«Es ist eine reformierte Tradition, demokratische Entscheide zu akzeptieren»

Die Abstimmung über das neue Personalgesetz hat in Luzern für grosse Diskussionen gesorgt. Seit Anfang Jahr ist das Gesetz nun in Kraft. Synodalratspräsidentin Ursula Stämmer-Horst spricht im Interview darüber, wie sie die Risse kitten will, welche Änderungen noch bevorstehen und was sie über eine Fusion mit der katholischen Kirche denkt.

Ursula Stämmer-Horst, Synodalratspräsidentin der Reformierten Kirche Kanton Luzern, muss unter anderem die 2015 vom Volk angenommene Kirchenverfassung umsetzen. (Bild: zVg)

Frau Stämmer-Horst, die Luzerner Pfarrschaft ist im vergangenen Jahr Sturm gelaufen gegen das neue Personalgesetz. Wie planen Sie nun die Wogen zu glätten?
Es stimmt: Die Situation war schwierig und es gab Verletzungen hüben wie drüben. Als Synodalrat haben wir uns aber immer bemüht sachlich zu bleiben und allen Beteiligten mit Respekt zu begegnen. Das tun wir auch weiterhin. Wir versuchen, wieder gemeinsam mit den Gegnern des Gesetzes den Faden zu finden, ohne so zu tun, als wäre nichts gewesen.

Können Sie dafür ein Beispiel geben?
Vor Kurzem haben wir eine Veranstaltung organisiert, wo ich gemeinsam mit Kirchenbundspräsident Gottfried Locher die Pfarrschaft bekocht habe. Solche Anlässe sind Gelegenheiten, um miteinander ins Gespräch zu kommen.

Reicht das, um die Pfarrer wieder ins Boot zu holen?
Nun, wir müssen hier die Relationen sehen: Das Gesetz wurde mit einer Zweidrittelmehrheit angenommen, was im Übrigen auch der Zustimmung in der Synode entspricht. Nur zwei Gemeinden haben das Gesetz abgelehnt. Dieses Resultat spricht eine klare Sprache. Darüber hinaus ist es eine Schweizer – und eine reformierte – Tradition, demokratische Entscheidungen zu akzeptieren. Zu sagen, okay, wir haben verloren, nun arbeiten wir trotzdem weiter. Auch wenn das dem einen oder anderen vielleicht noch schwerfällt.

Pfarrer werden neu nicht mehr vom Volk gewählt, sondern vom Kirchenvorstand angestellt. Einige Pfarrer äusserten deshalb Bedenken, ständig wechselnden Behörden ausgeliefert zu sein oder gar von ihnen bevormundet zu werden. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Kirche als Arbeitgeberin unattraktiv wird?
Überhaupt nicht. Ich frage mich vielmehr, ob es besser ist, wenn man einen Personalkonflikt auf Teufel komm raus aushalten muss, nur weil jemand für eine bestimmte Zeit gewählt ist. Ich bin der Meinung: Wenn es zwischen einem Kirchenvorstand und einem Pfarrer nicht funktioniert, muss es möglich sein, das Arbeitsverhältnis aufzulösen.

Und zwar ohne eine Volkswahl abzuhalten?
Ja. Und selbst das ist nicht so einfach, wie es vielleicht klingt. Sie können nicht einfach jemandem den «Blauen Brief» in die Hand drücken, sondern Sie müssen erst Mitarbeitergespräche führen, Ziele setzen und kontrollieren, ob diese erreicht wurden oder nicht. Auch die Pfarrpersonen sind durch das Arbeitsrecht geschützt.

Der Synodalrat stellte sich auf die Position, die Abschaffung der Volkswahl sei bereits in der Verfassung angelegt, die Ende 2015 vom Kirchenvolk angenommen wurde. Dahinter könne man nicht zurück. Die Gegner sahen es anders: Sie präsentierten einen Kompromissvorschlag, der die Volkswahl beibehalten und die Verfassung dennoch gewahrt hätte.
Diesen Vorschlag gab es tatsächlich, aber die Synode lehnte ihn ab. Auch das gehört zur Demokratie. Übrigens: Das Personalgesetz wurde damals von einer grossen Arbeitsgruppe erarbeitet, in der auch die Pfarrpersonen vertreten waren. Sie trugen den Vorschlag mit.

Es braucht Übersetzer für die kirchliche Sprache. Damit die Leute verstehen: Hey, die Kirche zieht dir nicht nur die Steuern ein, sondern sie hat dir auch etwas zu sagen.

Bleiben wir noch einen Moment bei der Verfassung. Welche Anpassungen folgen noch aus dieser neuen Grundlage?
Als nächstes stehen das Organisationsgesetz und das Finanzhaushaltsgesetz an, wo es vor allem um organisatorische Aspekte gehen wird. Auch ist geplant, dass wir auf den Sommer hin den Synodalrat von sieben auf fünf Mitglieder verkleinern. Der grösste Brocken ist aber die neue Kirchenordnung. Die werden wir mit allen, die interessiert sind, in einer sogenannten Grossgruppenkonferenz erarbeiten.

Was heisst das genau?
Ganz einfach formuliert, treffen sich etwa 200 Leute in einem grossen Saal und diskutieren gruppenweise darüber, welche Punkte ihnen für die Zukunft der Kirche wichtig sind. Die Aufgabe der Landeskirche wird sein, Themen für diese Gruppen vorzugeben. Momentan sind wir am diskutieren, wie offen respektive eng wir die Vorgaben halten wollen. Auch die Pfarrer werden in die Vorbereitungen einbezogen.

Aktuell werden die Behörden der Luzerner Kirche neu organisiert. Dabei wird unter anderem der Kommunikationsbereich aufgestockt. Warum?
Meiner Meinung nach gibt es zwei Gründe, warum Kommunikation für die Kirchen immer wichtiger wird. Zum einen müssen wir uns gegen aussen noch mehr zeigen. Denn was wir machen, ist gut, und davon dürfen wir ruhig auch öfter sprechen. Zum anderen verstehen die Menschen die kirchliche Sprache, die Bibeltexte und Kirchenlieder nicht mehr. Da braucht es Übersetzer, die diese Inhalte auf moderne Art vermitteln. Damit die Leute verstehen: Hey, die Kirche zieht dir nicht nur die Steuern ein, sondern sie hat dir auch etwas zu sagen.

Was hat sie den Menschen denn zu sagen?
Sie hat Werte zu vermitteln. Solidarität, Mitmenschlichkeit, Achtsamkeit, das Sorgetragen zur Natur und zu den Ärmsten – für all das stehen wir in der Kirche.

In Luzern wird immer wieder die Wichtigkeit der Ökumene betont. Wie stehen Sie als reformierte Synodalratspräsidentin dazu?
Ökumene ist mir schon aus persönlichen Gründen sehr wichtig. Meine Schwiegermutter war katholisch, mein Grossvater nach seiner zweiten Heirat auch. Daneben muss man aber auch anerkennen, dass wir in Luzern vieles gar nicht realisieren könnten ohne unsere katholische Schwesterkirche. Wir sind nun mal eine sehr kleine Kirche, die zudem wie alle anderen auch gegen Mitgliederschwund kämpft. Darum bin ich überzeugt: Wenn das Christentum eine Zukunft haben soll, dann müssen wir zusammenarbeiten.

Wie sieht diese Zusammenarbeit für Sie aus?
In Luzern leben wir zum Beispiel eine grosse Offenheit bei Eucharistie und Abendmahl. Wir führen gemeinsame Anlässe wie etwa künftig die Lange Nacht der Kirchen durch oder finanzieren soziale Institutionen wie die Gassenküche. Schon im Jahr 2000 fand ausserdem in Luzern eine ökumenische Synode statt, wo gar die Frage diskutiert wurde, ob die beiden Kirchen fusionieren sollen.

Ich finde, wir Christen müssen mehr von dem reden, was uns verbindet, und nicht von dem, was uns trennt.

Für die meisten Reformierten dürfte das unvorstellbar sein. Schon alleine wegen der Frauenfrage oder wegen des Zölibats.
Ich will damit ja auch nur sagen, wie weit wir in Luzern in Bezug auf die Ökumene bereits gedacht haben. Schon vor 20 Jahren haben wir uns erlaubt, diese Frage zu diskutieren.

Könnten Sie sich denn eine Fusion vorstellen?
Ich finde einfach, wir müssen mehr von dem reden, was uns verbindet, und nicht von dem, was uns trennt.

Sie beantworten die Frage nicht.
Stimmt. Es wäre ja auch unrealistisch. Konkret können wir aber die Einheit der Christen fördern, indem wir noch intensiver die Ökumene leben.

Letzte Frage: Sie sind als Quereinsteigerin zum Synodalrat gestossen, davor waren Sie 16 Jahre lang Stadträtin in Luzern. Was unterscheidet die weltliche Politik von der Kirchenpolitik?
Ich würde nie sagen, das eine ist besser als das andere. Aber die Kirche hat die Chance, gewisse Themen aus der Botschaft des Evangeliums heraus zu bewirtschaften, die in der weltlichen Politik parteipolitisch abgehandelt werden. Dazu gehören etwa Umverteilungsfragen oder der Naturschutz.