Höchstes reformiertes Bündner «Pfarramt» in Frauenhand

Lange hat's gedauert: Nachdem vor einem knappen halben Jahrhundert die Frauen in der reformierten Bündner Kirche zum Pfarrerinnen-Amt zugelassen wurden, ist nun auch das «höchste Pfarramt» im Bergkanton in Frauenhand. Cornelia Camichel Bromeis heisst die erste Dekanin.

Bild: Marco Hartmann/Die Südostschweiz

Mit 84 von 87 gültigen Stimmen bei drei Enthaltungen wählten die Synodalen Cornelia Camichel Bromeis Camichel als Nachfolgerin von Thomas Gottschall. Camichel lebt mit ihrer Familie in Davos, sie wird ihr Amt im Januar 2015 antreten, wie die Reformierte Landeskirche Graubünden in einer Mitteilung schreibt. Von 2007 bis 2013 war Camichel Kirchenrätin. Einer breiteren Öffentlichkeit ist sie als Sprecherin des «Pled sin via», das «Wort zum Sonntag» auf Radio Rumantsch, bekannt. Die Wahl von Camichel ist eine Wahl von historischer Bedeutung. Mit Camichel wurde erstmals eine Frau zur Dekanin gewählt. Knapp fünf Jahrzehnte ist es her, seit Frauen in der reformierten Bündner Kirche die Möglichkeit haben Pfarrerinnen zu werden. Camichel studierte Theologie in Basel, Bern und Freiburg. Sie ist mit Deutsch und Romanisch zweisprachig aufgewachsen. Als Vizedekane wählte die Synode Thomas Müller aus Arosa und Kaspar Kunz aus Feldis. Christina Tuor nimmt neu Einsitz in die Herausgeberkommission der Zeitung «Reformiert. Bündner Kirchenbote».

 

Bis 2036 sind 70 Prozent der heutigen Pfarrpersonen pensioniert

Thomas Schaufelberger, Leiter Aus- und Weiterbildung der reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer, machte deutlich, wie sehr Kirche zur Zeit im Wandel ist. Bis 2036 seien 70 Prozent aller heutigen Pfarrpersonen pensioniert. «Es sind schwerverdauliche Zahlen», sagt Schaufelberger, «und auch Ausdruck des Fachkräftemangels, wie ihn derzeit verschiedene Branchen europaweit erlebten». Besonders problematisch sei dabei, dass immer weniger junge Menschen Theologie studierten und so der Nachwuchs ausbleibe. Als Massnahme der Nachwuchsförderung sind die Kirchen deshalb daran, ein besonderes Theologiestudium für Quereinsteiger (QUEST) zu entwickeln. Wer bereits ein abgeschlossenes Studium hat, soll so in drei Jahren berufsbegleitend die Ausbildung zum Pfarrer machen können. Der Vorschlag ist allerdings noch umstritten. Die Universität Zürich ist nicht bereit, ein solches Konzept umzusetzen. Die Rolle der Pfarrpersonen werde sich in Zukunft ohnehin grundlegend verändern, sagt Schaufelberger. Auch innovative Modelle für das Kirchesein näher an den Lebenswelten heutiger Menschen, seien gefragt. Das Projekt der «Fresh Expressions of Church» in der anglikanischen Kirche sei ein Beispiel dafür.

 

Pfarrpersonen als Einzelkämpfer

Marianne Iberg Garcia, Präsidentin des neugegründeten Bündner Pfarrvereins, kam auf die zurzeit verhältnismässig vielen Stellenwechsel und Abgänge in der reformierten Bündner Kirche zu sprechen. «Verunsicherung ist greifbar», sagt sie. Nicht selten seien Pfarrpersonen mit ihrer Aufgabe überfordert und viel zu oft auch als Einzelkämpfer am Werk. Zudem gebe es auch strukturelle Gründe, die bisweilen zum Wegzug von Pfarrpersonen aus dem Kanton Graubünden führten. Neuberechnungen von Stellenprozenten seien ein Beispiel dafür. Der Pfarrverein will darum fünf Gesprächsrunden pro Jahr anbieten. Er ermöglicht die Vernetzung mit Berufskollegen aus der ganzen Schweiz.

Ein zweiter Gast an der Synode in Castrisch war Armin Elser von der Internet- und SMS Seelsorge. 30 Fachpersonen arbeiten in diese Netzwerk, 20‘000 E-Mails und SMS wurde allein 2013 geschrieben. «Viele Menschen können besser schreiben als reden», sagt Elser. Nur schon das Formulieren könne helfen, ein Problem zu bewältigen. Die häufigsten Themen sind Partnerschaft, Sexualität und Suizid. Die Internet- und SMS-Seelsorge geht auf eine Initiative von Pfarrer Jakob Vetsch zurück und wird demnächst 20 jährig.

 

 


Gut zu Wissen: Das Dekanats-Amt in der reformierten Landeskirche Graubündens

Die Synode ist die Versammlung aller evangelischen Pfarrpersonen im Kanton Graubünden. Sie entscheidet, wer in der reformierten Bündner Kirche Pfarrerin oder Pfarrer sein darf. Die Synode nimmt als Vernehmlassungsorgan zu allen landeskirchlichen Erlassen Stellung zuhanden des Kirchenrates, welcher die Exekutive bildet. Die Leitung der Synode liegt beim Dekan, beziehungsweise neu bei Dekanin Camichel. Sie wird dabei unterstützt von zwei Vizedekanen. Diese Dreiheit sollte in früheren Jahrhunderten sicherstellen, dass jeder der drei historischen Bünde in der Leitung der Synode vertreten ist. Die Synode behielt diese Regelung auch nach der Bildung des politischen Kantons Graubünden bei. Die Dekanin ist von Amtes wegen auch Mitglied des Kirchenrates der reformierten Bündner Kirche.