«Tabus gibt es nicht, solange der Witz funktioniert»

Als Pfarrerin predigt Kathrin Bolt normalerweise auf der Kanzel. Zum Reformationsjubiläum steht sie mit «Röbi und die Reformanzen» auf der Bühne und witzelt über die Kirche und ihre Jubiläumsfeierlichkeiten.

Bei einem Witz sollte es nie darum gehen, andere schlecht zu machen, sagt Kathrin Bolt. (Bild: straubenzell.ch)

Kathrin Bolt, warum wollten Sie ausgerechnet zum Reformationsjubiläum ein Comedy-Programm zeigen?
Es war absehbar, dass es im Rahmen des Jubiläums viele ernste Beiträge geben wird. Wir sahen da noch Platz für Humor. Die St. Galler Kirche hat zum Beispiel zum Jubiläum einen Kurzfilm gedreht, worin Zwingli mit einem motorisierten Lastendreirad durch das heutige St. Gallen fährt. Das war geradezu eine Vorlage, die Feierlichkeiten und unsere Institution ironisch zu hinterfragen.

Sie predigen normalerweise auf einer Kanzel. Als Reformanze reissen Sie Witze auf der Bühne. Was reizt Sie an diesem Gegensatz?
Die Bühne hilft mir Dinge zu sagen, die ich mich anderswo nicht getrauen würde oder die eigentlich nicht angebracht sind. Wenn ich etwas als Pfarrerin sage, dann muss  ich als Kathrin Bolt dahinter stehen können. Auf der Bühne kann ich eine erfundene Rolle einnehme. Dann bin ich nicht mehr Kathrin Bolt. Meine Reformanze ist viel tussiger als ich, kleidet sich anders, trägt Highheels und flirtet mit den Männern im Publikum.

«Wir Frauen machen jedoch nur einen Drittel der Pfarrschaft aus. Es ist absurd und grundlos, von einer Feminisierung zu sprechen.»

Warum dieses Spiel mit Geschlechter-Klischees?
Uns beschäftigt immer noch die Aussage des Ratspräsidenten des Schweizerisch Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher. Er äusserte sich 2014 in der Weltwoche  besorgt über die angebliche Feminisierung der Kirche. Wir Frauen machen jedoch nur einen Drittel der Pfarrschaft aus. Es ist absurd und grundlos, von einer Feminisierung zu sprechen. Darüber machen wir uns lustig, aber auch über seine Rolle und Ambitionen. Wir haben zum Beispiel Lieder umgedichtet. Beim Schlagerlied Marmor, Stein und Eisen bricht singen wir an einer Stelle entsprechend «aber unser Bischof nicht».

Fände Gottfried Locher Ihr Programm lustig?
Ja, er sass bei der zweiten Vorführung im Publikum. Er fand unsere Show witzig und scherzte danach, dass wir ihm Urheberrechtsabgaben für seine Ideen zahlen müssten. Ich hoffe, dass es bei ihm trotzdem etwas ausgelöst hat, und er sich künftig besser überlegt, was er zum Thema Feminisierung sagt.

«Bei Sprüchen über andere Religionen bin ich vorsichtig, weil die Verletzlichkeit gross ist.»

Gab es negative Reaktionen auf die Reformanzen?
Kaum. Einzig bei einer Aufführung vor katholischen Kirchenmitarbeitern merkte man einem Priester deutlich an, dass er unsere Show grenzwertig fand. Er fand uns wirklich nicht witzig.

Witze über Religion sind immer heikel. Wie meistern Sie die Gratwanderung zwischen Witz und Beleidigung?
Humor hat immer Platz, wenn man dabei über sich selber lacht und wenn er sinnvoll eingesetzt wird. Bei Sprüchen über andere Religionen bin ich jedoch vorsichtig, weil die Verletzlichkeit gross ist. Bei einem Witz sollte es nie darum gehen, andere schlecht zu machen. Als Christin hingegen darf und muss ich über die Institution Kirche und meinen Beruf als Pfarrerin lachen können.

Welches Tabu würden Sie auf der Bühne nicht brechen?
Tabus gibt es nicht, solange der Witz funktioniert. Die Reformanzen gehen sogar sehr weit. Wir haben das Lied «Von guten Mächten wunderbar geborgen» umgeschrieben, das der Theologe Dietrich Bonhoeffer 1944 in der NS-Gefangenschaft geschrieben hatte. Obwohl es diesen ernsten, historischen Hintergrund hat, singen wir «von guten Männern wunderbar geborgen». Der Witz transportiert unsere Botschaft. So legen wir den Finger in die Wunde. Gerade auch, weil uns die Kirche am Herzen liegt.