Lest Bücher! Neue Fachbücher zu Theologie und Religion

Hat sich Kurt Marti vor allem als Dichter oder als Theologe verstanden? Und was sind die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben? Dies und mehr in den Fachbuch-Tipps von «bref», dem Magazin der Reformierten.

Mensch Marti

Am 11. Februar 2017 ist der Dichter und Pfarrer Kurt Marti im Alter von 96 Jahren gestorben. Seine letzten Jahre hatte er in einem Berner Pflegeheim verbracht, zunehmend gebrechlich und lebensmüde. «Wer kein Heim mehr hat, geht in ein Heim. Was tut er dort? Wartet auf seinen Heimgang», notierte Marti in seinem letzten Buch, «Heilige Vergänglichkeit».

Vier Jahre nach Martis eigenem «Heimgang», zu dessen 100. Geburtstag, hat der Theologe Klaus Bäumlin nun einen Sammelband mit Erinnerungen von Freunden und Weggefährten des grossen Schriftstellers herausgegeben. In den teilweise sehr persönlichen Beiträgen geben die Autoren Einblick in die verblüffende Vielseitigkeit von Martis Schaffen.

So schildert Franz Hohler den Erneuerer der Mundartlyrik, der seine Gedichte kühn mit Fremdwörtern anreicherte und dem Dialekt die Tür zur Literatur öffnete. Die ehemalige SP-Nationalrätin Ursula Bäumlin erinnert sich, wie Marti aufgrund seiner politischen Einmischungen zum roten Tuch für die Bürgerlichen wurde, die ihm schliesslich gar einen Lehrstuhl an der Universität Bern verweigerten. Und der Theologe Conradin Conzetti lässt die Leserinnen an seinen Überlegungen teilhaben, wie sich literarische und theologische Sprache bei Marti gegenseitig bereicherten.

Kurt Marti hat ein kaum überschaubares Werk hinterlassen. Es umfasst neben Gedicht- und Prosabänden auch zahlreiche theologische Abhandlungen, Essays, Predigten und nicht zuletzt seine Kolumnen, die er rund vierzig Jahre lang für die Zeitschrift «Reformatio» verfasste. Zugleich war Marti bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1983 immer auch als Pfarrer tätig. Wie war das alles unter einen Hut zu bringen? Und war Marti nun in erster Linie Schriftsteller oder Theologe?

Doppelexistenz als Dichter und Pfarrer

Diesen Fragen widmet sich Herausgeber Bäumlin in seinem erhellenden Beitrag «Drinnen und draussen». Als Autor und Pfarrer habe Marti eine Doppelexistenz geführt, er habe sich gleichzeitig in und ausserhalb der Kirche bewegt, so Bäumlin. Dieses Spannungsfeld sei für beide inspirierend gewesen, für den Dichter und den Theologen. Seine Verantwortung als Pfarrer sei ihm dabei nicht weniger wichtig gewesen als seine Unabhängigkeit als Schriftsteller. Martis Nachfolger an der Berner Nydeggkirche erinnert sich, wie er ihm einmal begegnete, als dieser die Teilnehmerinnen eines Altersausflugs liebevoll verabschiedete.

Überhaupt ist in dem Buch viel vom Menschen Marti die Rede. Etwas spröd und distanziert soll er gewesen sein. Künstlerallüren waren ihm jedoch fremd, und angehende Autoren wie den späteren Journalisten Fredi Lerch ermunterte er zum Weiterschreiben. Marti galt aber auch als geistreicher Gesprächspartner und schätzte die Geselligkeit mit Freunden und Bekannten, zum Beispiel bei einem Beefsteak tatar im Berner «Casino». In den vielen Anekdoten des Buches kommt auch immer wieder sein trockener Humor zum Vorschein. So erzählt Joy Matter, wie Marti eines Tages in der Bundesgasse in Bern die Brieftasche gestohlen wurde und er dies mit den Worten kommentierte, er sei jetzt ein Sans-papiers.

So entsteht am Ende ein facettenreiches Bild, das nicht zur Legendenbildung beitragen will, sondern den Dichter in seiner Zeit und seinem Leben verortet. Das wäre wohl auch in Martis Sinn gewesen.

Klaus Bäumlin (Hg.): «Kurt Marti. Sprachkünstler, Pfarrer, Freund». TVZ, Zürich 2020; 174 Seiten; 16.80 Franken.

Der Rezensent Heimito Nollé ist Redaktor bei bref.

Ein Lebenswerk für die Menschenwürde

Der Schweizer Sozialethiker Hans Ruh hat in seiner Karriere eine Fülle von Büchern und Artikeln geschrieben. Dass er nun mit 88 Jahren seine wichtigsten Erkenntnisse und Postulate in einem einzigen Buch bündelt, ist ein Gewinn. «Anleitung zur Menschlichkeit» beinhaltet Texte, die mehrheitlich in Zeitschriften oder Sammelbänden veröffentlicht worden sind. Sie alle haben auch nach Jahren nichts an Aktualität eingebüsst. So beispielsweise ein 1993 erschienenes Interview in der Vorgängerpublikation des «Migros-Magazins», das die Unterscheidung von Ethik und Moral zum Thema hat.

Ebenfalls enthalten sind Beiträge neueren Datums wie das Kapitel «Ein neues Narrativ des Menschseins nach Corona» zu Beginn des Buches. Hans Ruh gliedert sein Buch in die Themen Ethik, Energie und Umwelt, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Krieg und Frieden. Diese Einteilung ist angesichts der unterschiedlichen Texte hilfreich. Und doch zieht sich mit der existenziellen Frage, was die Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben sind, ein roter Faden durch das ganze Buch. Der Sozialethiker hat sie in all seine Themenkomplexe hineingetragen.

Hans Ruh: «Anleitung zur Menschlichkeit. Positionen aus ethischer Sicht». allerArt im Versus-Verlag, Zürich 2021; 221 Seiten; 31 Franken.

Die Rezensentin Andrea Aebi ist Pfarrerin und stellvertretende Geschäftsführerinder Reformierten Medien, die auch bref herausgeben.