Krieg im Nahen Osten
«Iranerinnen wollen Demokratie. Der Islam ist ihnen wurscht»
Der Graben zwischen politischer Führung und Zivilbevölkerung im Iran ist enorm – und er zeigt sich nirgends so deutlich wie in der Religion. Darauf hat Katajun Amirpur, deutsch-iranische Professorin für Islamwissenschaft in Köln, in der Sendung «Perspektiven» von Radio SRF hingewiesen. Hintergrund ihrer Aussagen ist die Eskalation im Nahen Osten.
Nur rund dreissig Prozent der Menschen würden sich in dem selbsternannten «Gottesstaat» als Muslime sehen, sagte Amirpur mit Verweis auf eine niederländische Studie. Die allermeisten glaubten an gar nichts und immer mehr Menschen würden sich als Zoroastrier (Anhänger Zarathustras) bezeichnen – Irans Staatsreligion, bevor der Iran ab Mitte des 7. Jahrhunderts islamisiert wurde. «Das ist politischer Protest», so Amirpur. «Die Menschen wollen Demokratie. Was dann mit dem Islam ist, ist ihnen wurscht.»
Drogen günstiger als Milch
Der Bedeutungsverlust der Religion in der iranischen Zivilbevölkerung ist überraschend. Bis in die 1990er-Jahre hatte Religion in der Gesellschaft einen sehr hohen Stellenwert. Doch dies habe sich das theokratische Regime selber eingebrockt, sagt Amirpur. «Ein Regime, das vorgibt, den Willen Gottes durchzusetzen: Das ist die beste Möglichkeit, damit die Menschen vom Glauben abfallen», sagte sie.
Geleakte Umfragen aus dem Iran zeigten, dass vier von fünf Iranerinnen und Iranern die islamische Republik ablehnen. «Die Menschen wollen einen säkularen Staat, also demokratische Institutionen und die Trennung von Religion und Politik», so Amirpur.
Viele Iranerinnen und Iraner führten aufgrund der Perspektivlosigkeit eine Art Doppelleben mit Alkohol- und Drogenexzessen, auch wenn der Staat eigentlich Abstinenz verlangt. Gemäss UN leben 15-20 Prozent der Drogensüchtigen weltweit im Iran. Das liege auch daran, dass Drogen sehr leicht zu bekommen seien. Der Iran liegt auf der Durchgangsroute von Afghanistan nach Europa. «Ein Schuss kostet weniger als ein Liter Milch», so Amirpur.
«Geschlechter-Apartheid-Regime»
Amirpur wies in der Sendung ausserdem daraufhin, dass Frauen im Iran Menschen zweiter Klasse seien. «Es ist ein Geschlechter-Apartheid-Regime.» So erbt eine Tochter nur halb so viel wie ein Sohn. Frauen dürfen ohne Einwilligung ihres Ehemannes weder arbeiten noch das Land verlassen. Es ist für sie ausserdem enorm viel schwerer als für Männer, sich scheiden zu lassen. «Und wenn, dann bekommen sie so gut wie nie das Sorgerecht für ihre Kinder.»
Vor diesem Hintergrund seien auch die jüngsten Proteste im Land zu verstehen. «Kopftücher wurden zum Symbol dafür, dass vielen Menschen im Iran Selbstbestimmung verweigert wird.» Dies gelte nicht nur für Frauen, sondern auch für Angehörige ethischer und religiöser Minderheiten.
Hoffnungsvoll stimmt Amirpur ein kultureller Wandel, den sie beobachtet hat. Früher hätten Frauen mit und ohne Kopftuch öffentlich gestritten. Heute sei das anders. Alle seien sich einig, dass jede so machen sollte, wie sie will. So zieht Religion im Iran zwar einen Graben zwischen Regime und Zivilbevölkerung – jedoch nicht mehr mitten durch die Gesellschaft.