Krieg im Nahen Osten
Minister fordert Entzug der Staatsbürgerschaft für «Naza»-Regisseure
25 Minuten dauerten die stehenden Ovationen in Venedig nach der Premiere von «Naza». Der Dokumentarfilm der israelischen Regisseure Rachel Szor und Yuval Abraham gibt Einblick in das Vorgehen Israelas im Gaza-Krieg und erhielt schliesslich den Spezialpreis der Jury in Venedig.
Schon der letzte Dokumentarfilm von Abraham und Szor war erfolgreich: «No Other Land», der die Räumung palästinensischer Dörfer im Westjordanland beleuchtet, gewann 2025 den Oscar für den besten Dokumentarfilm.
Geheimdienst-Offiziere sprechen anonym
«Naza» wirft nun einen Blick auf das mutmassliche System hinter der Kriegsführung des israelischen Militärs. Abraham interviewt 24 Mitglieder des israelischen Geheimdienstes – ihre Stimmen digital verzerrt, ihre Gesichter im Schatten.
Die Soldaten schildern unter anderem, wie Ziele im Gazastreifen ausgewählt werden und welche Zahl ziviler Opfer dabei als akzeptabel gilt. «Naza» bezeichnet demnach einen internen Code des israelischen Geheimdienstes. Dieser Begriff steht als militärisches Kürzel für die Anzahl von Zivilisten, die bei einem Angriff sterben.
Die Geheimdienst-Offiziere erklären die technische und logistische Vorgehensweise bei der Zielerfassung in Gaza in einem auffallend nüchternen, bürokratischen Tonfall. In den Gesprächen fallen distanzierende Phrasen wie «Ich bin nur ein kleines Rädchen» oder «Ich kann nur sagen, dass wir die Mission erfüllen.» Ganz vereinzelt sind aber auch selbstkritische Worte zu hören. Ein Offizier sagt am Anfang, er müsse anonym bleiben, weil er in Israel sonst ins Gefängnis käme.
Der Film entstand in Kooperation mit dem britischen «Guardian» sowie den israelischen Investigativ-Medien «+972 Magazine» und «Local Call».
Israels Armee dementiert Vorwürfe
Die israelische Armee hat die Vorwürfe aus dem Film zurückgewiesen. Kritisiert wurde, dass der Film auf anonymen Aussagen von Personen basiere, deren Identität nicht überprüft werden könne. Zu den Vorwürfen über den Einsatz von Künstlicher Intelligenz hiess es, Entscheidungen über die Auswahl und Genehmigung von Angriffen würden ausschliesslich von menschlichem Personal getroffen und nicht von Künstlicher Intelligenz.
Der israelische Kulturminister Miki Zohar will den beiden Regisseuren als Reaktion auf den Film die Staatsbürgerschaft entziehen lassen. «Der vernichtende Selbsthass der Regisseure, die bereit sind, ihrem Heimatland zu schaden, nur um Beifall von Antisemiten auf der ganzen Welt zu ernten, ist unvorstellbar und stellt einen Verrat am Staat dar», schrieb Zohar auf der Plattform X.
Er werde unverzüglich Massnahmen ergreifen, «um diesen verabscheuungswürdigen Regisseuren wegen Staatsverrats die israelische Staatsbürgerschaft zu entziehen». Zohar ist – wie auch Ministerpräsident Benjamin Netanjahu – Mitglied der rechtskonservativen Regierungspartei Likud.
Es war zunächst völlig unklar, inwieweit Zohars Drohung umgesetzt werden könnte. Im Februar hatte Israel erstmals zwei verurteilten Straftätern die Staatsbürgerschaft entzogen und ihre Ausweisung beschlossen. Das entsprechende Gesetz bezieht sich auf Attentäter, die finanzielle Unterstützung von der palästinensischen Autonomiebehörde erhalten.
Rechtsextremer Minister spricht von Schande
Der rechtsextreme Polizeiminister Itamar Ben-Gvir griff die Regisseure ebenfalls an. Er bezeichnete sie auf der Plattform X als Schande für das gesamte Volk Israel. «Ich bin sicher, eure Freunde, unsere Feinde von der Hamas in Gaza, werden euch mit offenen Armen empfangen!»
Am Anfang des Films ist auch der 7. Oktober 2023 Thema, als beim Massaker der islamistischen Hamas rund 1200 Menschen in Israel getötet und mehr als 250 weitere als Geiseln nach Gaza verschleppt wurden. Der beispiellose Überfall der Terrororganisation löste den Gaza-Krieg aus. Seitdem wurden nach Angaben der von der Hamas kontrollierten Gesundheitsbehörde im Gazastreifen mehr als 73'600 Palästinenser getötet. (sda/ epd/ gab)