Landeskirche Thurgau will Mitglieder am Kirchenrand aufsuchen

Die Evangelische Landeskirche Thurgau will sich mehr auch um Menschen kümmern, die nicht direkt mit der Kirche in Kontakt stehen. Sie sucht nun nach Personal, das eine Stelle im Sinne der «Fresh Expressions»-Bewegung gestaltet. Vorbild ist ein Projekt in Kreuzlingen.

Die Evangelische Kirche des Kantons Thurgau richtet sich im Bereich Diakonie neu aus. (Bild: Keystone / Branko de Lang)

Menschen mit wenig Kontakt zur Kirche rücken in den Fokus der Evangelischen Landeskirche Thurgau. An der Synode Ende Juni erteilten die Abgeordneten der rund 95’000 Mitglieder zählenden Kirche grünes Licht für die Ausarbeitung eines Stellenprofils. Die Arbeit der geplanten 50-Prozent-Stelle soll sich an der «Fresh Expressions»-Bewegung orientieren.

Ursprünglich aus den USA stammend, treffen sich seit 2011 auch in der Schweiz Vertreterinnen von den Landeskirchen unter dem Namen «freshexpressions schweiz». Sabrina Müller vom Zentrum für Kirchenentwicklung der Universität Zürich forscht zur Bewegung. Insbesondere in der offenen Herangehensweise der Fresh Expressions erkennt sie grosses Potenzial: «Geht herkömmliche kirchliche Arbeit von der Theologie oder einem vorbestimmten Angebot aus, orientiert sich die Bewegung konsequent an den sozialen und spirituellen Bedürfnissen vor Ort.»

Angebote ausserhalb der Kirchenstrukturen

Auf Anfrage sagt der Thurgauer Kirchenratspräsident Wilfried Bührer, dass man noch ganz am Anfang stehe mit der Ausweitung der diakonischen Angebote für Kirchenferne. Die gesuchte Person müsse deshalb zwingend über einen «pionierhaften und gestaltungswilligen Geist» verfügen, keine Scheuklappen haben und auch mit Misserfolgen umgehen können. Lag der Fokus der Diakoniestelle bisher auf der Einzelberatung wie zum Beispiel bei Arbeitslosigkeit oder in Kirchgemeindeberatungen im Bereich Diakonie, sollen künftig auch bereits bestehende Angebote unterstützt oder gleich neu lanciert werden. «Gut möglich, dass diese auch ausserhalb der bisherigen Kirchenstrukturen zu finden sind», sagt Bührer.

Diakonische Arbeit im Zentrum

Pionierarbeit in Sachen Fresh Expressions leistet im Thurgau die evangelische Kirchgemeinde Kreuzlingen. Dort hat Pfarrer Damian Brot vor fünf Jahren den Begegnungsort «Open Place » eingerichtet. Ein Projekt, das Menschen in schwierigen Lebenssituationen unterstützt. Drogen und Alkohol in der Örtlichkeit sind tabu, Rauchen im Freien ist erlaubt. Brot sagt, dass von Anfang an die diakonische und nicht die missionarische Arbeit im Vordergrund gestanden sei.

Erst nach und nach wurde im Open Place auch Gottesdienst gefeiert und wurden Menschen getauft. «Der Wunsch nach Kasualien kam immer von den Besucherinnen und Besuchern selbst. Nie haben wir Angebote aufgezwungen», sagt Brot.

Der Pfarrer ist überzeugt, dass nur so eine Gemeinschaft entstehen könne, aus der wiederum Kirche werden kann. Der Erfolg gibt ihm recht: Die Gemeinde ist seit Beginn des Projekts stetig gewachsen. Derzeit sei man auf der Suche nach neuen Räumen und Finanzierungsmöglichkeiten, sagt Brot.

Dieser Beitrag erschien erstmals in bref, dem Magazin der Reformierten.