Vom Totentänzer zum Bilderstürmer

Niklaus Manuel war der Mann der Stunde im Bern der Reformationszeit. Das Bernische Historische Museum widmet dem umtriebigen Künstler, Söldner und Politiker eine Sonderausstellung. Ein fiktiver Stadtrundgang zeigt Manuel als schillernde Figur in einer Epoche des Umbruchs.

Der Totentanz ist Manuels grösstes Werk. Im Bernischen Historischen Museum bringt eine Installation Bewegung in den Todesreigen. (Bilder: Bernisches Historisches Museum/Christine Moor)

Mit rosigen Wangen, sanft gewelltem Haar und nachdenklichem Blick hat sich der Berner Niklaus Manuel 1520 als 36-Jähriger einst selber gemalt. Doch Niklaus Manuel war alles andere als ein weltfremder Schöngeist. Er war auch Söldner, Bilderstürmer, Literat und Politiker. Von seiner weltzugewandten Seite zeugt die Signatur am Rand des Selbstporträts – es ist ein kleiner schwarzer Dolch mit seinen Initialen. Die Stichwaffe war das Markenzeichen der Schweizer Söldner der damaligen Zeit.

 

Malpinsel und spitze Feder

Das Selbstporträt des Berner Reformators eröffnet die Sonderausstellung «Söldner, Bilderstürmer, Totentänzer», die zurzeit im Bernischen Historischen Museum zu sehen ist. Sie führt die Besucherinnen mit Niklaus Manuel durch die Zeit der Reformation: Wie keine andere Berner Figur verkörpert Manuel diese Zeitenwende, erklärt Historiker Daniel Schmutz, der Führungen durch die Ausstellung anbietet: «Der Künstler Niklaus Manuel hat zunächst für die katholische Kirche Bilder gemalt und wird dann eine treibende Kraft der Berner Reformation.» Im Gegensatz zu vielen Malern und Bildhauern seiner Zeit wurde Manuel in der Zeit der Reformation nicht arbeitslos – den Malpinsel tauschte er mit der spitzen Feder des romkritischen Dichters aus. Auch als Politiker machte er nach der kirchlichen Kehrtwende Karriere: 1528 wurde er in den kleinen Rat der Stadt Bern gewählt.

 

Heilige, Prostituierte und eitle Söldner

Manuel starb mit nur 46 Jahren – sein Werk und Leben bieten reichlich Stoff für die Ausstellung. So begeben sich die Besucher auf einen Rundgang durch die damalige Berner Innenstadt und folgen den Spuren des umtriebigen Zeitgenossen. Die einzelnen Ausstellungsräume sind dabei den Wirkstätten Manuels nachempfunden: «Wir wollen damit zeigen, dass Niklaus Manuels Geschichte auch eine Stadtgeschichte ist», so Schmutz.

Eine der ersten Stationen ist Niklaus Manuels Maleratelier an der Gerechtigkeitsgasse. Sie zeigt den Zeichner und Maler an der Zeitenwende zwischen Spätgotik und Neuzeit. Für die Kirchen gestaltete er Altarflügel, für Private fertigte er Zeichnungen an, etwa von Frau Venus und dem kleinen Amor. Neben klassischen Motiven zeichnete Manuel seine Zeitgenossen – Freier und Prostituierte oder eitle Söldner brachte er mit viel Schalk aufs Papier.

 

  • Niklaus Manuel wie er sich selber sah: Das Selbstporträt entstand im Jahr 1520, acht Jahre vor der Berner Disputation.

 

Risiko und Ruhm in fremden Diensten

Der Stadtrundgang führt auch in das Wirtshaus: Hier wurden Söldner angeworben und einflussreiche Berner bestochen – mit Goldmünzen sollte die richtige politische Ausrichtung von Bern gesichert werden. Auch Manuel selber war einst als Söldner unterwegs: 1516 und 1522 begab er sich als Feldschreiber für die Franzosen ins Feld. Er kam unversehrt aus den Auseinandersetzungen zurück. Viele Berner hatten weniger Glück: Das Söldnerwesen war finanziell interessant, aber riskant. Zu den Exponaten gehört auch ein Familienbuch, das den Tod des 14-jährigen Schwagers von Manuel im Krieg gegen die Franzosen vermerkt.

 

Totentänzer und Romkritiker

Nach dem Besuch der Beiz wird es Zeit für etwas Reue. Der Rundgang führt zum Standort der heutigen Französischen Kirche. An der Umfassungsmauer des damaligen Dominikanerklosters realisierte Manuel sein wohl berühmtestes Werk, den Totentanz. Er beendete es etwa 1522. In Lebensgrösse verführt der Knochenmann auf der 80 Meter langen Bilderreihe kirchliche Würdenträger, Nonnen, eine junge Frau und sogar ein Kleinkind, das noch gar nicht recht laufen kann, zu seinem frivolen Tanz. Auf der letzten Tafel verewigt sich der Künstler gleich selbst. Auch die Begleitverse zum Totentanz stammen von Manuel. Berner Familien stifteten das Werk und sind mit ihren Wappen auf den Szenen verewigt. Das Memento mori wurde vom Bildersturm verschont. Bis zum Abriss der Mauer im 17. Jahrhundert blieb es erhalten. «Der damalige Künstler Albrecht Kauw fertigte Skizzen davon. Darum wissen wir, wie der Totentanz ausgesehen haben muss», so Schmutz. Der Ausstellungsraum zeigt neben den verkleinerten Kopien von Kauw Nachbildungen eines Ausschnitts in Originalgrösse.

Der Totentanz war Manuels letztes grosses Auftragswerk als Maler. Erste Schriften von Luther und Zwingli erreichten Bern in dieser Zeit. Und aus dem Schöpfer des makabren Todesreigens wurde der bissige Dichter romkritischer Fasnachtsspiele, wie die nächste Station der Ausstellung zeigt: «Ich vernahm, der Ablassbrief nütze nichts, worauf ich mir damit den Arsch gewischt habe», lässt er darin den Bauern Nickli Zettmist in dem Stück von 1523 spotten.

 

Schillernder Manuel, schillernde Zeit

Die letzte Station zeigt Manuel als Politiker. Er schaffte es 1528 in den kleinen Rat, nahm Einsitz in das neu entstandene Sittengericht, und half mit, altgläubige Widerstände bei Interlaken als Bannerhauptmann niederzuwerfen. Den Tod von Zwingli in der Schlacht bei Kappel 1531 kriegte er allerdings nicht mehr mit. Ein Jahr davor verstarb er unerwartet früh. Die Gründe seines Todes sind unbekannt.

Am Ende des Rundgangs angelangt, ist man um viele Eindrücke und Erkenntnisse reicher – und fasziniert von der schillernden Figur Manuel. Der talentierte Berner scheint stets die richtigen Bilder und die richtige Sprache gefunden zu haben. Das historische Museum zeichnet ein differenziertes Bild von Manuel und seiner Zeit – ein inspirierender Gang durch das Bern der Reformationszeit.

 

Susanne Leuenberger / ref.ch
Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».