Das armenische Siedlungsgebiet lag seit dem 19. Jahrhundert in der Türkei (damals Osmanisches Reich) und in Russland. Der Völkermord an der christlichen Minderheit war Teil des Übergangs des osmanischen Vielvölkerstaates in einen modernen türkischen Nationalstaat. «Die Armenier stellten im 19. Jahrhundert Forderungen nach Reformen für eine Gleichstellung innerhalb des Osmanischen Reiches», sagt Hans-Lukas Kieser, Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, im Gespräch. Dasselbe hätten die Juden damals in Europa getan. Auf Bestrebungen der Armenier mit europäischer Unterstützung reagierte das niedergehende Osmanische Reich vor allem mit Repression und Massakern. Zu grossen Pogromen kam es im Herbst 1895. Eine Verbesserung ihrer Lage versprachen sich die Armenier zunächst vom Machtantritt der Jungtürken, einer früheren Oppositionsgruppe, die sich gegen die despotische Amtsführung von Sultan Abdülhamid II. formiert hatte, und ihn 1908 zwang, die suspendierte Verfassung von 1876 wieder in Kraft zu setzen. Aufgrund der Niederlage des Osmanischen Reiches im Balkankrieg von 1912-13 und dem Verlust fast sämtlicher europäischer Territorien, verschärfte sich die Lage für die Minderheiten erneut. Die Einparteienregierung der Jungtürken, das Komitee für Einheit und Fortschritt, machte «illoyale Bevölkerungsgruppen» mitverantwortlich. Nach dem Verlust der Balkanländer entwickelten die Jungtürken laut Kieser das Minimalziel eines souveränen, türkisch-muslimischen Kernstaates in Anatolien, der heutigen Türkei.
Reformabkommen
Im Sommer 1913 wurde zwischen der osmanischen Regierung und den europäischen Grossmächten Russland, England, Frankreich und Deutschland ein Vertrag über Reformen für die Armenier in der Türkei verhandelt und im Februar 1914 unterzeichnet. «Seit diesem Reformabkommen galten die Armenier wegen ihres Lobbying insgeheim als Hochverräter», sagt Kieser. Für die jungtürkische Komitee-Regierung war das Abkommen und die damit verbundene politische Intervention der europäischen Grossmächte eine Provokation. Ende Juli 1914, kurz vor Weltkriegsbeginn, handelte das Komitee mit Deutschland ein geheimes Bündnisabkommen aus. Zum Preis der Kriegsbeteiligung erhielt die Komitee-Regierung die Gelegenheit, unter anderem das armenische Reformabkommen zu annullieren. Das Osmanische Reich trat im Herbst 1914 als Bündnispartner Deutschlands in den Ersten Weltkrieg ein. «Mit der Annullierung des Reformabkommens und der islamistischen und ‚türkistischen‘ Kriegspropaganda verloren die Armenier ihre Zukunft im Osmanischen Reich», sagt Kieser.
Russland-Feldzug als Auslöser
Auf deutschen Druck hin und um Gebiete zurückzuerobern, die das Osmanische Reich in früheren Kriegen an Russland verloren hatte, befahl die Komitee- Regierung Ende 1914 eine Grossoffensive im Kaukasus. Diese endete jedoch bald mit einer verheerenden Niederlage. Armenier hatten auf beiden Seiten gekämpft. Obwohl die Mehrheit der armenischen Zivilisten und Soldaten gegenüber dem Osmanischen Reich loyal geblieben war, machte die Komitee-Regierung nun die Armenier kollektiv für die militärischen Probleme verantwortlich – zumal einige von ihnen den Krieg kritisierten und auf den Sieg der Entente hofften. Die Armenier wurden nun definitiv zu Sündenböcken. Am 24. April 1915 liess die jungtürkische Regierung armenische Notabeln und Intellektuelle in Konstantinopel verhaften, deportieren und töten. Die treibende Kraft war dabei Innenminister Talaat Bey. Dieses Datum gilt als Auftakt zum Völkermord und wird von den Armeniern als Genozid-Gedenktag begangen.
Vorsatz und Planung
«Telegrafisch gesteuert» wurden danach die Armenier aus ganz Anatolien deportiert und ein Grossteil der Männer wurde getötet. Viele Frauen und Kinder starben auf den Todesmärschen in Richtung syrische Wüste. Die Überlebenden verhungerten in den Wüstenlagern oder wurden im August 1916 bei Deir al-Sur im Osten des heutigen Syrien massakriert. «Es gab eine zentrale Planung der Deportationdip der Armenier durch das Komitee, und sie war tödlich angelegt», sagt Kieser. Etwa eine Millionen Armenier starben dabei. Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel beschrieb die damaligen Ereignisse in seinem Roman «Die 40 Tage des Musa Dagh».
Demontage von Helden nötig
Die Türkei weist den Vorwurf des Völkermordes zurück und spricht von kriegsbedingten Ereignissen. Nach den Worten von Kieser liegt das Hauptproblem Ankaras, den Genozid an den Armeniern anzuerkennen, in der Gründungsgeschichte des türkischen Nationalstaates. Eine Anerkennung würde seine Helden in Frage stellen und ein grelles Licht auf die Rolle des Massenraubmords von 1915/16 für den Aufbau des Nationalstaates werfen. Nötig sei eine differenzierte Herangehensweise an die Demontage von Ikonen und Nationalhelden, sagt Kieser.