Katholische Messe an Calvins Wirkungsstätte

Sie gilt als Hochburg der Genfer Reformation. Nun wird in der Kathedrale St. Peter erstmals seit 500 Jahren eine katholische Messe gefeiert. Was bedeutet das für die Ökumene im Kanton?

Der Stuhl des Genfer Reformators Johannes Calvin in der Kathedrale St. Peter. Hier findet am 29. Februar die erste katholische Messe seit der Reformation statt. (Bild: Keystone / Martial Trezzini)

«Das ist ein starkes Zeichen, vor allem nach dieser langen Zeit», sagt Jörg Stolz, Professor für Religionssoziologie. Am Samstag, 29. Februar, findet in der Genfer Kathedrale St. Peter eine katholische Messe statt – zum ersten Mal, seit die Kirche während der Reformation 1536 an die Protestanten überging.

Einen «symbolischen Schritt auf dem Weg zur Versöhnung» der Konfessionen sieht darin der Theologe Michel Kocher, Direktor des protestantischen Mediendienstes Médias-pro. Und Pascal Desthieux, Bischofsvikar für Genf, fügt hinzu: «Ich fände es wunderbar, wenn es in Genf eine jährliche Messe geben würde, so wie in Lausanne seit 2004.»

Desthieux wird die Messe in der Kathedrale St. Peter, der Hauptkirche der Genfer Protestanten und einst Wirkungsstätte von Johannes Calvin, halten. Zur Eucharistie, also zum Teilen von Brot und Wein, werden Personen mit einer anderen als der katholischen Konfession jedoch nicht formell eingeladen. Grund dafür: Im Jahr 2004 gab der Vatikan dazu ein sehr restriktives Dokument heraus.

«Unter diesen besonderen Umständen praktizieren wir daher das, was wir eucharistische Gastfreundschaft nennen: Jeder, der sich zum Empfang des Leibes Christi meldet, wird willkommen geheissen», sagt der Bischofsvikar.

Innerhalb der Eglise protestante de Genève (EPG) wurde der Anlass mit «der Begrüssung der Protestanten zur Kommunion» vorgestellt. Eine absichtlich offene, ja zweideutige Formulierung?

«Beide müssen sich bewegen»

«Es gibt grosse Unterschiede zwischen der offiziellen Position der katholischen Kirche und dem, was vor Ort geschieht», sagt Jörg Stolz. Einige Priester würden Formulierungen finden, dank denen sich alle eingeladen fühlten. Man könne die Dogmen nicht ändern, sie aber der täglichen Praxis anpassen. Jörg Stolz erinnert daran, dass die katholische Kirche global ist; wäre sie nur in Europa präsent, «wäre sie sicher schon längst offener».

Für Emmanuel Fuchs, Präsident der EPG, ist der Anlass eine Gratwanderung; man werde sehen, wie es laufe. «Wenn sich kein Protestant willkommen fühlt, wird es ein Fehlschlag.»

Gemäss Michel Kocher wird der symbolische Akt nur dann ein Erfolg, wenn sich beide Seiten bewegen. «Die Protestanten müssen über Calvins Wahrnehmung der Messe als Götzendienst hinausgehen. Und die Katholiken müssen akzeptieren, dass sich die Protestanten an der Kommunion beteiligen, aber gleichzeitig protestantisch bleiben. Es wird nur funktionieren, wenn sich beide diese Mühe machen», erklärt der Theologe.

Gemischte Reaktionen

Die Katholiken sehen in der Messe, die auf Einladung der Protestanten gehalten wird, bereits jetzt einen Erfolg. «Das ist eine starke ökumenische Geste, die wir mit grosser Freude und Dankbarkeit aufnehmen. Ich habe nur positive Reaktionen darauf erhalten», sagt Pascal Desthieux.

Die Protestanten hingegen berichten von eher gemischten Reaktionen. «Einige waren überrascht, sogar beleidigt. Aber unsere Kirche hat die Möglichkeit zu debattieren und gegensätzliche Meinungen zuzulassen», sagt Emmanuel Fuchs.

Gesucht: Eine neue Ökumene

Im weiteren Sinne erwarte die Gesellschaft den interreligiösen Dialog, meint Jörg Stolz. Diese Messe ermögliche es den Kirchen, diesbezüglich ein gutes Bild von sich zu vermitteln. Für den Soziologen rücken die grossen christlichen Konfessionen in der Schweiz ohnehin immer näher zusammen. Das liege auch an der Säkularisierung. «Bis 1960 gab es viele Differenzen zwischen Protestanten und Katholiken. Die älteren Generationen wurden auf beiden Seiten noch diskriminiert. Mischehen waren verpönt. Aber das ist Vergangenheit.»

«Wir suchen nach neuen Wegen, um die Ökumene voranzubringen, um institutionelle Blockaden zu überwinden. Dank des Vertrauens zwischen den beiden Genfer Kirchen ist das möglich», erklärt auch Emmanuel Fuchs.

Die Messe wird, wie von den Protestanten gewünscht, vom Bischofsvikar geleitet und nicht von Charles Morerod, dem Bischof der Diözese Lausanne, Genf und Freiburg. «Dies ist eine lokale Veranstaltung», sagt dazu Pascal Desthieux. Die Zeit wird zeigen, ob es zu einer Wiederholung kommt. (protestinfo.ch)