Die Reformierten der Stadt Zürich befinden sich in einer Umbruchsphase: Anfang Jahr haben sich über dreissig Kirchgemeinden zu einer einzigen Grosskirchgemeinde zusammengeschlossen. Diese umfasst rund 80’000 Mitglieder und wird derzeit von einem Übergangsgremium geleitet. Die definitive Kirchenpflege soll am 17. November gewählt werden, ebenso die Mitglieder des Kirchgemeindeparlaments.
Bereits jetzt ist jedoch die Stelle der Geschäftsleitung und damit der operativen Führung ausgeschrieben. Dies, nachdem schon im Frühling ein erstes Mal nach einem geeigneten Kandidaten gesucht worden war.
Dass der Posten vergeben werden soll, bevor klar ist, wer die Geschicke auf strategischer Ebene leiten wird, sorgt für Kritik. «Dass drei Wochen vor der Wahl die Geschäftsführerstelle ausgeschrieben ist, finde ich unerhört», schreibt der Neumünster-Pfarrer Res Peter am 28. Oktober auf Facebook.
Zeitdruck als Begründung
Peter, der neben Annelies Hegnauer und Michael Braunschweig selbst für das Präsidium der Kirchenpflege kandidiert, nimmt in dem Post Bezug auf ein Interview, das die drei Kandidierenden dem Portal reformiert.info gegeben haben. Darin begründet Hegnauer, die aktuell Mitglied des Übergangsgremiums ist, die Stellenausschreibung mit dem Zeitdruck. «Wir wollten nicht nochmals viel Zeit verlieren. Darunter leiden würden die Mitarbeitenden», so Hegnauer. Zudem sei es auch in der Politik üblich, dass Stellen in der Verwaltung unabhängig von Wahlterminen besetzt würden.
Auf Facebook hält Res Peter dagegen. Die Stelle des Geschäftsführers oder der Geschäftsführerin sei DER Posten der neuen Kirchgemeinde. Wer sie bekomme, werde die Gemeinde auf Jahre hinaus prägen. Es sei deshalb «entscheidend, dass die neue Kirchenpflege wenigstens mitreden» könne.
In die gleiche Richtung gehen die Kommentare unter dem Post. Das Vorgehen der Übergangskirchenpflege sei «unklug», heisst es da, «dilettantisch» oder gar «skandalös».
«Anderes wäre klüger gewesen»
Auch Michael Braunschweig, der dritte Kandidat für das Kirchenpflege-Präsidium, stört sich daran, dass die Stelle schon jetzt besetzt werden soll. Bereits Ende Mai hatte er ein Postulat eingereicht, in dem er die Sistierung des laufenden Rekrutierungsprozesses forderte. Für die Entwicklung der Kirchgemeinde sei ein gutes Einvernehmen zwischen Geschäftsleitung und Kirchenpflege-Präsidium unerlässlich, schrieb er. Aus diesem Grund solle die Stellenbesetzung bis nach der Wahl aufgeschoben werden.
Die Übergangskirchenpflege erteilte dem Anliegen jedoch eine Abfuhr. Unter dem Post von Res Peter auf Facebook schrieb Braunschweig dazu, dass die Exekutive «sicher nicht in schlechter Absicht entschieden» habe, sondern Verantwortung habe übernehmen wollen. «Aber, wie auch ich meine, wäre anderes klüger gewesen.» (vbu)