Woche der Religionen
«Die Geschichte der Jesiden ist eine Geschichte des Überlebens. Wir wollen endlich leben»
Frau Tekkal, viele kennen die Jesiden vor allem wegen des Völkermords durch den IS. Was sollten sie darüber hinaus über Ihre Religionsgemeinschaft wissen?
Dass die Jesiden einen zutiefst altruistischen Glaubensgrundsatz haben: Gott schütze alle Völker und zuletzt uns Jesiden. Damit meinen wir auch diejenigen, die uns massakriert haben. Das zeigt die Friedfertigkeit unserer Religion. Wir missionieren nicht und unterscheiden nicht zwischen Himmel und Hölle, Schuld und Sünde wie die abrahamitischen Religionen. Das Jesidentum gehört zu den ältesten monotheistischen Religionen der Welt. Und obwohl wir seit Jahrhunderten verfolgt werden, gibt es uns noch immer. Wir stehen also für eine enorme psychische Widerstandskraft, für Resilienz, die es in dieser extremen Welt aktuell braucht.
Der jesidische Glaube wird vor allem mündlich überliefert. Nun zeigen Sie mit der von Ihnen mitgegründeten Organisation Hawar.help in Zürich eine Ausstellung über die Geschichte und Kultur Ihrer Gemeinschaft. Findet ein Wandel im Umgang mit Ihrer Religion statt?
Ja, seit dem Genozid gab es eine Verschiebung. Jesidinnen und Jesiden wollen hörbarer, sichtbarer, präsenter sein. Denn wir haben festgestellt, dass Öffentlichkeit, die uns früher gefährdet hat, heute eine Überlebensstrategie ist. Gerade junge Jesidinnen und Jesiden engagieren sich gegen Falschinformationen und Anfeindungen. Die Geschichte der Jesiden ist eine Geschichte des Überlebens. Nun wollen wir endlich leben. Und dazu gehört, dass wir dieselben Kulturräume besetzen dürfen wie alle anderen auch.
Düzen Tekkal, 1978 als Tochter einer kurdisch-jesidischen Familie in Hannover geboren, arbeitet als Journalistin, Autorin und Sozialunternehmerin. Nach dem Genozid der Terrorgruppe IS an den Jesiden im Jahr 2014 dokumentierte sie die Verbrechen vor Ort als Kriegsberichterstatterin und gründete kurz darauf die Menschenrechtsorganisation Hawar.Help. Zudem rief sie die Bildungsinitiative #German Dream ins Leben, die sich gegen Extremismus einsetzt. Für ihr Engagement wurde Tekkal mehrfach ausgezeichnet, 2021 erhielt sie das Bundesverdienstkreuz. (gab)
(Bild: Paul Küster)
Sie haben im Rahmen einer Ausstellung in Berlin gesagt, die Jesiden müssten endlich ihre eigene Geschichte erzählen können. Wer hat sie bisher erzählt?
Als Kind wollte ich unbedingt wissen, woher wir kommen. Aber es gab kaum Literatur über uns. Die wenigen Bücher, die es gab, stammten von einer handvoll westlicher Historiker wie John S. Guest. Karl May hat mit seinem Roman «Durchs wilde Kurdistan» zudem Ressentiments über uns verbreitet, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein. Die Jesiden beschrieb er als Teufelsanbeter. Solche falschen Zuschreibungen haben bis heute tödliche Folgen. Auch der sogenannte Islamische Staat (IS) hat damit seine Verfolgung gerechtfertigt. Es wurde höchste Zeit, dass wir unsere Geschichte selbst erzählen. Genau deshalb haben wir das Yazidi Archive Project gegründet. Es ist ein viersprachiger Wissensspeicher von Jesiden für Jesiden, aber auch für Forschende und die Öffentlichkeit.
Wie haben Sie selbst den Glauben in Ihrer Kindheit in Deutschland erlebt?
Vor allem durch Rituale, Gebote und Verbote. Oft hiess es: Das darfst du nicht, weil du Jesidin bist. Wenn ich nach dem Warum fragte, bekam ich keine Antwort. Ich war ein neugieriges Kind und habe meine Eltern, meine Grossmutter, Onkel und Tanten mit Fragen gelöchert. Warum essen wir keinen Kopfsalat? Warum dürfen wir die Farbe blau nicht tragen? Weshalb ist der Mittwoch unser heiliger Tag? Irgendwann wurde ich selbst zu einer Art Datenbank. Es war ein sehr traditionelles Religionsverständnis, das vor allem vermittelte, was man nicht durfte.
Sie haben diese religiösen Traditionen auch als Einschränkung erlebt.
Ja, gerade als junge Frau habe ich den Glauben nicht nur als etwas Schönes empfunden. Er war für mich auch bedrückend. Es gab zu viele Verbote, zu viel Rücksichtnahme auf kulturelle Erwartungen. Ich wollte mich davon emanzipieren und möglichst weit weg.
2014 reisten Sie für eine Dokumentation zu Ihren Wurzeln in den Irak und nach Syrien und wurden plötzlich Zeugin des Völkermords an den Jesiden. Was hat diese Erfahrung mit Ihrem Glauben gemacht?
Ich bin gläubiger geworden. Das klingt vielleicht merkwürdig, aber der Völkermord hat mich meinem Glauben nähergebracht. Wenn die eigene Religion plötzlich mit Waffengewalt verteidigt werden muss, verändert das alles. Ich war damals auch in Lalisch, unserem heiligen Zentrum im Nordirak. Der IS stand nur wenige Kilometer entfernt. Ich sah diesen Ort, an dem jeder Stein eine Geschichte erzählen könnte, und wusste: Ich muss alles tun, damit diese Religion nicht verschwindet. Das bedeutet nicht, dass ich ihre Traditionen unkritisch sehe. Aber ich will dazu beitragen, dass sie erhalten bleibt.
Gleichzeitig habe ich mir dort geschworen, dass der Genozid nicht das Einzige sein darf, das die Menschen von uns in Erinnerung behalten. Auch der Kampf dagegen, die Würde, die Haltung, der Schmerz, die Menschlichkeit haben einen Raum verdient.
Sie haben mit Überlebenden gesprochen und unvorstellbares Leid gesehen. Im Jesidentum gibt es keinen Teufel als Gegenspieler Gottes. Wie erklären sich Jesidinnen und Jesiden, dass Gott einen solchen Völkermord zulässt?
Dass wir keinen solchen Gegenspieler kennen, bedeutet nicht, dass das Böse nicht existiert. Aber in unserer Religion ist nicht alles gottgegeben. Wir dürfen Widerstand leisten. In unserem Glauben spielt der Engel Tausi Melek, der durch einen Pfau symbolisiert wird, eine zentrale Rolle. Ich habe das Gefühl, dass er uns begleitet und beschützt. Daraus schöpfe ich ein Urvertrauen.
Entscheidend ist für mich, dass wir uns vom Bösen nicht selbst zum Bösen verleiten lassen. Ein passendes Bild ist das Feuer, das bei uns auch eine grosse Rolle spielt. Wenn man sich uns friedlich nähert, wärmt es. Ansonsten können wir mit dem Feuer auch das Negative verbrennen.
Ist das auch der Grund für Ihr Engagement gegen religiösen Extremismus?
Eindeutig. Dieser Kampf ist tief in mir verankert und wird mich mein Leben lang begleiten. Ich kritisiere auch einen Feminismus, der die Gefahr des Islamismus verkennt, relativiert oder schönredet. Meine Lebenserfahrung als Kurdin und Jesidin ist eine ganz andere. An uns wurde ein Völkermord verübt, kurdische Frauen haben gegen die IS-Terroristen gekämpft. Da kann ich nicht tatenlos zusehen. Für mich gehören der Kampf gegen Extremismus, gegen Islamismus und gegen Rassismus untrennbar zusammen.
Der Deutsche Bundestag hat den Völkermord an den Jesiden 2023 einstimmig anerkannt. Was bedeutet eine solche Anerkennung für die Betroffenen?
Ich habe ambivalente Gefühle. Ich war damals im Bundestag dabei, gemeinsam mit Überlebenden und meinen Eltern. Ich kann gar nicht beschreiben, wie viel Heilung diese Anerkennung bedeutet hat. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass meine jesidische Identität meine deutsche Identität nicht ausschliesst, sondern dass sie sich umarmen.
Warum die ambivalenten Gefühle?
Weil diese Anerkennung ein paar Jahre später das Papier nicht wert ist, wenn Deutschland Jesiden in jene Gebiete abschiebt, in denen der Völkermord stattgefunden hat. Das ist die traurige Bilanz. Anerkennung allein reicht nicht. Daraus erwächst eine Verantwortung und ein Schutzauftrag. Dem wird die Bundesregierung derzeit nicht gerecht.
Wie geht es den Jesiden heute in ihrer ursprünglichen Heimat?
Die Lage ist weiterhin katastrophal. Hunderttausende leben noch immer in Flüchtlingslagern. Die irakische Regierung will diese Lager auflösen, aber viele Menschen können nicht in ihre Heimat zurückkehren. Die Region Sindschar liegt noch immer in Trümmern. Häuser und Felder sind teilweise mit Sprengfallen vermint, die der IS hinterlassen hat. Auch in Syrien kommt es wieder zu Übergriffen und Vertreibungen. Die Rückkehr der Jesiden wird weiterhin bedroht. Wir brauchen internationale Unterstützung.
Ihre Ausstellung wird in Zürich in der reformierten Johanneskirche gezeigt. Welche Bedeutung haben die christlichen Kirchen für die Jesiden?
Es gibt ein sehr enges Band zwischen Jesiden und den christlichen Kirchen. Für mich waren Kirchen immer Schutzräume. Schon meine Grosseltern erzählten, dass Jesiden in ihren Herkunftsregionen dort sicherer waren, wo Christen lebten. Später haben viele Jesiden in Deutschland Kirchenasyl gefunden. Mein Vater war Menschenrechtsaktivist und hat mit zahlreichen Pfarrern und Theologen zusammengearbeitet, unter anderem mit der Evangelischen Akademie Tutzing und katholischen Einrichtungen.
Haben Sie persönliche Erinnerungen daran?
Ja, eine ganz besondere. Kurz vor Weihnachten kam immer ein Pfarrer mit Tüten voller Süssigkeiten und Schokoladenweihnachtsmännern zu uns nach Hause. Wir feierten ja selbst kein Weihnachten und erhielten Unterstützung von der Caritas. Für uns Kinder war das etwas unglaublich Schönes. Wir warteten jedes Jahr auf diesen Besuch. Das mag wie eine Kleinigkeit klingen, aber solche Erfahrungen vergisst ein Kind nicht.
In der Schweiz findet vom 7. bis 15. November die Woche der Religionen statt. Was gibt Ihnen angesichts Ihrer Erfahrungen Hoffnung auf ein friedliches Zusammenleben?
Ich habe gemischte Gefühle. Im Moment sehe ich wenig Grund zur Hoffnung. Für mich gibt es einen einzigen Gott, an den Jesiden, Juden, Muslime und Christen glauben. Die Religionen haben sich über Jahrhunderte gegenseitig beeinflusst und inspiriert. Wir haben viel mehr gemeinsame Geschichte, als vielen bewusst ist. Stattdessen sprechen sich Gläubige gegenseitig ihre Wahrheit ab. Das ist eine Pervertierung von Glauben.
Was müsste sich ändern?
Wir müssen verhindern, dass Religion für ideologische oder politische Zwecke missbraucht wird. Was wir heute erleben, ist eine Instrumentalisierung des Glaubens, ein Kampf der Kulturen. Das bekommen wir nur in den Griff, wenn Glaube Glaube bleibt. Gerade fromme Menschen müssen dagegen aufstehen, dass ihre Religion missbraucht wird. Das gilt für jede Religion, den Islam, das Judentum und das Christentum, gleichermassen.
Vom 9. bis 15. November ist im Foyer der Johanneskirche in Zürich die multimediale Ausstellung Rojda – Zeugnisse jesidischen Lebens der Menschenrechtsorganisation Hawar.Help zu sehen. Sie beleuchtet das Leben der Gemeinschaft vor, während und nach dem Genozid 2014.
An der Vernissage am Sonntag, 8. November von 17 bis 20 Uhr, wird Düzen Tekkal ebenfalls anwesend sein. Am 11. November gibt der Dokumentarfilm Mediha Einblick in das Leben einer 15-jährigen Jesidin. Er zeigt, wie sie ihr Trauma von der IS-Gefangenschaft verarbeitet und ein neues Leben aufzubauen versucht.