Die Leere nach dem Bildersturm

Kunst findet heute in der Galerie statt und nicht im Gotteshaus. Warum das schade ist, diskutiert Susanne Leuenberger mit Andreas Widmer, dem Herausgeber des christlichen Kunstmagazins «Bart».

Die Richter-Fenster im Kölner Dom spielen mit Licht und Farbe. Zu beliebig?
Die Richter-Fenster im Kölner Dom spielen mit Licht und Farbe. Zu beliebig? (Bild: public domain)

Herr Widmer, Religion und zeitgenössische Kunst bringe ich nur schwer zusammen.
Mir geht es genauso. Ich bin bildender Künstler und ich bin Christ. Mir fehlt eine Auseinandersetzung mit zeitgenössischer Kunst in der Kirche.

 

Wie meinen Sie das?
Die Kirchen zeigen Kunst, die schon seit vierzig Jahren passé ist. Dieser abstrakte Expressionismus bleibt im ungewissen. Er kommt nicht über das subjektive Empfinden des Künstlers hinaus. Ich mag Mark Rothko. Seine Kunst ist phantastisch. Aber das muss ich nicht in der Kirche sehen.

 

Was möchten Sie denn in einer Kirche sehen?
Ich wünschte mir mehr Konfrontation. Mehr Auseinandersetzung mit Glaubensinhalten.

 

Die postmoderne Gesellschaft tut sich schwer mit Wahrheiten, die Kirche entsprechend mit konkreten Bekenntnissen. Was verstehen Sie unter Glaubensinhalten?
Ich denke da an Themen wie Vertrauen, Nächstenliebe, aber auch Schmerz, Hoffnung oder Tod.Erfahrungen, die subjektiv sind. Und die gleichzeitig von allen geteilt werden. So muss Kunst sein.

 

Denken Sie an einen bestimmten Künstler?
Mir gefällt die Arbeit von Bill Viola. Seine Themen sind Vergänglichkeit, das Zerfliessen des Lebens, aber auch Rückkehr. Oder Leidenschaften. Seine neueren Video-Installationen waren 2013 im Berner Münster zu sehen.

 

Der Kunstbetrieb scheut sich, mit Kirche in Verbindung gebracht zu werden.
Mich stört die Vorstellung der Kunst als absolut autonomer Bereich. Das ist eine Illusion, der sich Kunstschaffende gerne hingeben. Aber Kunst geschieht nie nur aus sich selbst heraus. Es gibt keine Wahrheit der Kunst, die rein aus sich selbst schöpft. Kunst, die im Subjektiven bleibt, interessiert mich nicht. Gute Kunst macht immer gesellschaftliche und politische Aussagen, geht über das Subjektive hinaus.

 

Haben Sie ein Beispiel?
Es gibt ein tolles Video des belgischen Filmers Francis Alys. Tänzerinnen eines mexikanischen Nachtclubs diskutieren über Karl Marx, über die Ausbeutung der Arbeiterklasse. Der Film ist lustig. Und gleichzeitig bringt er die Nöte der Frauen zum Ausdruck.

 

Aber Alys’ Schaffen zeigt ja, dass Kunst gut ohne religiöse Deutungen auskommt. Kunst braucht keine Religion, um etwas Wahres auszusagen, um zu berühren.
Natürlich nicht. Aber sie kann. Ausserdem empfinde ich eine subversive Lust, religiöse Themen und Bildelemente in zeitgenössischer Kunst wiederzuentdecken. In der neuesten Ausgabe von «Bart» mache ich eine Gegenüberstellung von Caspar David Friedrichs Raumperspektive und der Bildmechanik eines Peter Doig. Friedrichs Raumgestaltung hat eine religiöse Dimension. Diese hat Doig übernommen. Er ist sich aber wohl der religiösen Tradition seines Werks nicht bewusst (lacht).

 

«Bart» gibt es jetzt seit drei Jahren. Woher kam die Idee zu einer Zeitschrift über Gott und Kunst?
Ein glücklicher Zufall. Ich lernte Roland Krauer, der Grafiker ist, an einem Treffen christlicher Künstler kennen. Er hatte ein Magazin für Kunst und Religion im Kopf. Das gestalterische Konzept stand schon. Nur suchte er Leute, die schreiben. Ich hatte dieselbe Idee. Und ich kann schreiben.

 

Wer liest Ihr Magazin?
Wir haben etwa 130 Abonnenten. Darunter sind Pfarrerinnen, aber auch Künstler und kunstaffine Christinnen. Unser Heft liegt aber auch im Lesesaal der Zürcher Hochschule für Gestaltung auf.

 

Und wer schreibt?
Wir sind acht Leute. Nur die Grafikerin verdient ein wenig fürs Layout. Uns macht es einfach Spass. Und wir hoffen, die Diskussion um zeitgenössische Kunst in der Kirche zu fördern.

 

Kann ein nichtgläubiger Künstler Kunst für eine Kirche machen?
Natürlich, wenn er sich in die Aufgabe einfühlen kann. Aber es gelingt nicht immer. Gerhard Richter hat im Kölner Dom drei grosse Glasfenster gestaltet. Es sollte ein Heiligenzyklus von Märtyrern des 20. Jahrhunderts werden. Edith Stein, Maximilian Kolbe und andere. Richter merkte aber, dass er dies als Agnostiker nicht schaffte. Stattdessen schuf er abstrakte, quadratische Farbflächen. Kardinal Meisner kritisierte die Beliebigkeit dieser Kunst. Richter gab ihm recht.

 

Sie sind Künstler und reformiert. Bilder gehören doch mehr in die katholische Kirche.
Die Reformierten haben Angst vor Gottesbildern. Aber wir alle haben diese im Kopf. Ich bin der Meinung, dass es fruchtbarer ist, uns Bildern zu stellen. Nur schon, um diese zu hinterfragen. Und an ihnen zu wachsen.

 

Das Magazin «Bart» erscheint zweimal jährlich. www.bartmagazin.com