Nordirland

Krawalle in Belfast erschüttern das Vereinigte Königreich

In Brand gesteckte Autos und Häuser, Wurfgeschosse und islamfeindliche Parolen: Rassistisch motivierte Ausschreitungen haben nach einem Messerangriff Bewohner der nordirischen Hauptstadt Belfast in Angst und Schrecken versetzt.
Das Wichtigste in Kürze

Was löste die Krawalle in Belfast aus?
Die Ausschreitungen in Belfast folgten auf einen Messerangriff, bei dem ein Mann schwer verletzt wurde. Der mutmassliche Täter, ein Flüchtling aus dem Sudan, wurde wegen versuchten Mordes angeklagt. In den sozialen Medien verbreitete sich ein Video der Tat rasch und schürte die Spannungen in Nordirland.

Wie verliefen die Ausschreitungen in der nordirischen Hauptstadt?
Vor allem junge Männer zogen durch Belfast, setzten Fahrzeuge und Häuser in Brand und beschädigten Geschäfte. Nach Angaben der Polizei wurden Menschen wegen ihrer Herkunft angegriffen.

Welche Rolle spielen soziale Medien und wie reagieren die Behörden?
Politiker und Sicherheitsbehörden machen soziale Medien für die Eskalation mitverantwortlich. Sie verurteilten die Gewalt scharf und warnten vor weiterer Hetze im Internet.

Zu Beginn der Woche hat ein Messerangriff in Belfast mit einem Schwerverletzten zu ersten Spannungen in Nordirland geführt. Der mutmassliche Täter ist ein Flüchtling aus dem Sudan, der nun wegen versuchten Mordes angeklagt wurde. Krawalle waren bereits befürchtet worden, doch die Appelle zur Zurückhaltung von Politikern und Polizei verhallten ungehört.

Die meist jungen, männlichen Randalierer zogen durch die Stadt und setzten mehrere Fahrzeuge in Brand. Aus brennenden Wohnhäusern mussten in mehreren Teilen der Stadt Bewohner gerettet werden. Auch Geschäfte, darunter etwa ein türkischer Friseursalon, wurden beschädigt.

Auf der Fassade einer Imbissbude prangerte ein islamfeindlicher Schriftzug, immer wieder sollen die Randalierer «Ausländer raus!» skandiert haben. Zwei Beamte sind laut Polizei verletzt worden.

Damit kommt es nur wenige Tage nach dem Aufruhr rund um den Mord an dem Studenten Henry Nowak in Grossbritannien erneut zu Krawallen, die einem immer ähnlichen Muster zu folgen scheinen. Die Sorge vor einem neuen Krawallsommer wird damit immer grösser.

Video trotz Warnungen vielfach geteilt

Der britische Premierminister Keir Starmer verurteilte die Krawalle aufs Schärfste. «Die Szenen in Belfast letzte Nacht waren schockierend und völlig inakzeptabel», schrieb er in einem X-Beitrag. Menschen seien wegen ihrer Herkunft ins Visier genommen worden, «und das werde ich nicht tolerieren», versprach er. Die nordirische Regierungschefin, Michelle O'Neill, sprach auf X von «widerwärtiger Feigheit», bei der maskierte Männer Familien aus ihren Häusern vertrieben hätten.

Protestantischer Pastor rettet Frauen vor dem Mob

Pastor John McKee von der New Life City Church in Belfast wollte sich eigentlich aus den Krawallen in der Stadt heraushalten. Doch als er hörte, dass Mitglieder seiner Kirchgemeinde in Gefahr waren, setzte er sich ins Auto. So erzählte er es dem «Guardian». Die zwei Frauen, die er holen wollte, befanden sich in ihrem Haus. Das Nachbarhaus war ausgebrannt, die Feuerwehr sei vor Ort gewesen. Ebenso seien zwanzig maskierte Männer mit Steinen in den Händen auf der Strasse gestanden. McKee sagte: «Sie sahen kampfbereit aus, also musste ich zu ihnen gehen und mit ihnen sprechen.» Der weisshaarige Pastor handelte zehn Minuten aus, in denen er die beiden Gemeindemitglieder retten konnte. Er nahm sie zu sich nachhause, wo sie übernachten konnten. Die zwei Frauen seien «total traumatisiert» gewesen, sagte McKee. (dst)

Ein Video des Angriffs vom Montag, bei dem ein Mann schwer an Rücken, Gesicht und Augen verletzt worden war, machte in sozialen Medien die Runde und wurde trotz Warnungen der Polizei vielfach geteilt. Darin ist zu sehen, wie ein Angreifer auf einem blutüberströmten Mann sitzt und diesen mit einem Messer traktiert. Nach einer Weile wagen sich mehrere Männer in die Nähe und versuchen, den Angreifer von seinem Opfer zu trennen.

Bewohner schildern Verzweiflung und Angst

Am Morgen nach den Krawallen kehrte laut britischen Medien zunächst zwar Ruhe ein, die Stadtbewohner blickten jedoch auf verwüstete Strassen und Chaos. Die Angst vor weiteren Krawallen ist allgegenwärtig. In sozialen Medien kursieren bereits die nächsten Protestaufrufe.

Ein seit 2013 in Belfast lebender Mann mit Migrationshintergrund schilderte der Nachrichtenagentur PA, seine drei Kinder hätten während der Krawalle grosse Angst gehabt.

Ein anderer Bewohner schilderte den Schaden, den sein Haus bei den Ausschreitungen genommen habe. «Es ist zerstört, von oben bis unten komplett zerstört», sagte er.

Der nordirische Polizeichef Jon Boutcher sprach bei der BBC von «hirnlosen Idioten, die damit nur ihre eigene Zukunft ruinieren». «Letzte Nacht haben wir so viele Familien gerettet», sagte er, darunter auch ein zwei Monate altes Baby.

Angestachelt durch soziale Medien

Rechtsextreme und rassistische Krawalle sind in Grossbritannien nichts Neues. Eine Schlüsselrolle spielen dabei meist soziale Medien, wie auch die Labour-Abgeordnete Anna Turley gegenüber Times Radio sagt. Es gebe «böswillige Akteure, die oft viele, viele Kilometer entfernt sitzen. Es ist für sie ein Leichtes, diese Dinge anzufachen», sagte Turley.

Unter anderem US-Techmilliardär Elon Musk teilte im Vorfeld der Proteste zahlreiche Beiträge zu dem Messerangriff und rief etwa dazu auf, an den Protesten teilzunehmen. Agitatoren in sozialen Medien sollten sich nach der Gewalt in Belfast «von ihren Tastaturen fernhalten», warnte die nordirische Justizministerin Naomi Long. (dpa/ sda/ dst)

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