Kirche und Flüchtlinge: Die Vorzeigegemeinde

Die reformierte City-Kirche Offener St. Jakob in Zürich tut das, was die Menschen von den Kirchen erwarten: Flüchtlingen unkompliziert helfen. Ein Schulbesuch im wöchentlichen Deutschkurs für Migranten – und ein Aufruf an die Kirchenspitzen.

Deutschunterricht mit anschliessendem Mittagessen im reformierten Kirchgemeindehaus Aussersihl: Ein Projekt, das bereits seit sieben Jahren existiert. (Bild: Ursula Markus)

Zwei Säle im Kirchgemeindehaus Aussersihl: Voll mit Tischen, daran sitzen Menschen aus Syrien, Eritrea, Tibet, Mongolei, Iran, Irak und Syrien, rund 100 Personen. «Heute sind eher wenig da», sagt die Sozialdiakonin der Kirchgemeinde, Monika Golling, «der erste Freitag nach den Sommerferien ist meistens nicht so gut besucht». 180 Asylsuchende treffen sich jeweils jeden Freitag im Kirchgemeindehaus Aussersihl, um zwei Stunden Deutsch zu pauken und danach gemeinsam zu Mittag zu essen.

Eine Studentin erklärt ihren Schülern, wie sie fragen können, ob ein Stuhl noch frei ist – oder eben besetzt. Am Nebentisch erklärt ein pensionierter Gymnasiallehrer, wie die Gemüsesorten heissen, die auf den Memorykarten abgebildet sind. Und die 51-jährige Irène, Germanistin und Erwachsenenbildnerin, trainiert mit ihrer Gruppe den Akkusativ. Seit einem Jahr kommt sie unentgeltlich jeden Freitag ins Kirchgemeindehaus am Stauffacher. Lakonisch fällt ihre Antwort aus, warum sie dies tut: «Alle sprechen von Integration und Hilfe, ich wollte endlich mal etwas tun.» Ihre Erfahrungen in diesem Jahr seien durchwegs positiv, sagt sie: «Bei aller kultureller Unterschiedlichkeit überwiegen am Ende immer die Gemeinsamkeiten und Bedürfnisse, die alle Menschen teilen. Gemeinsam lachen, uns bestärken und helfen, das tut allen gut.»

Engagement aus Verärgeung über die Politik

Initiantin und Leiterin des Projekts ist Ruth Schucan. Im Foyer teilt sie die Schülerinnen und Schüler den Lehrpersonen zu, spricht dazwischen mit einer jungen Frau, die sich für ein freiwilliges Engagement als Lehrerin interessiert, und beantwortet später geduldig die Fragen des Journalisten. Damals, frisch pensioniert, startete sie das Projekt, weil sie den Ärger über die Flüchtlingspolitik hinter sich lassen wollte. Ganz verflogen ist der Ärger über die Politik allerdings nicht. Ruhig und doch entschieden spricht sie davon, dass es keine andere Möglichkeit gebe, als den Menschen zu helfen, sich hier zu integrieren, denn: «Die Menschen sind hier, oder sie sind auf dem Weg zu uns. Egal, ob wir das wollen oder nicht.» Die sieben Jahre, in denen sie bereits das Projekt leitet, hätten ihr gezeigt, dass Integration zwar nicht immer ganz einfach sei, aber: «Sie gelingt, wenn wir miteinander versuchen, die Probleme zu lösen.»

Pause. Die Frauen und Männer stehen auf dem Balkon des Kirchgemeindehauses, diskutieren angeregt, scherzen und lachen. Ruth Schucan sagt, dass die Stunden im Kirchgemeindehaus Aussersihl viel mehr seien als nur der Schulunterricht: «Der Freitag ist für viele auch ein Fixpunkt in ihrer Woche, er strukturiert den Alltag.» Dabei treffen sie auch andere Landsleute oder erfahren von einer Arbeitsmöglichkeit – wenn sie denn überhaupt arbeiten dürfen.

Reformierte sollen deutlicher Position beziehen

Schucan sagt, dass nicht die Religion der Grund für ihr Engagement sei: «Ich bin nicht religiös. Aber ich fühle mich aufgerufen, etwas zu tun.» Dabei lobt und kritisiert sie die Kirche zugleich. Was die Citykirche an eine «Willkommenskultur» gegenüber den Flüchtlingen ausstrahle, sei beispielhaft. Sie sei deshalb auch sehr dankbar für all die Freiheiten, die sie von der Kirchgemeinde erhalte, um den Flüchtlingen zu helfen. Sie sagt aber auch: «Wenn die Kirche eine Existenzberechtigung haben will, dann muss sie in der jetzigen Flüchtlingssituation etwas tun. Sofort, konkret und überall.»

Auch Sozialdiakonin Monika Golling wünscht sich, dass die Kirche noch mehr Engagement zeigt. Aber auch, dass die Stimmen an der Kirchenspitze zu dieser humanitären Krise vernehmlich zu hören sind. «Wir sollten als Reformierte dezidiert Position beziehen und uns konsequent im Wächteramt sehen. Gerade im Wahljahr.»

 


 

Zum Projekt

Das Projekt ist in Kooperation mit dem Solidaritätnetz «Solinetz» Zürich entstanden. Initiiert wurde es von Ruth Schucan. Waren es anfänglich fünf Freiwillige, engagieren sich heute deren 50. Finanziert wird das Projekt von der reformierten Kirchgemeinde Aussersihl, weitere Unterstützung leisten Stiftungen und das «Solinetz».

 

Informationen und Möglichkeit zur Mitarbeit:

 

Reformierte Citykirche Offener St. Jakob

Solidarnetz Zürich «solinetz»

 

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

Oliver Demont/ref.ch