Gemeinsames Abendmahl: Der Teufel steckt im Detail

Reformierte und Katholiken sollen gemeinsam Abendmahl feiern können. Hüben wie drüben wird dieser Wille seit einiger Zeit immer wieder bekräftigt. Alles nur Lippenbekenntnisse im Reformationsjubiläumsjahr? Zwei reformierte Theologen debattieren.

«Das Abendmahl» des italienischen Künstlers Leonardo Da Vinci. (Bild: Keystone/Antonio Calanni)

«Es kann gar kein anderes Ziel geben, als dass wir an denselben Altar kommen», sagte Ökumene-Kardinal Kurt Koch diesen Frühling zur Frage des gemeinsamen Abendmahls von Katholiken und Reformierten. Auch Kirchenbundpräsident Gottfried Locher bekräftigte diese Absicht an der ökumenischen Feier «Gemeinsam zur Mitte» am 1. April in Zug: «Ich werde darauf hinwirken, dass wir einmal gemeinsam Abendmahl feiern können.» Und der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, sprach sich jüngst dafür aus, das gemeinsame Abendmahl nicht erst an das Ende eines ökumenischen Prozesses zu setzen. Wenn man es schon früher feiere, könne das dem Prozess Kraft geben.

Wo also liegt das Problem?

Die reformierte Theologin Sabine Brändlin und der Pfarrer Burghard Fischer erörtern in einem Gespräch die Knackpunkte in der Abendmahlsfrage und erklären ihr Verständnis von Brot und Wein. Sie haben sich in einem E-Mail-Wechsel Fragen gestellt und jeweils die des anderen beantwortet.

 

Sabine Brändlin: Lieber Herr Fischer, welche Geschichte verbindet Sie mit dem Abendmahl?

Burghard Fischer: Ich bin ja katholisch aufgewachsen und war als Junge oft Messdiener. Ich war gebannt von den Lichtreflexionen beim Eingiessen des Weins in den goldenen Kelch. Das war ein ganz naiver, ästhetischer Zugang. Später habe ich das Abendmahl dann in verschiedenen Kirchen mitgefeiert: in unierten, lutherischen, reformierten, anglikanischen, presbyterianischen und auch methodistischen. Ganz grundsätzlich: Mich fasziniert die Vielgestaltigkeit der Abendmahlstraditionen. Gleichwohl ist ein verbindender Kern spürbar: ein Mahl zur Stärkung auf dem Weg zur Einheit. Das lässt mein ökumenisches Herz höher schlagen.

Und welche Abendmahls-Erfahrungen haben Sie geprägt, Frau Brändlin?

Sabine Brändlin: Während meiner zwölf Jahre im Pfarramt stellte ich fest: Ein Abendmahl als blosse Erinnerung und Gaben, die nur Symbol sein sollen, lassen mich leer nach Hause gehen. Ich machte mich deshalb auf die Suche nach einem Mahl, das mich wirklich stärkt und meinen Glauben nährt. Fündig wurde ich unter anderem in der ökumenischen Kommunität Iona in Schottland, in lutherischen und anglikanischen Gemeinden, aber auch in reformierten Kommunitäten hierzulande. Dank meines Ehemannes bin ich auch in der katholischen Tradition zuhause. Dass das Mahl zu einem entscheidenden Grund für die Kirchentrennung wurde, geht mir bis heute nicht in den Kopf. All diese Erfahrungen konnte ich letztes Jahr in eine Abendmahlsliturgie einfliessen lassen, die ich zusammen mit Kirchenbundpräsident Gottfried Locher verfasst habe.

Sie sprechen von der Einheit, Herr Fischer. Sehen Sie Möglichkeiten, damit das Abendmahl gemeinsam gefeiert werden kann?

Burghard Fischer: Wir feiern ja schon zusammen! Obwohl jahrzehntelange Praxis, wird genau das kritisiert, so von der Bischofskonferenz. Die Praxis und die offiziellen Positionen klaffen leider auseinander. Für mich ist die gemeinsame Feier einfach möglich, indem ich sagen kann «Kommt, es ist alles bereit». Ich spreche diese Einladung bewusst und mit dem ganzen theologischen Gewicht, dem kirchlichen und ökumenischen Selbstverständnis aus. Alle sind eingeladen, die die Gemeinschaft mit Jesus Christus suchen. Diese brückenbauende Weite ist mir wichtig. Ich muss auch respektieren, wenn für andere das Abendmahl die Krönung der sichtbaren Einheit und nicht Mittel auf dem Weg dorthin ist. Und da ist es nicht matchentscheidend, ob wir Reformierte das Abendmahl nach der Messordnung feiern können. Natürlich können wir das. Bislang wurden solche Liturgien jedoch kaum rezipiert. Ich bin gespannt und skeptisch zugleich, ob Ihre Aargauer Jubiläumsliturgie daran etwas ändern wird.

Mit den Worten «blosse Erinnerung» und «nur Symbol» bringen Sie das Abendmahlsverständnis ins Gespräch. Was stärkt Sie denn beim Mahl und welcher Glaube wird da genährt, Frau Brändlin?

Sabine Brändlin: Beim Abendmahl stärkt mich die Verbundenheit mit Christus. Ich nehme am Abendmahl teil in der Hoffnung, seine Nähe zu erfahren und von ihm für meinen weiteren Weg gestärkt zu werden. Von der Erinnerung an das letzte Mahl von Jesus mit den Seinen lebe ich nicht. Die Gegenwart Christi heute ist für mich zentral. Deshalb sind mir diese Worte von Zwingli wichtig: «Wir glauben, dass Christus beim Abendmahl wahrhaft anwesend ist, ja wir glauben nicht einmal, dass es ein Abendmahl sei, wenn nicht Christus gegenwärtig ist … wir glauben, dass der wahre Leib Christi beim Abendmahl sakramental und geistlich gegessen wird.»

Welche Bedeutung haben für Sie die Gaben von Brot und Wein?

Burghard Fischer: Für mich steht die biblische Bedeutung an erster Stelle. Und da merke ich, dass auch mir blosse Erinnerung zu wenig ist. Denn in Brot und Wein empfange ich Leben und Heil. Die ständige Verbindung und Gemeinschaft mit Christus stehen im Zentrum. Das ist der Kern des biblischen Abendmahlsverständnisses. Im Brot gibt Jesus sich selbst und zwar als den ans Kreuz Gehenden. Indem ich an Leib und Blut Christi teilhabe, wird mir ewiges Leben schon jetzt geschenkt. All das ist ein tiefes Geheimnis, es ist unfassbar und existentiell tragend zugleich für mich. Der Zugang wird mir erleichtert durch die grosse symbolische Bedeutung von Brot und Wein: Das ist eine archaische Urmahlzeit, allumfassend und nährend für Leib und Seele.

Ich möchte nochmals zurückkommen auf die von Ihnen mitverfasste «katholisierende» Reformationsliturgie, Frau Brändlin. Ich meine, wir müssen nicht bei der katholischen Messe Anleihen machen, um ökumenisch Abendmahl zu feiern. Es würde reichen, gemeinsam auf die jüdische Tradition zurückzugreifen. Aber gerade der jüdische Tischsegen fehlt beispielsweise in Ihrer Liturgie, obwohl er Teil der katholischen Messe ist. Da frage ich mich schon: Warum?

Sabine Brändlin: Wichtig scheint mir, dass eine Liturgie, die ökumenisch orientiert ist, nicht mehr als «katholisierend» bezeichnet wird. Auch wir Reformierte gehören der 2000-jährigen allgemeinen, katholischen Kirche an. Mit der Aargauer Jubiläumsliturgie stellen wir uns bewusst in diese grosse christliche Tradition. Wir möchten damit einen Beitrag leisten, um in eine ökumenische liturgische Weite zu führen. Wichtig für ökumenisches Feiern sind die Worte, die Angehörige anderer Konfessionen im Gottesdienst auswendig mitsprechen. Das schafft Verbindung und Vertrautheit. Die Elemente des jüdischen Tischsegens, die in der katholischen Messe enthalten sind, werden jedoch nicht von der Gemeinde, sondern ausschliesslich vom Priester gesprochen, deshalb haben wir sie in der Aargauer Jubiläumsliturgie nicht aufgenommen. 

Burghard Fischer: Natürlich werden diese Worte nicht von den Gläubigen gesagt, sie werden innerlich mitgesprochen. Im Kern scheint es für mich um die Frage zu gehen, welche ökumenischen Signale in einem Jubiläumsjahr gesetzt werden. Einig sind wir uns im Ziel der gemeinsamen Feier des Abendmahls. Wer als Katholik die Aargauer Jubiläumsliturgie mitfeiert, wird viel Vertrautes wiederfinden. Das ist anerkennenswert. Die Hinwendung zur Tradition der Messe spart aber für reformierte Ohren ungewohnt Klingendes aus: Gebet für Papst und Bischöfe, Opfertheologie, Wandlung usw. Im Ungesagten stechen nolens volens dann halt doch die Uneinigkeiten heraus. Auch die reformierte Sicht des Abendmahls hat für mich mittlerweile eine Tradition, die wir einbringen dürfen. Zu deren Schönheit gehört, dass jeweils ein biblischer Text die gesamte Liturgie, und eben auch das Abendmahl, thematisch bestimmt. Dies macht insofern ein in allen Gottesdiensten immer wieder verlesenes Abendmahlsformular nur beschränkt möglich.

Sabine Brändlin: Es geht darum, die Stärken beider Konfessionen aufzugreifen. Deshalb ist es bei der Aargauer Jubiläumsliturgie selbstverständlich, dass ein Bibeltext im Zentrum steht, der in der Predigt ausgelegt wird und der auf das Abendmahl hinführen kann. Hier kommt die reformierte Tradition klar zur Geltung. Zudem zeigt sich unterdessen, dass diese Liturgie auch für reformierte Ohren schnell vertraut wird. So hat die Aargauer Landeskirche den vergangenen Ordinationsgottesdienst mit dieser Liturgie gefeiert. Menschen mit unterschiedlicher theologischer Beheimatung, sei es eher liberal oder eher evangelikal, haben sich sehr angesprochen gefühlt.