Kopftuchpflicht
Weshalb iranische Frauen nun Sonnenbrillen tragen
Der Iran hat in mehreren Grossstädten Videoüberwachung zur Kontrolle der Kopftuchpflicht gestartet, wie die Zeitung «Etemad» berichtete. Frauen, die sich in der Öffentlichkeit ohne das vorgeschriebene Kopftuch zeigten, erhielten demnach Verwarnungen per SMS. Eine derartige Überwachung war bislang auf den Strassenverkehr beschränkt: Fährt eine Frau wiederholt ohne Kopftuch, wird das Auto für eine gewisse Zeit festgesetzt.
Wer die SMS verschickt, ist nicht bekannt. Das Thema beschäftigt auch die Staatsführung. Zur Nachrichtenagentur Ilna sagte Irans Vizepräsidentin Sahra Behrus Asar: «Wir bemühen uns zu klären, woher diese SMS stammen, mit welchem Ziel sie verschickt werden und auf welcher gesetzlichen Grundlage dies geschieht.» Aus informierten Kreisen in Teheran hiess es, dass es sich nicht um eine koordinierte Massnahme der Polizei oder Sittenwächter handele.
Viele Frauen in den Grossstädten ignorieren die islamischen Kleidungsvorschriften aus Protest. Konservativen Hardlinern ist die offene Missachtung der Regeln ein Dorn im Auge.
Die Regierung des moderat-konservativen Präsidenten Massud Peseschkian hatte nach Amtsantritt im Sommer 2024 einen moderateren Umgang mit der gesellschaftlichen Realität in Aussicht gestellt, ohne jedoch die Kopftuchpflicht selbst infrage zu stellen. Eine umstrittene Strafrechtsreform liegt derzeit auf Eis.
Aus der Hauptstadt berichteten einige Frauen, dass sie inzwischen lieber mit Sonnenbrille aus dem Haus gingen, um einer Identifizierung durch die Kameras im öffentlichen Raum zu entgehen. Die Kopftuchpflicht gilt seit mehr als vier Jahrzehnten als ideologische Säule der Islamischen Republik. (sda/ dst)