Psychische Krankheiten

«Man stellte mich vor die Wahl, Busse zu tun oder die Kirchgemeinde zu verlassen»

Der katholische Theologiestudent Jan Bergauer hat seine Depression auf Twitter öffentlich gemacht. Im Interview erklärt er, warum er sich dazu entschlossen hat und mit welchen Vorurteilen Menschen mit psychischen Erkrankungen zu kämpfen haben.

Psychische Erkrankungen sind weit verbreitet, trotzdem sind sie nach wie vor ein Tabuthema. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Herr Bergauer, Sie sind seit rund zwei Monaten in einer psychiatrischen Klinik in stationärer Behandlung. Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir vergleichsweise gut. Ich bin viel weniger erschöpft und insgesamt belastbarer als noch vor zwei Monaten. Eine Verbesserung spürte ich rund zwei Wochen nach Therapiebeginn. Da merkte ich, dass ich wieder etwas empfinde. Zuvor war alles kalt und leer gewesen, ich nahm mich selbst wie von aussen wahr.

Zur Person

Jan Bergauer (33) studiert katholische Theologie an der Theologischen Hochschule Chur. Seit Anfang Juni ist er wegen Depressionen in der Klinik Beverin in Cazis, Kanton Graubünden, in Behandlung. Unter dem Hashtag #KlinikGeschichten berichtet er als «Herr Pfarrerin» auf Twitter über den Alltag in der Klinik und psychische Krankheiten. Jan Bergauer ist mit einer reformierten Pfarrerin verheiratet. Gemeinsam haben sie eine knapp einjährige Tochter. (no)

Wie kam es dazu, dass Sie sich in einer Klinik Hilfe holten?
Viele Leute glauben, dass man bei einer Depression vor allem traurig sei. Diese Traurigkeit hatte ich am Anfang auch. Viel beängstigender war aber für mich, dass sogar das Lächeln meiner einjährigen Tochter nichts mehr in mir auslöste. Da schrillten bei mir die Alarmglocken, und ich wusste, ich brauche Hilfe. Ich kontaktierte die Klinik, weil meine Hausärztin nicht verfügbar war, und wurde stationär aufgenommen. Nach einigen Tagen wurde eine schwere Depression diagnostiziert.

Zeitgleich mit dem Eintritt in die Klink haben Sie sich entschieden, Ihre Geschichte öffentlich zu machen. Seither berichten Sie auf Twitter unter #KlinikGeschichten praktisch täglich aus Ihrem Alltag. Warum dieser Schritt?
Ich habe mich aus zwei Gründen dafür entschieden, öffentlich über meine Depression zu sprechen. Zum einen fragten Freunde und Bekannte, was mit mir los sei und warum sie schon länger nichts mehr von mir gehört hatten. Da wollte ich nicht irgendeine Geschichte auftischen. Zum anderen wollte ich etwas gegen die Stigmatisierung psychisch Erkrankter tun. Ich hatte bereits früher in meinem Leben depressive Episoden und weiss, wie schambehaftet es ist, darüber zu sprechen. Ich entschloss mich, in die Offensive zu gehen. Mein Mut hat mich selbst überrascht.

«Bei einem Beinbruch sagt dir niemand, wie stark er es findet, dass du dir Hilfe geholt hast. Und ich muss mir auch nicht ständig klar machen, dass ich eine Krankheit habe und nicht verrückt, schwach oder faul bin.»

Woran machen Sie diese Stigmatisierung fest?
Ich habe in einem meiner Tweets geschrieben, dass ich lieber mit einem doppelten Beinbruch als mit einer Depression im Spital läge. Dann hätte ich nämlich nicht das Gefühl, mich erklären zu müssen. Es stimmt zwar, dass psychische Erkrankungen inzwischen in der Öffentlichkeit angekommen sind. Als normal werden sie deshalb aber noch lange nicht angesehen. Bei einem Beinbruch sagt dir niemand, wie stark er es findet, dass du dir Hilfe geholt hast. Und ich muss mir auch nicht ständig klar machen, dass ich eine Krankheit habe und nicht verrückt, schwach oder faul bin. In einer Freikirche sah man meine Krankheit gar als Sünde an und stellte mich vor die Wahl, entweder zu bereuen und Busse zu tun oder die Kirchgemeinde zu verlassen.

Sind psychische Krankheiten in der Kirche ein Tabuthema?
Das Erlebnis in der Freikirche belastet mich bis heute. Vor Jahren wollte ich einmal wegen meiner Depression beichten. Da sagte mir der Priester ganz klar, dass eine Depression doch keine Sünde sei. Von meinem katholischen Umfeld habe ich unterdessen viel Unterstützung erhalten. Auch erlebe ich die katholische Kirche als relativ aufgeschlossen gegenüber dem Thema. Grundsätzlich ist der Umgang aber sehr individuell und abhängig von den Personen in einer Kirchgemeinde.

Welche Reaktionen erhielten Sie auf Twitter?
Die Rückmeldungen waren ausschliesslich positiv. Allerdings ist das ja mehrheitlich meine persönliche Bubble. Viele Leute meldeten sich über eine Privatnachricht bei mir und bestärkten mich darin, meine Krankheit öffentlich zu thematisieren. Andere berichteten mir von ähnlichen Erfahrungen mit Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen.

«Ich habe in der Klinik ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt, vom Bauarbeiter über die Köchin und Pflegefachfrau bis hin zum Manager oder zur Ärztin. Psychische Erkrankungen gehen quer durch die Gesellschaft.»

Was muss sich verändern, damit Menschen mit psychischen Krankheiten nicht mehr stigmatisiert werden?
Wichtig ist, dass das Thema in den Medien und der Öffentlichkeit aufgegriffen wird. Das ist gerade jetzt in der Corona-Zeit vermehrt auch passiert. Zudem sollte frühzeitig mit Aufklärungsarbeit begonnen werden. Ich bin Mitglied im Verein «Trialog & Antistigma Schweiz», der an Schulen und Berufsschulen über das Thema Depression und psychische Krankheiten informiert. Die Jungen sollen erfahren, dass psychische Krankheiten ein Risiko unserer schnelllebigen und leistungsorientierten Gesellschaft sind.

Was heisst das konkret?
Ich habe in der Klinik ganz unterschiedliche Menschen kennengelernt, vom Bauarbeiter über die Köchin und Pflegefachfrau bis hin zum Manager oder zur Ärztin. Psychische Erkrankungen gehen quer durch die Gesellschaft. Es gibt natürlich erschwerende Lebenssituationen, zum Beispiel materielle Sorgen. Grundsätzlich aber kann es jeden treffen.

Was nehmen Sie mit aus der Klinik?
Es ist wichtig, im Alltag immer wieder kurz innezuhalten und die Dinge bewusst wahrzunehmen, einen bestimmten Geruch, ein schönes Bild. Sich kleine Inseln zu schaffen und nicht nur von Termin zu Termin zu hetzen. Gelernt habe ich auch, auf frühe Warnzeichen zu achten, wie zum Beispiel Schlaflosigkeit oder Gereiztheit.