«Ilanzer Religionsstreit hatte Konsequenzen für Berns Reformation»

Die Stadt Ilanz im Bündner Oberland darf sich neu - wie auch Genf, Basel oder Zürich - «Reformationsstadt in Europa» nennen. Im Gespräch erläutert der Kirchenhistoriker und Pfarrer von Castrisch GR, Jan-Andrea Bernhard, warum die kleine Stadt in der Surselva zu solch einer Ehre kam - und warum das auch Berns Reformierte interessieren muss.

Kirchenhistoriker und Pfarrer Jan-Andrea Bernhard: «Nach der Ilanzer Disputation stand der Bischof von Chur als Verlierer da – die Macht hatte sich vom Bischof zu den einzelnen Gemeinden verlagert.» (Bild: zVg)

Herr Bernhard, Ilanz trägt neu das Label «Reformationsstadt in Europa». Wie kommt die doch recht unspektakuläre Stadt zu solchen Ehren?

Was in der Stadt Ilanz vor rund 500 Jahren geschah, prägt bis heute den Kanton Graubünden. Aber auch für die gesamte Reformationsgeschichte der Schweiz hatten die Ereignisse von damals eine grosse Bedeutung.


Was geschah damals?

Es ist belegt, dass 1525 in rund vierzig Gemeinden Bündens Geistliche den neuen, reformierten Glauben predigten und gewisse Riten abschafften. Weiter sollen einige sich geweigert haben, dem Bischof von Chur gewisse Abgaben zu leisten. Aufgrund dieser Entwicklung beschloss dann der Bundstag des Freistaates der Drei Bünde – der abwechselnd in Chur, Davos und Ilanz tagte – dass, was der alte und neue Glauben betrifft, klare Regeln gelten sollen. Dazu fand dann im Januar 1526 die Ilanzer Disputation statt, also ein religiöses Streitgespräch.


Es kam zum Streit. Wie lief das ab?

Die Disputation startete bereits mit einem kleinen Skandal. So publizierte der Churer Reformator Johannes Comander in Absprache mit einigen Brüdern aus der Umgebung bereits im Vorfeld des Treffens 18 Thesen, welche für grosse Aufregung sorgten. Diese Thesen entsprachen weder der geltenden Kirchenlehre noch der von der Mehrheit der Geistlichen geübten Praxis.


Warum sorgten diese bereits für solch eine Aufregung?

Die Thesen wurden gedruckt. Ein Dokument, das verteilt und gelesen werden konnte, hatte in der damaligen Zeit eine gewaltige Sprengkraft. Das ist nicht wie heute, wo solche Papiere oder Interneteinträge in der Informationsflut kaum mehr Aufsehen erregen. Die ganze Aktion hatte zur Folge, dass die Vertreter des bischöflichen Hofes von Chur und Abt Theodul Schlegel mit allen Mitteln versuchten, dieses Thesenpapier zu verhindern. Ihre Argumente: Man könne keine Thesen verbreiten und disputieren, die er und seine Leute noch gar nicht hätten anschauen können.


Mit welchem Resultat endete die Ilanzer Disputation?

Es geschah etwas Eigenartiges: Weil man zu Beginn lange um formale Frage stritt, reichte die Zeit nicht, alle Thesen – darunter auch solche zur Frage der Messfeier oder des Zölibates – zu besprechen. Am Dienstagabend gingen die Parteien auseinander, ohne alles besprochen zu haben. Aber beide Parteien werteten die Disputation als ihren Sieg. Bereits ein halbes Jahr später wendete sich das Blatt allerdings zugunsten der Neugläubigen. Im Juni verfügte der Bundstag die sogenannten «Ilanzer Artikel». Darin wurden die Rechte der einzelnen Nachbarschaften, also Gemeinden wie Castrisch, Sevgein oder Duvin gestärkt. So konnten diese neu selber über die Ein- und Absetzung ihres Pfarrers entscheiden. Am Ende stand der Bischof von Chur als Verlierer da – die Macht hatte sich vom Bischof zur Gemeinde verlagert.


Was ist denn heute noch spürbar von dieser Auseinandersetzung?

Ohne die Ilanzer Disputation gäbe es in Graubünden wohl kaum die Situation, wie sie sich heute präsentiert: katholische und reformierte Dörfer nebeneinander, die mehrheitlich in einer friedlichen Ökumene zusammenleben. Und auch für die Berner Reformierten hat Ilanz seine Bedeutung, basierte doch die Thesen der Berner Disputation 1528 auf der Grundlage, die Comander für die Ilanzer Disputation geschaffen hat.

 

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«Letztlich spielt es keine so grosse Rolle für die Ökumene in Graubünden, welcher Bischof in Chur auf dem Stuhl sitzt.»

 

Nehmen wir das Beispiel des reformierten Duvin. Ein kleines Dorf im Val Lumnezia mit damals rund 100 Einwohnern, allesamt katholisch. Wie wurden die reformiert?

Ganz einfach und föderalistisch: Mittels einer Abstimmung im Dorf. Der sogenannte Toleranzartikel verfügte 1526, dass jeder Mann und jede Frau entscheiden kann, ob er oder sie der «päpstlichen» oder der «evangelischen», also der neugläubigen Religion angehören wollen.


Die Mehrheit entschied also, Konflikte waren da sicherlich vorprogrammiert.

In gewissen Gemeinden ging das friedlich vonstatten, an anderen Orten kam es zum Streit. Die an der Abstimmung Unterlegenen durften aber ihren Glauben behalten, auch wenn die Kirche und Gemeinde fortan als reformiert oder katholisch galten.


Was taten Katholiken, die katholisch bleiben wollten, der Pfarrer nun aber plötzlich reformiert war?

Da gab es alles: Familien, die in andere Dörfer umsiedelten, aber auch Familien, die in einem katholischen Dorf reformiert blieben. Ich kenne mehrere reformierte Familien, die über Generationen hinweg bis heute sehr gut in katholischen Dörfern leben. Gut hatten es jene, welche über zwei Kirchen verfügten in einem Dorf: Diese wurden dann je nach Stärke den Konfessionen abgegeben. Freilich gab es auch Dörfer, wie Sagogn oder Poschiavo, in denen die Uneinigkeit heftige und lange Auseinandersetzungen zur Folge hatte.


Haben Sie eine Erklärung, warum die Reformation im Bündnerland so gedeihen konnte, noch bevor es in Bern zur Reformation kam?

Ein Erklärungsansatz ist dieser: Im Kanton Graubünden gab es keine Universität und keine höhere Schule, deshalb mussten die Studenten und Gelehrten für ihre Ausbildung oder den Diskurs an andere Orte reisen. So hat auch der Churer Reformator Comander in Basel studiert. Mit diesem Wissen und Inspiration kehrten die jungen Männer zurück in die Heimat. Das ist übrigens auch heute noch ein Stück weit so: Die meisten jungen Menschen verlassen für ihre Ausbildung oder das Studium Graubünden – und so mancher kehrt mit seinen Erfahrungen irgendwann wieder zurück.


Mit Bischof Vitus Huonder sitzt in Chur ein Bischof, der nicht bekannt ist für ökumenische Euphorie. Wie erleben Sie als reformierter Pfarrer von Castrisch das konfessionelle Miteinander?

Die Ökumene funktioniert sehr gut bei uns, keiner würde sie rückgängig machen wollen. Aber ich bin mir auch bewusst, dass das mit den Pfarrpersonen vor Ort zu tun hat. Und was der Bischof betrifft: Letztlich spielt es keine so grosse Rolle für die Ökumene, welcher Bischof in Chur auf dem Stuhl sitzt. Denn das, was vor 500 Jahren in Ilanz ins Rollen kam, kann kein Bischof rückgängig machen. Die Ökumene ist, zumindest bei uns, tief in den Menschen drin.

 

Jan-Andrea Bernhard ist reformierter Pfarrer in Castrisch GR und Privatdozent für Kirchengeschichte an der Universität Zürich. Mit seinen historischen Expertisen war er massgeblich daran beteiligt, dass Ilanz das Label «Reformationsstadt in Europa» erhielt.

 

 


Ilanz, der Reformations-Hotspot in den Bergen

Vor über einem Jahr fusionierte die Stadt Ilanz mit den zwölf umliegenden Gemeinden zur 4800 Einwohnern umfassenden Gemeinde «Ilanz/Glion». Ilanz nennt sich selbst auch «die erste Stadt am Rhein» – geografisch, nicht historisch. Am 17. März 2015 erhielt Ilanz das Label «Reformationsstadt in Europa» . Bemüht hatte sich um dieses der Gemeindevorstand von Ilanz und die Reformierte Landeskirche Graubünden. Verliehen wird die Auszeichnung von der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) anlässlich des 2017 stattfindenden 500. Jubiläums der Reformation.

Website der Gemeinde Ilanz/Glion

Website «Reformationsstädte in Europa»