Feiertage

«Hoffnung ja, aber wer weiss?»

Weihnachten und das Lichterfest Chanukka rücken näher. Der jüdische Historiker Michael Wolffsohn spricht über die Gemeinsamkeiten beider Feste – und darüber, welche Hoffnung er mit Weihnachten verbindet.
Gemeinsame Feier: Ein Chanukka-Leuchter und ein Weihnachtsbaum auf dem Pariser Platz in Berlin. (Bild: Gregor Fischer / Keystone)

Herr Wolffsohn, Sie haben vor zwei Jahren ein Lese- und Liederbuch zu Weihnachten veröffentlicht. Was hat Sie als jüdischer Mensch bewogen, sich mit der Weihnachtsgeschichte zu befassen?
Universalistisch geprägte Juden – und ein solcher bin ich – öffnen seit jeher Herz und Verstand der beziehungsweise den sie umgebenden Kultur(en), also auch Religionen. Ich lebe in einer einst christlichen, heute mehrheitlich leider postchristlichen Welt. Selbst Letztere feiert Weihnachten – wenngleich dominant kommerziell und daher seelenlos. Was also liegt näher als meine Beschäftigung mit Weihnachten.

Im Christentum wird Weihnachten gefeiert, während im Judentum das Lichterfest Chanukka begangen wird. Welche Parallelen und Unterschiede gibt es?
Viel aufschlussreicher sind die Gemeinsamkeiten. Die weisen auf den engen Zusammenhang von Theologie, Anthropologie und Meteorologie hin: Am Anfang aller Religionen stehen die vier Jahreszeiten, denn der sesshafte Mensch betrieb zuerst Landwirtschaft. Jeder Jahreszeit wurde ein religiöses Fest zugeordnet. Mit je anderen Inhalten. Der dunklen Winterzeit bei Juden Chanukka, bei Christen Weihnachten, im Islam das Fest der Geburt Mohammeds. Wegen des reinen Mondkalenders rutscht dieses freilich auch in andere Jahreszeiten. An Chanukka wird des Mitte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts errungenen Sieges der Makkabäer über die Seleukiden gedacht. Diese hatten den Jerusalemer Tempel entheiligt und die Juden zwingen wollen, ihrem Glauben abzuschwören.

Michael Wolffsohn in Zürich

Der Historiker Michael Wolffssohn hat sich in zahlreichen Publikationen mit dem Verhältnis der monotheistischen Religionen auseinandergesetzt. Unter anderem ist er auch Mitverfasser eines Lese- und Liederbuchs über die Weihnachtszeit.

Am 2. Dezember tritt Wolffsohn im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Antijudaismus in Zürich» in der Kirche Fluntern in Zürich auf. Dabei werden Teile aus seiner «Weihnachts-Haggadah» aufgeführt. (no)

Jesus spielt eine zentrale Rolle im Christentum. Welche Bedeutung hat er für Sie als Jude?
Da bin ich einer von einigen Einzelgängern. Ich bezeichne mich als «Jesusjuden», also als einen Juden, für den Jesus die Vollendung der Ethik von Rabbi Hillel, eines Vor-Talmudisten, ist.

Eine der zentralen Botschaften von Weihnachten ist der Wunsch nach «Frieden auf Erden». Macht Ihnen der jüngste Waffenstillstand im Nahen Osten Hoffnung auf einen langfristigen Frieden?
Hoffnung ja, aber wer weiss? Der Wunsch nach Frieden ist so alt wie die Menschheit, doch diese führt seit jeher Krieg. Wunsch versus Wirklichkeit.

Antisemitismus ist auch in Westeuropa ein wachsendes Problem – wie erleben Sie diese Entwicklung?
«Wachsend»? Antijudaismus gibt es, seitdem es Juden gibt. Jüdisches Leben ist seit jeher «Existenz auf Widerruf», unterbrochen von unterschiedlich langen Zyklen funktionaler, nicht ethischer Toleranz. Das heisst: Wenn man Juden braucht, toleriert man sie. Sonst, Sie wissen schon.

Was ist Ihr Weihnachtswunsch für die Welt in der heutigen Zeit?
Eben der Weihnachtswunsch, also Frieden. Wünschen kann man sich viel.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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