Kantone halten Religionsunterricht auf Sparflamme

An Deutschschweizer Schulen wird seit kurzem nach dem Lehrplan 21 unterrichtet. Auch die Religionskunde soll dabei ihren festen Platz haben. Eine erste Zwischenbilanz zeigt aber: Bei der Vergabe der Lektionen bleiben die meisten Kantone unter den empfohlenen Richtwerten. Das sorgt für Kritik.

Mit dem Lehrplan 21 soll Schülerinnen und Schülern auch Grundwissen in den Religionen vermittelt werden. Doch dieser Unterricht findet kaum statt, kritisiert die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz. (Bild: KEYSTONE/Christian Beutler)

Es brauchte jahrelange Diskussionen und etliche Abstimmungen, bis es soweit war: 2017 und 2018 führte der Grossteil der Deutschschweizer Kantone den Lehrplan 21 ein. Mit dem Kanton Aargau folgt im kommenden Jahr noch der letzte Kanton. Neu zum obligatorischen Schulfach wird damit auch der Religionsunterricht. Er wird in den Fachbereichen «Natur, Mensch, Gesellschaft» (Primarstufe) und «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» (Sekundarstufe) vermittelt.

Kurz nach der Einführung wird nun aber bereits Kritik an der Umsetzung laut. In einer Stellungnahme vom 9. Dezember erklärt die Interreligiöse Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz (IRAS COTIS) die Religion zum «Sorgenkind» des Lehrplans 21. Für tausende von Schülerinnen finde der Religionsunterricht derzeit kaum statt.

Grundlage der Kritik ist eine Auswertung der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz (D-EDK). Darin vergleicht die Konferenz die kantonalen Stundentafeln der einzelnen Fachbereiche mit den von ihr empfohlenen Richtwerten. Der ernüchternde Befund: Lediglich drei von 21 Kantonen erreichen im Fachbereich «Natur, Mensch, Gesellschaft» die vorgeschlagene Anzahl von Lektionen. Auch der Fachbereich «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» schneidet kaum besser ab.

Verunsicherung beim Thema Religion

Nicht ausgewiesen wird in der Auswertung allerdings, welchen Anteil die Religionen in den genannten Fachbereichen genau ausmachen. So umfasst «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» neben Religionskunde etwa auch Philosophie. Für Simon Gaus Caprez, Projektleiter bei IRAS COTIS, ist das Ergebnis trotzdem alarmierend. «Für das Zusammenleben in unserer pluralen Gesellschaft ist ein minimales Grundwissen über Religionen zentral. Dieser Standard ist durch die aktuelle Umsetzung des Lehrplans 21 gefährdet.»

Schuld an der Misere seien aber nicht nur zu wenige Wochenstunden. Vielmehr würden die Lektionen der entsprechenden Fachbereiche teilweise zweckentfremdet. «In manchen Kantonen wie zum Beispiel in Basel-Stadt werden diese Lektionen auch für die Klassenstunde oder die berufliche Orientierung verwendet», sagt Gaus Caprez.

Bei vielen bildungspolitischen Akteuren sei zudem eine Verunsicherung zu spüren. «Religion ist gesellschaftspolitisch ein heikles Thema. Statt sich daran die Finger zu verbrennen, gibt man es lieber aus der Hand», sagt er. Auch bei Lehrpersonen gebe es teilweise Berühungsängste.

Skepsis gegenüber neuem Lehrstoff

Bestätigen kann dies die Religionswissenschaftlerin und Dozentin Petra Bleisch. Sie macht im Kanton Freiburg Lehrpersonen für den Lehrplan 21 fit. Wie stark eine Lehrperson die Religion im Unterricht gewichte, hänge unter anderem von ihren Vorkenntnissen ab. Schwierigkeiten könne es geben, wenn eine Lehrerin oder ein Lehrer keine Ausbildung in Religionskunde habe. Dies sei insbesondere in jenen Kantonen der Fall, wo die Klassenlehrpersonen als Fachlehrpersonen weitergebildet würden, selber aber in anderen Fächern wie zum Beispiel Deutsch, Mathematik oder Sport ausgebildet worden seien. «Bei solchen Personen ist dann oft Skepsis spürbar, weil sie nicht verstehen, warum sie die neuen Fächer unterrichten sollen», sagt Bleisch.

Dass der Fachbereich vor allem wegen der Religion unterdotiert ist, glaubt Bleisch aber nicht. Die Stundenaufteilung sei Sache der Kantone und hänge unter anderem davon ab, wie ein Kanton die Fächer vor Einführung des Lehrplans 21 gewichtet habe. «Im Kanton Freiburg beispielsweise haben die Naturwissenschaften einen hohen Stellenwert. Dagegen müssen nicht nur die Religionskunde, sondern die meisten geisteswissenschaftlichen Fächer in den Hintergrund treten», sagt Bleisch.

«Ein Flickenteppich»

Auch bei der Harmonisierung des Lehrplans liegt noch einiges im Argen. Von einem gesamtschweizerisch einheitlichen Unterricht kann derzeit nicht die Rede sein. So wird etwa im Kanton Solothurn der Religionsunterricht komplett den Landeskirchen überlassen. Und im Kanton St. Gallen können Schülerinnen selber entscheiden, ob sie den Unterricht beim Staat oder den Landeskirchen besuchen. «In seiner jetzigen Form ist der Lehrplan 21 in Sachen Religion ein einziger Flickenteppich», sagt Simon Gaus Caprez.

In Stein gemeisselt sind die kantonalen Stundentafeln allerdings nicht. Beim Kanton Basel-Stadt bestätigt man auf Anfrage, dass in einem von drei Sekundarschuljahren im Fach «Ethik, Religionen, Gemeinschaft» zugleich die berufliche Orientierung und die Klassenstunde stattfindet. Ob diese Aufteilung funktioniert, untersucht derzeit eine Arbeitsgruppe. Der Kanton wolle damit sicherstellen, dass kein Fachbereich zu kurz komme. Dies könne entsprechende Anpassungen zur Folge haben.