Buchtipp
Hoffnung muss man sich machen
Es ist eine Ironie, dass ein Buch mit dem Titel «Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen», nicht gerade hoffnungsvoll ist. Dreizehn Autorinnen und Autoren von der Journalistin Gilda Sahebi über den Behinderten-Aktivisten Raúl Krauthausen und die Jugendbuchautorin Cornelia Funke bis hin zum Allroundtalent Marc-Uwe Kling, beschäftigen sich in ihren Beiträgen vor allem damit, was schlimm ist. Was einen verzweifeln lässt.
Doch der Wert des Buches liegt darin, dass sie rechtzeitig die Kurve kriegen und zeigen, wie man trotz allem zu einer Portion Hoffnung kommen kann.
So beschreibt Cornelia Funke, deren Bücher in vielen Kinderzimmern stehen, die menschliche Existenz als eingeklemmt zwischen zwei Gefühlen: «So stolpern wir durch die Welt. Die Angst zu unserer Rechten, die Hoffnung zu unserer Linken. Unsere zwei Gefährtinnen. Mal ist die eine stärker, mal die andere.» Ihr Rezept, um die Gefährtin Hoffnung zu stärken ist, Liebe, Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit zu leben.
«Am Ende gibt es Hoffnung nur, wenn man sie sich macht. Wenn du einfach nur daliegst und hoffst, dann wird das nichts», sagt Marc-Uwe Kling. Er plädiert aber für Gelassenheit im Umgang mit den Krisen der Welt und der Suche nach Hoffnung: «Betroffenheit und Ausgelassenheit schliessen sich nicht aus. Du kannst dir Sorgen um die Welt machen und trotzdem ein schönes Leben haben.» Um Hoffnung zu entwickeln, müsse man bei sich selbst anfangen. Beispielsweise, indem man utopische Gedanken laut ausspreche oder sich aus Online-Plattformen verabschiede, die es auf die eigenen Daten abgesehen haben und darauf einem Dinge zu verkaufen.
Aus einer anderen Warte blickt Raúl Krauthausen auf das Thema. Er ist mit der sogenannten Glasknochenkrankheit zur Welt gekommen und auf den Rollstuhl angewiesen. Als Aktivist für Inklusion und die Rechte Behinderter wurde er vielfach ausgezeichnet. Er sagt: «Ich bin kein sentimentaler Mensch. Hoffnung ist für mich selten ein Thema.» Er konzentriere sich darauf, was ist, nicht auf das, was sein könnte. Hoffnung empfindet er als trügerisch, doppeldeutig, politisch aufgeladen.
«Besonders im Kontext von Behinderungen ist sie selten unschuldig: Menschen entwickeln Hoffnung auf Heilung, auf Wandel – manchmal auf Erlösung.» Es zeigt sich, dass Krauthausen dem Gefühl Hoffnung nicht traut. Wahrscheinlich wurde sie bei seiner Arbeit zu oft enttäuscht.
Die Politologin, Mediziner und Journalistin Gilda Sahebi widmet sich der politischen Dimension von Hoffnung. Sie schreibt unter anderem über die Repression im Iran und die Kraft, die Familien von getöteten Demonstrierenden gegen aussen zeigen. Mit klarem Blick schält sie heraus: «Für autoritäre Herrschaftssysteme ist es wichtig, dass Menschen verzweifeln; dass sie sich nicht wehren und nicht für Veränderung kämpfen. Dass sie glauben, dass sich Widerstand nicht lohne. Und vor allem: Dass Menschen glauben, dass sie allein sind.» Sie beschreibt die Absenz von Hoffnung als einen Pfeiler der Macht.
Doch wer es schafft, Hoffnung zu entwickeln, kann sich der autoritären Strömung entgegenstellen, das macht Sahebi klar. Wie man aus ihrer Sicht zur Hoffnung findet, schreibt sie auch: «Es ist wichtig, das Gute in der Gegenwart zu erkennen, es zu suchen, sonst wird Hoffnung einfach verpuffen.» Resilienz sei auch hilfreich. Denn: «Menschen, die resilient sind, sind gut darin, Dankbarkeit zu empfinden, Positives grösser zu machen. Umso stärker sind sie in der Lage, für etwas zu kämpfen und dadurch Hoffnung zu empfinden.»
Gupta, Julien (Hrsg.): Was wir meinen, wenn wir Hoffnung sagen. 2026, Oekom Verlag, München.