Internationale Carl-Lutz-Gesellschaft in Bern gegründet

Der Schweizer Diplomat und Methodist Carl Lutz rettete im Zweiten Weltkrieg Zehntausenden von Jüdinnen und Juden das Leben. Jetzt will eine Gesellschaft in Bern die Erinnerung an ihn wach halten.


Die «Carl Lutz Gesellschaft» in Bern will bestehende Aktivitäten weiterführen und neue Projekte entwickeln, wie sie in einer Mitteilung schreibt. Auch die historische Forschung zu Lutz möchte die Gesellschaft anregen, die am 16. August in Bern gegründet wurde. Besonders am Herzen liegt der Gesellschaft das Thema Zivilcourage. Mit ihren Projekten will sie insbesondere junge Menschen anregen, dem Vorbild von Lutz nachzuleben.

Jahrelang kümmerte sich die in Münchenbuchsee BE lebende Journalistin Agnes Hirschi um das Vermächtnis ihres Stiefvaters. Sie ist auch die Gründungspräsidentin der neuen Gesellschaft.

Mit Schutzbriefen Nazis ausgetrickst

Der aus dem Appenzellerland stammende Carl Lutz war von 1942 bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs Schweizer Vizekonsul in Budapest. Dort leitete er die Abteilung für fremde Interessen und vertrat damit auch die Interessen von zahlreichen Ländern, die mit Ungarn im Krieg standen, darunter etwa der USA und Grossbritanniens.

Der gläubige Methodist Lutz verschaffte zehntausenden Jüdinnen und Juden Schutzpässe und Schutzbriefe, um nach Palästina auszuwandern. Dies bewahrte sie vor der Deportation.

Von den Nazis konnte Lutz ein Kontingent von 8’000 solcher Schutzbriefe einhandeln. Gemeinsam mit weiteren Personen entwickelte er ein regelrechtes System und stellte ein Mehrfaches des erlaubten Schutzbrief-Kontingents aus. Diese Dokumente nummerierte er jeweils von 1 bis 7’999. Es gelang dem Schweizer zudem, den diplomatischen Schutz auf nicht weniger als 76 Gebäude in Budapest auszudehnen.

Von der Schweiz enttäuscht

Während Lutz‘ Wirken im Ausland gewürdigt wurde, hielt sich die Schweiz lange Zeit zurück. Anstatt Lob gab es für den nach dem Krieg in die Schweiz zurückgekehrten Diplomaten zunächst einmal eine Rüge wegen Kompetenzüberschreitung.

Lutz war enttäuscht und verbittert von der Haltung der offiziellen Schweiz. Für die staatliche Anerkennung seiner Leistungen kämpfte er vergeblich. Er starb 1975 und ist auf dem Berner Bremgartenfriedhof bestattet.

Späte Würdigung

1963 verlieh ihm sein Geburtsort Walzenhausen AR das Ehrenbürgerrecht, ein Jahr später ehrte die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Israel ihn und seine erste Frau Gertrud Lutz-Fankhauser mit dem Titel «Gerechter unter den Völkern».

Erst Mitte der 1990-er Jahre entsann sich die offizielle Schweiz, wohl auch vor dem Hintergrund des Streits um nachrichtenlose Vermögen, der couragierten Männer und Frauen, die sich selbstlos für die Rettung von Juden eingesetzt hatten. 1995 wurde Lutz posthum rehabilitiert.

Im April 2018 wurde das grösste Sitzungszimmer im Bundeshaus nach Carl Lutz benannt. (sda/no)