Virtuelle Andachten

Gott im Game begegnen

Ein Thurgauer Pfarrer experimentiert mit Gottesdiensten im Videospiel Minecraft. Dabei setzt Florian Homberger die Elemente des Spiels als theologische Metaphern ein.
Ende März trafen sich 20 Teilnehmende zum virtuellen Gottesdienst in Minecraft. Die Botschaften gestaltet Pfarrer Florian Homberger jeweils interaktiv. Dank des Lichts tauchen im Spiel beispielsweise keine Monster auf.
(Screenshot: Youtube/minecraft_worship)

Dass Florian Homberger im Dezember 2018 erstmals in die Computerwelt von Minecraft eintaucht, hängt mit einer Abdankungsfeier zusammen. Im thurgauischen Müllheim war damals ein Mann gestorben, der viel Zeit im «virtuellen Lego-Spiel» verbracht hatte, wie Minecraft oft beschrieben wird. Zahlreiche Menschen aus der Online-Gemeinschaft erschienen an der Abdankung und verabschiedeten sich vom Verstorbenen. «Das hat mich sehr berührt», sagt Pfarrer Homberger. 

Einige Tage später loggt er sich bei Minecraft ein. «In der ersten Nacht ist mein Avatar zehnmal gestorben», erinnert er sich. Er ist nun einer der weltweit mittlerweile über 200 Millionen Nutzer, die mindestens einmal monatlich aktiv sind und sich auf zehntausende öffentliche Server verteilen. 

Von den ersten Rückschlägen lässt sich Homberger nicht aufhalten. Aus der Ferne interessierte ihn das Spiel schon länger. «Ich habe immer gern gebaut, schon als Kind mit Lego und später mit meinen Kindern draussen im Wald.»

Von den Kirchgebäuden zum Inhalt

In einem öffentlichen Server, der sich dem Städtebau widmet, gründet und baut er die Stadt Convento, die von rund 25 Personen bewohnt wird. «Mir fiel auf, wie viele Kirchen in all diesen Städten gebaut werden.» Für seine Gemeinschaft besucht er mehrere sakrale Gebäude in anderen Städten und erstellt einen Kirchenführer

Zum Spass habe jemand in einer anderen virtuellen Stadt vor rund drei Jahren begonnen, Gottesdienst zu spielen. «Er hat ein Gedicht vorgelesen, dann gab es eine Kollekte in Form von Gold oder Diamanten», erzählt Homberger.  

Die Idee, Gottesdienste in ernsthafter Weise zu feiern, lässt ihn danach nicht mehr los. Immer wieder spricht er mit Konfirmanden darüber. Jugendliche und junge Erwachsene machen den Grossteil der Minecraft-Spielerinnen und -Spieler aus. Im Sommer 2025 beschliesst eine Gruppe, nicht auf das perfekte Konzept zu warten, sondern es einfach mal auszuprobieren. 

Der erste Gottesdienst findet in Hombergers Minecraft-Stadtkirche statt. Zu dritt beten sie, lesen Bibelverse, Lobpreis-Musik läuft im Hintergrund. Am Ende lassen sie Raketen steigen, um die Verbindung zu Gott zu symbolisieren. «Ich fühlte mich überraschenderweise stark mit Gott verbunden.» 

Vertrauter Rahmen schafft Zugänglichkeit

Homberger versteht die Minecraft-Gottesdienste nicht als Ersatz für den Sonntagsgottesdienst, sondern sieht sie als Ergänzung. Er ist überzeugt, dass er damit Menschen erreicht, die sonst kaum einen Fuss in eine Kirche setzen würden. «Viele sind gehemmt gegenüber Kirche und Glauben. In Minecraft fällt ein Teil dieser Schwelle weg.» 

Auch die reformierte Kirche von Müllheim TG ist in Minecraft zu finden.
(Screenshot: Florian Homberger)

Nach Hombergers Einschätzung hat rund die Hälfte der bis zu 20 Teilnehmenden keinen direkten Kirchenbezug. Einige teilen offen mit, dass sie mit Glauben nichts anfangen könnten. Trotzdem kämen sie wieder, «weil es kreativ ist und sie merken, dass es sie berührt».

Für Homberger passen Minecraft und die biblische Botschaft erstaunlich gut zusammen. Das sei ihm erst in der Praxis richtig bewusst geworden. Einer der ersten Gottesdienste stand unter dem Thema «Ich bin das Licht der Welt». In Minecraft sei Licht zentral: Wer seine Räume nicht ausleuchtet, riskiert, dass Monster auftauchen. 

Zu den Andachten gehört meist ein interaktives Element. Manche Teilnehmende helfen beim Bauen, andere gestalten Szenen oder müssen Gegenstände sammeln, die zum Thema passen. Gerade darin sieht Homberger eine Stärke des Formats: Die Teilnehmenden bringen nicht nur ihre Gedanken ein, sondern auch ihre Spielkompetenz. «Da können sie ihre Gamer-Skills mit der Botschaft verbinden», sagt er.

«Virtuell heisst nicht oberflächlich»

Wer von aussen auf Minecraft-Gottesdienste blickt, verbindet die virtuelle Begegnung mit einer gewissen Anonymität. Homberger erlebt das anders. Viele Teilnehmende kennen sich vom gemeinsamen Spielen, vom Sprechen über die Chat-Plattform Discord oder von persönlichen Treffen. «Es fühlt sich überhaupt nicht anonym an», sagt er. «Ich fühle mich sehr verbunden mit diesen Menschen.» Nur weil eine Beziehung virtuell stattfinde, müsse sie nicht oberflächlich sein.

Grenzen gibt es dennoch. Über die Taufe von Avataren hat der Müllheimer Pfarrer beispielsweise intensiv nachgedacht. «Das fühlt sich nicht stimmig an», sagt er. Denkbar sei eher eine Tauferinnerung: Teilnehmende könnten mit ihren Figuren ins Wasser steigen als Erinnerung an ihre Taufe im realen Leben. 

Verbindung von analog und digital

Dass virtuelle Welten mehr sein können als blosse Unterhaltung, davon ist Homberger überzeugt. Er spricht von intensiven Gemeinschaften, von Servern mit Hunderten aktiven Spielenden pro Tag und von Beziehungen, die weit über das Spiel hinausreichen. Wer sich regelmässig auf einem Server bewege, erlebe etwas, das einem Verein oder Club ähnle.

Für den Pfarrer ist darum klar: Minecraft ist keine vorübergehende Mode, sondern für viele Menschen ein realer sozialer Raum. Genau dort will er mit seinem Gottesdienstprojekt präsent sein. Sein aktuelles Ziel ist, die digitale und analoge Welt stärker zu verbinden. 

Im Kirchgemeindehaus konnten sich kürzlich Interessierte treffen und auf vorbereiteten Laptops am Online-Gottesdienst teilnehmen. Bisher ist die Nachfrage dafür eher gering, zuletzt kamen zwei Jugendliche und ein junger Erwachsener. Deshalb schweben dem Pfarrer weitere Formate vor. Etwa eine Übertragung eines virtuellen Gottesdienstes auf Grossleinwand in der Kirche oder ein «Bautreffen» mit Jugendlichen, um in der Spielwelt gemeinsam etwas Neues zu erschaffen.

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