Anschlag in Magdeburg
«Aushalten, was nicht zu begreifen ist»
Die Anteilnahme nach dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg ist gross: Angehörige von Opfern, Rettungskräfte und zahlreiche Politikerinnen und Politiker besuchten am Samstagabend den Trauer- und Gedenkgottesdienst im Magdeburger Dom. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz sowie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier waren vor Ort. Auf dem Domplatz vor der Kirche verfolgten mehr als tausend Menschen den Gottesdienst auf Videoleinwänden. «Gemeinsam sind wir hier, um uns gegenseitig Halt zu geben, um auszuhalten, was nicht zu begreifen ist», sagte der Magdeburger katholische Bischof Gerhard Feige über die vorherrschende Trauer, Wut und Fassungslosigkeit.
Am Freitagabend war ein Auto in eine Menschenmenge gefahren. Fünf Menschen starben, darunter ein Kind. Mehr als 200 Menschen wurden verletzt, mehr als 40 davon schwer. Beim Täter soll es sich um einen 50-jährigen Arzt aus Saudi-Arabien handeln, der in den vergangenen Jahren zunehmend radikal anti-islamische Haltung entwickelte. Sein mutmassliches Motiv sei «Unzufriedenheit über den Umgang mit saudi-arabischen Flüchtlingen in Deutschland» gaben die Ermittler bekannt.
Der Magdeburger Dom war am Abend des Anschlags für Hilfesuchende geöffnet. Auch am Samstag standen seine Türen offen für Menschen, die Trost suchten oder in Stille und mit Kerzen ihre Anteilnahme ausdrücken wollten.
100 Notfallseelsorger im Einsatz
Nach dem Anschlag waren bis zu 100 Notfallseelsorger und Kriseninterventionskräfte im Einsatz, um Verletzte oder Angehörige zu betreuen. Sie sprachen gezielt Betroffene an, um ihnen eine erste Orientierung zu geben, wie der katholische Diakon Matthias Marcinkowski der Nachrichtenagentur epd sagte. «Für den Notfallseelsorger geht es darum zu schauen, wer ist derjenige, der am wenigsten schreit und die meiste Hilfe braucht». Für den Diakon hat dieser Dienst auch eine religiöse Dimension. «Der Gottesname 'Ich bin da' zeigt sich in dem Dienst von Notfallseelsorgern», so Marcinkowski. Das Leid wahrzunehmen und mitzutragen, das sei der entscheidende Dienst.
2100 Rechtsextreme demonstrierten
Neben grosser Anteilnahme kam es nach dem Anschlag in Magdeburg und Umgebung aber auch zu Hass und Hetze. Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt berichteten von vermehrten Übergriffen und Hetzjagden auf Menschen mit ausländischen Wurzeln. Am Samstagabend mobilisierte die rechtsextreme Szene zudem für eine Kundgebung nach Magdeburg. Rund 2100 Menschen nahmen daran teil.
Die Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Bischöfin Kirsten Fehrs, rief in einer Reaktion auf den Anschlag dazu auf, sich nicht von Angst bemächtigen zu lassen. Offenkundig handle es sich bei dem Attentäter um einen Einzeltäter, «der in wahnhafter Vorstellung zig Menschenleben» zerstört habe. Gegenüber dem ZDF-«Morgenmagazin» sagte sie, es sei wichtig, besonnen zu bleiben und nicht andere für die Tat verantwortlich zu machen. Eine grosse Gefahr sei, dass eine aufgeheizte Wut entsteht, die die Menschen auseinandertreibt. Stattdessen solle das bevorstehende Weihnachtsfest als Fest des Lebens und der Zusammengehörigkeit gefeiert werden. «Fürchte Dich nicht» sei eine zentrale Weihnachtsbotschaft.
ÖRK: «Anschlag auf einen Ort der Freude»
Auch der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) verurteilte den Gewaltakt scharf. Der Vorsitzende des Weltkirchenrats, Heinrich Bedford-Strohm, erklärte: «Wir bringen unsere Klage über diese sinnlose Gewalt vor Gott.» Der Anschlag habe auf einen Ort der Freude, der Einheit und des Friedens gezielt.
Der Präsident der Diakonie Deutschland, Rüdiger Schuch, kritisierte einen populistischen Umgang mit dem Anschlag. «Durchschaubar ist, wie Extremisten von rechts vom ersten Moment an versucht haben, den Anschlag für ihre eigene politische Agenda zu instrumentalisieren», sagte Schuch der «Augsburger Allgemeinen». Das verspotte die Opfer des Anschlags und alle Menschen, die mit ihnen fühlten.
Der Terrorismusforscher Peter Neumann sagte gegenüber dem «Spiegel», der Amokfahrer sei vermutlich psychisch krank. «Ich bin zwar kein Psychiater, aber aus meiner Sicht deutet vieles darauf hin. Er hatte Wahnvorstellungen und fühlte sich verfolgt.» Seinen Frust habe er auf die deutschen Behörden projiziert. Bis zu der Wahnvorstellung, Deutschland wolle Europa islamisieren. (epd/ eba)