Filmfestival in Cannes
Iranischer Regisseur überrascht mit Film über Haft
Zum ersten Mal seit über 15 Jahren war es dem iranischen Regisseur Jafar Panahi möglich, persönlich zu einem der drei grossen Filmfestivals zu reisen. Lange war Panahi mit einem Arbeits- und Reiseverbot seines Heimatlandes belegt. In seiner Abwesenheit feierten seine Filme sowohl in Cannes als auch bei der Berlinale in Venedig mehrmals Premiere. Seine Ehefrau und seine Tochter begleiteten ihn in Cannes auf dem roten Teppich.
Panahi setzt sich in seinen Filmen kritisch mit der Politik der Islamischen Republik auseinander. Von Juli 2022 bis Februar 2023 war er inhaftiert – gemeinsam mit seinem Kollegen Mohammad Rasoulof. «Un Simple Accident» erzählt von dieser Zeit und stellt die Frage, ob Gewalt bei der Suche nach Gerechtigkeit gerechtfertigt ist.
Ex-Gefangene treffen Folterer
In einem Interview der «Zeit» berichtete Panahi von Einschüchterungsversuchen durch iranische Behörden. «Der Geheimdienst hat Crewmitglieder sowie die Schauspielerinnen und Schauspieler zu Verhören einbestellt», sagte er. «Natürlich bin ich immer mitgegangen und habe vor dem Gebäude gewartet, bis sie wieder herauskamen.»
Der Film handelt von einer Gruppe von ehemaligen Gefangenen, die ungeplant den Agenten entführen, der sie mutmasslich in einem iranischen Gefängnis gefoltert hat. Eines der Folteropfer sieht den Geheimagenten zufällig wieder und kidnappt ihn in seinem Bus, mit dem Ziel, sich zu rächen und ihn umzubringen. Dann kommen ihm allerdings Zweifel. Er sucht eine Reihe von anderen Folteropfern auf. Gemeinsam versuchen sie zu verifizieren, dass es ganz sicher der Mann ist, dessen Opfer sie wurden.
Film beruht auf Gesprächen im Gefängnis
Daraus entwickelt sich eine Art chaotischer Roadtrip, auf dem die Gruppe in hitzige Diskussionen darüber gerät, was eine angemessene Form der Rache ist. Oft geht es um die zutiefst gewaltvollen Erfahrungen, die die Beteiligten in Gefangenschaft gemacht haben. Ein Mann erzählt etwa davon, drei Tage kopfüber aufgehängt worden zu sein, damit er Namen verrate. Trotz des schweren Themas gibt es im Film aber auch humorvolle Momente.
Panahi sagte in einem Interview mit dem «Hollywood Reporter», dass seine Zeit im Gefängnis den Film inspiriert habe. «Alle Figuren, die Sie in diesem Film sehen, wurden von Gesprächen inspiriert, die ich geführt habe, von Geschichten, die sie mir erzählt haben, von der Gewalt und der Brutalität der iranischen Regierung gegenüber Gefangenen, einer Gewalt, die nun schon seit mehr als vier Jahrzehnten anhält». Er betonte in dem Interview auch, dass er sich nicht vorstellen könne, den Iran zu verlassen – anders als etwa sein Filmkollege Mohammad Rasoulof, der nach Deutschland geflohen ist. (sda/ pef)