, das zeigt die Asylfrage. Konsequente Asylpolitik heisst eben auch, Grenzen zu kontrollieren – im Interesse jener, die wirklich an Leib und Leben bedroht sind. Nächstenliebe bedeutet auch Ehrlichkeit: Asyl ist nur für Flüchtlinge möglich. Es ist schwer, nein zu sagen, und wir machen uns dadurch gewiss auch schuldig. Aber es ist ehrlich.

Gottfried Locher ist seit 2011 Ratspräsident des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes SEK. Von 1994 bis 1999 war er Pfarrer der Schweizer Kirche in London. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt in Bern.