Organspende

Hebamme und Arzt kämpfen gegen neue Regeln

Hinter dem Referendum gegen die erweiterte Widerspruchslösung bei der Organspende stehen eine Hebamme sowie SP-Politikerin und ein Allgemeinmediziner. Bei ihrem Engagement denken die beiden nicht nur an die Organspender, sondern auch an die Angehörigen.

Ein Referendumskomitee möchte nicht, dass Organe (wie hier ein Herz) ohne explizite Zustimmung entnommen werden dürfen. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

In ihrem Job hat Hebamme Susanne Clauss nicht nur mit dem Leben zu tun, sondern auch mit dem Tod. «Es gibt Kinder, die sterben kurz vor oder unmittelbar nach der Geburt», sagt sie. Sie erlebe immer wieder, wie wichtig das Abschiednehmen vom toten Kind sei. «Bei den erwachsenen Sterbenden halte ich dieses Ritual für genauso wichtig», sagt sie. Die erweiterte Widerspruchslösung gefährde das. «Sie stellt die Hinterbliebenen vor eine schwierige Situation, weil nicht klar ist, ob der Sterbende die Entnahme seiner Organe gutheisst», sagt Clauss. Wer Organe spenden wolle, solle dies explizit festhalten.

Clauss ist mit dem Arzt Alex Frei der Kopf des Referendumskomitees. «Ich fühle mich im Namen der Sterbenden verpflichtet, für ihre Rechte einzustehen», sagt Clauss. Sie sieht in der neuen Widerspruchslösung nicht nur ethische Probleme, sondern auch verfassungsrechtliche. «Ob der Staat auf diese Weise in die körperliche Unversehrtheit der Bürgerinnen und Bürger eingreifen darf, wird von Juristinnen und Juristen zumindest hinterfragt.»

Erstaunlich an Clauss' Engagement ist nicht nur, dass sie fast im Alleingang das Referendum angestossen hat, sondern auch, welchen politischen Hintergrund sie hat. Clauss ist SP-Stadträtin in Biel. Schaut man auf das Abstimmungsergebnis im Nationalrat, fällt auf, dass die SP-Fraktion fast geschlossen für die erweiterte Widerspruchslösung  gestimmt hat. Somit stellt sich Clauss zumindest auf nationalrätlicher Ebene gegen ihre eigene Partei. «Ich war über dieses klare Ergebnis selber überrascht», sagt Clauss. Erklären könne sie sich dieses Resultat nur damit, dass das Lobbying stark auf die Organempfängerinnen ausgerichtet war. «Mir ist klar, dass es nicht einfach sein wird, zu vermitteln, dass ich nichts gegen Organspende habe», sagt Clauss. Sie möchte keineswegs unsolidarisch gegenüber Organempfänger sein. Doch sie fände es besser, wenn man die Menschen regelmässig nach ihrer Meinung zur Organspende befrage und nur Organe von jenen entnähme, die dem explizit zugestimmt hätten. Ob sie selber Organspenderin ist, möchte sie lieber für sich behalten. «Das ist etwas, das ich nur mit meinem engsten Umfeld teile.»

Gegner der postmortalen Organspende

Neben Clauss leitet der Allgemeinmediziner Alex Frei das Referendumskomitee. Frei ist kein Unbekannter. In der Öffentlichkeit tritt er immer wieder als grundsätzlicher Kritiker postmortalen Organspende auf. «Als Arzt bin ich auch gegen die erweiterte Widerspruchslösung. Denn wir Ärzte dürfen nur Eingriffe an den Patienten vornehmen, wenn sie dem explizit zugestimmt haben.» Bei der neuen Regelung habe man diese Gewissheit nicht mehr. «Der Chirurg kann sich zudem nicht mehr darauf verlassen, dass die Organentnahme auf einem gut informierten Entscheid des Patienten basiert», so Frei. Dieser gut informierte Entscheid sei in der heutigen, wissenschaftlichen Medizin allerdings eine unverzichtbare Voraussetzung für jeden Eingriff. Ausserdem fände er es stossend, dass die Angehörigen nicht bis zum letzten Atemzug beim Sterbenden bleiben könnten.

Clauss und Frei haben bis am 20. Januar 2022 Zeit, die für das Referendum benötigten 50'000 Unterschriften einzureichen.