Kritik am Friedens-Appell des Papstes
Papst Franziskus hat mit einem missverständlichen Appell zu Friedensverhandlungen in Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine massiven Widerspruch ausgelöst. In einem Interview mit dem Schweizer Fernsehsender RSI sagte er: «Wenn man sieht, dass man besiegt ist, dass es nicht gut läuft, muss man den Mut haben zu verhandeln.» Ohne eine der Konfliktparteien Russland oder Ukraine beim Namen zu nennen, fügte Franziskus hinzu: «Schämen Sie sich nicht, zu verhandeln, bevor es noch schlimmer wird.»
Der Friedensaufruf des Papstes wurde vielfach als einseitiger Appell an die Ukraine verstanden, von manchen gar als Aufruf zur Kapitulation. Dies auch darum, weil das 87-jährige Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche die Formulierung von der «weissen Fahne» gebrauchte. Diese ist ein Zeichen der Kapitulation, also der kampflosen Aufgabe gegen die feindlichen Truppen.
Selenskyj: «Kirche ist bei den Menschen»
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wies den Appell von Papst Franziskus scharf zurück. In seiner allabendlichen Videoansprache sagte er, die Kirche sei bei den Menschen. «Und nicht zweieinhalbtausend Kilometer entfernt, irgendwo, um virtuell zu vermitteln zwischen jemandem, der leben will, und jemandem, der dich vernichten will.» Selenskyj fuhr fort: «Als das russische Böse am 24. Februar (2022) diesen Krieg begann, standen alle Ukrainer auf, um sich zu verteidigen. Christen, Muslime, Juden – alle.» Und er danke jedem ukrainischen Geistlichen, der in der Armee, in den Verteidigungsstreitkräften ist. Sie stünden an der vordersten Front, sie schützten das Leben und die Menschlichkeit, sie unterstützten mit Gebeten, Gesprächen und Taten. «Das ist es, was die Kirche ist – bei den Menschen.»
Auch Verbündete der Ukraine reagierten empört auf die Äusserungen des Papstes, so etwa die Regierungen von Polen und Deutschland. Über Frieden müsse verhandelt werden, aber auf Augenhöhe, so der Tenor. Die deutsche Aussenministerin Annalena Baerbock sagte, dass man den Mut haben müsse, an der Seite der Menschen in der Ukraine zu stehen und alles für die Ukraine zu tun, dass sie sich verteidigen könne. Wenn es eine minimale Chance gebe, dass die russische Seite Gesprächsbereitschaft zeige, «dann wäre die ganze Welt da und würde reden. Nur leider sehen wir jeden Tag das Gegenteil». Anja Siegesmund, die Präsidentin des Evangelischen Kirchentags 2025 in Hannover, liess sich mit den Worten zitieren: «Die Sehnsucht nach Frieden darf nicht dazu führen, dass das Recht des vermeintlich Stärkeren siegt.»
Vatikan bemüht sich um Klarstellung
Der Wiener Theologe Ulrich Körtner bezeichnete die Aussagen von Papst Franziskus als «politisch naiv». Franziskus habe schon von Anfang an in diesem Ukrainekonflikt relativierende Aussagen gemacht: «Er hat es nie wirklich vermocht, den Aggressor beim Namen zu nennen.» Es falle zudem auf, dass Franziskus auch gegenüber dem russischen Patriarchen von Moskau zurückhaltend ist, obwohl Kyrill sowohl Putin wie den Ukraine-Krieg unterstützt, beklagte Körtner.
Der Vatikan bemühte sich nach den missverständlichen Äusserungen seines Oberhaupts um Klarstellung. Dem Papst ginge es hauptsächlich darum, eine Einstellung der Feindseligkeiten zu erreichen, sagte ein Sprecher gegenüber dem Nachrichtenportal «Vatican News». «Der Papst greift das Bild der weissen Fahne auf, das der Interviewer vorschlägt, um die Einstellung der Feindseligkeiten, den mit dem Mut zur Verhandlung erreichten Waffenstillstand zu bezeichnen.» Franziskus wünsche sich vor allem eine «diplomatische Lösung für einen gerechten und dauerhaften Frieden». An anderer Stelle des Interviews habe der Papst klargemacht, dass eine Verhandlung «niemals eine Kapitulation» sei. (epd/ sda/ eba)