«Luther hat keine antisemitische Ideologie geschaffen»

Mit einer Statue des nackten Martin Luther will der Künstler David Farago auf dem Zürcher Helvetiaplatz auf den Judenhass des Reformators aufmerksam machen. Für den jüdischen Publizisten Yves Kugelmann greift die Aktion zu kurz.

«Die Diskussion darf sich nicht in der Provokation erschöpfen»: Yves Kugelmann.
«Die Diskussion darf sich nicht in der Provokation erschöpfen»: Yves Kugelmann. (Bild: Michel Gilgen)

Eine Statue des nackten Martin Luther sorgt seit Mittwoch auf dem Zürcher Helvetiaplatz für Aufregung. Die Figur trägt auf den Innenseiten des geöffneten Mantels ein Zitat des Philosophen Karl Jaspers: «Luthers Ratschläge gegen die Juden hat Hitler genau ausgeführt.» Der Künstler David Farago will damit auf den Judenhass des Reformators aufmerksam machen. Die Kunstaktion entstand im Rahmen des «Denkfestes» der Freidenker-Vereinigung der Schweiz, das noch bis zum 5. November im Volkshaus läuft.

Herr Kugelmann, die Statue des nackten Luther auf dem Helvetiaplatz hat bei manchen Passanten für Verärgerung gesorgt. Können Sie die Aufregung nachvollziehen?

Es ist ja nichts Neues, dass Nonsens für Aufregung sorgt und eine überdimensionale Beachtung bekommt. Das ist natürlich auch das Ziel solcher Aktionen. Gleichzeitig zeigt die Aufregung, dass in der Gesellschaft offenbar wenig Einordnungsvermögen vorhanden ist. Reflexartig und unvermittelt tappt man in die Falle, in die man ja auch tappen muss, damit das Ganze funktioniert. Würde die Gesellschaft bei solchen Aktionen nicht reagieren, dann würden sie gar nicht stattfinden.

Proteste kamen auch aus jüdischen Kreisen. Wie erklären Sie sich das?

Die jüdische Gemeinschaft tickt da nicht anders als andere Gemeinschaften. Für die einen ist es schlimm und eine skandalöse Grenzüberschreitung, andere finden es nicht so schlimm, wieder andere einfach nur dumm. Es gibt keine «jüdische Reaktion» auf so etwas. Es gibt nur Reaktionen von Juden und Nichtjuden.

Der Künstler macht durch ein Zitat des Philosophen Karl Jaspers explizit auf den Zusammenhang zwischen Luthers Judenhass und dem späteren Antisemitismus aufmerksam. Ist diese Verbindung legitim?

Luther begann irgendwann, Juden zu diskriminieren – also klassischer Judenhass. Man muss Luther in seiner Zeit, in seiner Mission verstehen und kann ihn nicht nur aus heutiger Sicht beurteilen. Der Judenhass war seine Gegenreaktion, politisch begründet und theologisch fast unumgehbar. Doch interessanter ist die Frage, wie wir das einordnen. Was passierte damals und wie kam es, dass dieses Denken irgendwann auch weit in die reformierte Gesellschaft hineingetragen wurde? Es geht also weniger um die Person Luther als um die Frage, wie sich eine theologische Liberalisierungsbewegung zum Thema Minderheiten verhält. Das hat übrigens auch Karl Jaspers in seinen Schriften thematisiert. Im Kern geht es um die Frage, wie thematisiert, erinnert, präsentiert man im öffentlichen Raum. Leider endet das oft in einer völligen Verballhornung.

Wie können solche Diskussionen in der Öffentlichkeit differenzierter geführt werden?

Wir müssen uns fragen, was wir erreichen wollen. Geht es darum, einen Effekt zu erzielen, oder geht es wirklich ums Thema? Wenn es ums Thema geht, kann Provokation ein Mittel sein. Aber die Diskussion darf nicht dabei stehen bleiben. Es muss ein zweiter, dritter und vierter Schritt folgen –  ohne diese entlarvt sie sich eben als reine Effekthascherei. Oft erleben wir ja, dass an sich wichtige Themen nach einem kurzen Hype wieder in der Versenkung verschwinden. Es ging nur darum, ein Thema zu liken oder nicht zu liken.

Ist denn die Thematisierung von Judenhass und Antisemitismus im Rahmen des Reformationsjubiläums Ihrer Ansicht nach zu kurz gekommen?

Ich habe den Eindruck, dass das Thema in Publikationen, Dokumentationen oder Ausstellungen sehr differenziert behandelt wurde, auch schon vor dem Jubiläum. An die Adresse des Künstlers: Luther wurde zum Antijuden. Aber er hat nicht eine antisemitische Ideologie entwickelt. Sein Judenhass ist ein Element in seinem Schaffen. Es wäre falsch, alles auf diesen einen Aspekt zu reduzieren, und man kann zumindest die Frage stellen, was das reformierte Christentum generell für die Entwicklung der modernen Gesellschaft und somit auch für Minoritäten wie Juden im Guten wie im Schlechten ermöglicht hat.