Krieg im Nahen Osten
Die Isolation Irans schmerzt auch im Aargau
Ein «Hallo», ein «Wie-gehts», ein «Alles-gut»: Drei Monate lang war das alles, was Sahar Tavakoli von ihrer Familie in Teheran hörte. Für mehr reichte die Zeit nicht. Alle paar Tage rief sie an, 30 Sekunden dauerte ein Gespräch im Schnitt. Per Festnetz-Telefon, Prepaid. Nach Ausbruch des Krieges war der Iran vom Internet abgeschnitten. «2088 Stunden lang», sagt Tavakoli.
Vor wenigen Tagen hat das iranische Regime die Internetsperre gelockert. Und Tavakoli sah und hörte ihren Vater und ihre Mutter erstmals wieder. «Zu Beginn des Videogesprächs schauten wir uns einige Momente nur an, ohne etwas zu sagen», sagt Tavakoli.
Als «echte Widerstandsfähigkeit» bezeichnet Tavakoli die monatelange Isolation. Auch sie fühlte sich betroffen. «Wir hatten zwar Internet, aber was ist das wert, wenn du deine Nächsten nicht erreichen kannst?», fragt sie. Kommt dazu, dass frei sprechen in ihrem Fall gefährlich wäre – aufgrund ihrer Vorgeschichte könnte sie jederzeit abgehört werden.
Tavakoli sagt, sie empfinde viel seelischen Schmerz über das, was in ihrer Heimat passiert – und auch über die eigenen traumatischen Erfahrungen mit dem iranischen Regime.
Vor drei Jahren flüchteten Tavakoli und ihr Mann Faryad Shiri Hals über Kopf in die Schweiz. Das Paar führte in Teheran gemeinsam einen Verlag und wurde vom iranischen Geheimdienst massiv unter Druck gesetzt, weil es auch kurdische Literatur publizierte. Beide wurden stundenlang verhört und bedroht.
Die Gefühle schreibend verarbeiten
Sie fürchteten um ihr Leben, weswegen sie alles zurück liessen und sich mit ihrem Ersparten ein Flugticket nach Zürich kauften (lesen Sie dazu mehr im Interview in unserem Magazin bref). Für ihre Arbeit waren sie schön öfters hier, weswegen sie sich für die Flucht in die Schweiz entschieden. Tavakoli hatte Werke von internationalen Autorinnen und Autoren ins Persische übersetzt, unter anderem Zoë Jennys «The Sky is Changing».
In den Telefonaten in die Heimat ist aber kein Platz für das Leid, das ihre Angehörigen und auch sie in den letzten Jahren erfahren mussten. Auch darum verarbeitet Tavakoli ihre Gefühle, indem sie schreibt. Derzeit arbeitet sie an Gedichten, welche die Namen «Schmerz 1», «Schmerz 2» «Schmerz 3» und so weiter tragen. Im «sogar theater» hatte sie einen Auftritt, weitere folgen.
In ihren Texten verarbeitet Tavakoli nicht nur die Geschehnisse in ihrer Heimat, sondern auch die Erfahrungen im Asylprozess in der Schweiz. «Es ist schwierig, die richtigen Worte dafür zu finden», sagte sie beim ersten Treffen im März dieses Jahres. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie mit ihrem Mann gerade das erste eigene Zuhause in der Schweiz bezogen: eine schlichte, aber hübsche Wohnung in der Agglomeration im Aargau.
«Das Leben im Asylzentrum fühlt sich an wie in einem Gefängnis», sagte sie. «Alles wird kontrolliert, was man tut, wann man spazieren geht. Am Anfang nahm man mir auch die Medikamente weg. Ich bin erwachsen und weiss, was ich brauche. Aber dann heisst es: Nein, das ist zu deiner Sicherheit.»
Wenig optimistisch über Entwicklungen
Tavakoli ist der Schweiz dankbar dafür, dass sie ihr Schutz biete. «Das Migrationsamt schickte uns die Aufenthaltsbewilligung per Brief. Darin stand wortwörtlich, dass wir in der Schweiz geschützt sind. Das zu lesen, war eine riesige Erleichterung für mich und gab mir so viel Vertrauen in dieses Land. Ich wollte kein Geld, kein Zuhause, als ich in die Schweiz kam. Was ich brauchte, war Schutz», sagte sie.
Mittlerweile haben sich Tavakoli und ihr Mann im Aargau eingelebt, wie sie nun, zwei Monate später, am Telefon erzählt. «Ich gewöhne mich daran, diesen Ort mein Zuhause zu nennen», sagt sie.
Die aktuellen Entwicklungen im Iran hält sie für keine guten. «Die Gesellschaft wird gespalten in jene, die das Regime unterstützen und von ihm profitieren und in andere, die es stürzen sehen wollen.» Das Regime habe die Strasse von Hormuz als Druckmittel gegen die ganze Welt benutzt, was es eher stärker gemacht habe. «Damit konnten sie der ganzen Welt Angst einjagen.»
Den Bruch literarisch dokumentieren
Die Arbeit im gemeinsamen Verlag mussten Sahar Tavakoli und ihr Mann Faryad Shiri liegen lassen – selbst Laptops und Handys liessen sie zurück. Nun sucht das Paar in der Schweiz nach Arbeit. «Idealerweise etwas im Kulturbereich, es wäre schade, wenn ich meine Erfahrungen nicht nützen könnte», sagt Tavakoli. Auch dafür besucht Tavakoli regelmässig Deutschkurse. Die 47-Jährige studiert des weiteren Anglistik und Nahost.
Sowohl sie als auch ihr Mann versuchen, den Bruch in ihrem Leben, der auch ein Zeugnis für die Geschehnisse im Iran ist, literarisch zu dokumentieren. Sie sieht sich wegen ihrer Erfahrungen mit dem Regime nicht nur als Beobachterin, sondern auch als Zeugin.
Sie sammle aber nicht nur Erfahrungen von Schmerz, sagt sie im Gespräch. «Sondern auch solche der Liebe und der Leidenschaft.» So wird sie sich bei einem Auftritt in Winterthur im Juli auch an die schönen Seiten Teherans erinnern. Im Rahmen einer «Baumbegegnung» wir sie über ihre Arbeit erzählen. «Teheran ist voller schöner Bäume. Ich liebte es, in ihrem Schatten zu spazieren.»
Veranstaltungshinweis: Baumbegegnung mit Sahar Tavakoli, Park Berufsschulhaus Wiesental Winterthur, So, 5. Juli 16.30-18.30. Eintritt frei, Anmeldung erwünscht.