«Als Frau im Amt stehe ich unter Beobachtung»

Cornelia Camichel Bromeis ist die erste Dekanin der Evangelisch-reformierten Landeskirche Graubünden. Im Gespräch spricht sie über den Bischof von Chur und darüber, warum die Reformierten weniger Angst vor harten Debatten haben sollten.

Dekanin Cornelia Camichel Bromeis: «Die Reformierten sollten viel mehr um Positionen ringen, denn wir haben viel zu sagen.» (Bild: Rüdiger Döls, Reformierte Landeskirche Graubünden)

Frau Camichel, kaum ein Interview mit Ihnen, das nicht ohne die Frage auskommt, wie Sie als Frau das Amt prägen wollen. Nervt Sie das?
Nerven tut mich das nicht. Ich bin nun einfach mal die erste Frau in diesem Amt, und die Medien mögen es, wenn sie einer Meldung einen besonderen Dreh geben können. Aber zugegeben, es ist wohl nicht das Gleiche, wie wenn ich als Mann das Amt angetreten hätte.


Woran merken Sie das?

Jetzt muss ich aufpassen, was ich sage (lacht). Meine neue Rolle überrascht oder irritiert vielleicht einige. Dabei ist sie ja, verglichen mit Positionen in anderen Landeskirchen, nichts Aussergewöhnliches. Und doch hat das Amt
der Dekanin, verbunden mit den Medienberichten, eine besondere Wirkung. So stelle ich beispielsweise fest, dass ich unter Beobachtung stehe. Die Menschen schauen sehr genau hin, was ich mache, und wie. Und das hat mit Sicherheit auch damit zu tun, dass ich eine Frau bin.


Was löst diese Beobachtung bei Ihnen aus?

Ich nehme sie zur Kenntnis. Mein bisheriges Verhalten ändere ich deswegen nicht. So werde ich auch künftig meine Argumente vortragen, mein Handeln begründen und am Ende wenn nötig auch zu unpopulären Entscheiden stehen.

«Die Homosexuellen-Ehe brennt den Menschen unter den Nägeln – nur geben wir als Reformierte kaum eine Antwort darauf.»


SEK-Präsident Gottfried Locher wurde in einem Porträt der «Weltwoche» mit der Aussage zitiert, dass ihm die «Feminisierung» in den Kirchen Unbehagen bereite und die Männer irgendwann nicht mehr kommen würden. Was denken Sie dazu?

Ich anerkenne, dass es ein Thema ist – und einige Männer, und übrigens auch Frauen, in der Kirche so denken. Dass die Schuld, wenn etwas in der Kirche nicht wunschgemäss läuft, bei den Frauen gesucht wird, finde ich überholt. Zu Gottfried Locher und seiner Aussage: Wenn der Kirchenbundspräsident das in dieser Form in die Medien trägt, dann finde ich das bedauerlich. Darum suchte ich auch das persönliche Gespräch mit ihm. Aber wissen Sie was? All diese diffusen Männergefühle gegenüber Frauen, damit mag ich mich gar nicht so sehr befassen. Es gibt andere Themen, die mich sehr viel mehr beschäftigen.


Beispielsweise?

Dass wir Reformierten der Gesellschaft etwas bieten können und darauf achten, nicht in die Bedeutungslosigkeit zu entschwinden. Das täte mir weh. Wir sollten viel mehr um Positionen ringen, denn wir haben viel zu sagen.

Können Sie das konkretisieren? Wo sollten die Reformierten mehr Profil zeigen?

Ein aktuelles Beispiel ist die Ehe von Homosexuellen. Den Menschen brennt dieses Thema unter den Nägeln – nur geben wir als Reformierte kaum eine Antwort darauf. Es existieren zwar da und dort Positionspapiere, alle sind aber älteren Datums. Da sehe ich Diskussionsbedarf.


Viele glauben, dass gerade dieser Meinungspluralismus die grosse Stärke der Reformierten ist.

Er ist unsere Stärke und Schwäche zugleich. Wir müssen bei solch einer Frage eingehend diskutieren und dies nach aussen vertreten. Es kann nicht sein, dass am Ende ein Pressesprecher eines Bischofs in der Arena zum Thema der Ehe für Homosexuelle so auftreten kann, als würde er die Meinung der ganzen Christenheit vertreten. Dass wir Reformierte da nicht mit einer klaren Position anwesend waren, ist eine verpasste Chance.


Was ist für Sie eigentlich reformiert?

Neben dem ganzen theologischen Fundament ist für mich reformiert, was ich eben erwähnt habe: die Diskussionskultur. Das inhaltliche Miteinanderringen, um zu einer Position zu gelangen.


Aber geht das in einer Kirche, die sich bekenntnisfrei nennt?

Es ist anspruchsvoll, reformiert zu sein, und kann manchmal zu einem Widerspruch führen, den wir allerdings aushalten müssen. Aber es ist auch ein grosses Geschenk und das Vermächtnis der Ereignisse vor rund fünfhundert Jahren, dass wir die Fragen des Lebens nicht einfach an einen Bischof oder Papst delegieren können.

 

«Ich bin im katholischen Tiefencastel aufgewachsen und erlebte dort einen anderen Katholizismus, als er aktuell in Chur gepflegt wird.»


Als ich zur Vorbereitung frühere Interviews mit Ihnen las, empfand ich Ihre Antworten sehr ausgewogen, ja fast wattiert. Mögen Sie eigentlich die Auseinandersetzung?

(lacht) Wer mich kennt, würde das Wort «wattiert» nicht im Zusammenhang mit meiner Person wählen. Ich bin eine, die sehr klar ihre Ansichten und Ideen kommuniziert. Auch gehe ich davon aus, dass mein Gegenüber das ebenfalls tut. In der Zwischenzeit weiss ich natürlich auch, dass das nicht immer so ist.


Mit welchen Konsequenzen?

Ich habe gelernt, damit umzugehen. Mir geht es ja nicht darum, andere mit meiner pointierten Art vor den Kopf zu stossen. Meine Haltung ist: Mein Standpunkt ist Teil eines Ganzen, genauso wie der Standpunkt des Gegenübers Teil dieses Ganzen ist. Trotzdem wünsche ich mir, dass wir in der Kirche weniger Angst vor Auseinandersetzungen haben. Und aus diesem Grund mag ich auch Gottfried Locher, selbst wenn ich seine Ansichten nicht immer teile. Aber wir Menschen sind halt unterschiedlich, und darauf will und muss ich als Dekanin Rücksicht nehmen. Unnötig Geschirr zerschlagen ist niemals dienlich.


Mit Bischof Vitus Huonder in Chur haben Sie ein Gegenüber, das den ökumenischen Zweihänder pflegt. Wie ist das so?

Ich bin reformiert und im katholischen Tiefencastel aufgewachsen. Ich erlebte dort einen anderen Katholizismus, als er aktuell in Chur gepflegt wird. Mehr möchte ich dazu nicht sagen.


Mit Bischof Huonder und seinen engen Mitarbeitern könnten Sie bestimmt vorzüglich die Auseinandersetzung pflegen.

Sie können sicher sein: Ich würde auch hier einer Auseinandersetzung nicht aus dem Wege gehen. Aber ich bevorzuge das persönliche Gespräch, sollte es denn überhaupt einen Konflikt geben.


Bei der Ecopop-Initiative äusserte sich die Evangelisch-reformierte Landeskirche Graubünden mit einer ablehnenden Stellungnahme, da die Kirche sonst Mühe habe, ohne Ausländer die Pfarrstellen zu besetzen. So argumentierten auch Grosskonzerne, welche um ihre qualifizierten Arbeitnehmer aus dem Ausland bangen.

Das war ein Argument, aber längst nicht das einzige. Unsere Haltung zu Ecopop ist auch eine Weltanschauung, die sehr stark in der Geschichte von Graubünden gründet.


Die wäre?

Man muss nicht weit zurückgehen, da wanderten ganze Bevölkerungsschichten aus unseren Tälern aus, um ihr Glück anderswo zu suchen. Nicht weil sie abenteuerlustig waren, sondern weil sie dazu gezwungen wurden: Der karge Boden der Berge ermöglichte ihnen keine Existenz. Man wanderte aus, kam am neuen Ort zu Geld und kehrte mit diesem zurück und baute hier in den Bergen etwas auf. Aber auch mit dieser Geschichte tendieren hier die Menschen dazu, nur jene Ausländerinnen und Ausländer willkommen zu heissen, die auch das entsprechende Kleingeld mitbringen. Wir Kirchen sollten diesem Denken etwas entgegensetzen. Beispielsweise das Bewusstsein stärken, dass wir alle nur «Gast auf Erden» sind – und kein Mensch es sich auswählen kann, wo er hineingeboren wird.

 

«Es wäre billig, wenn einfach das Sünde-Vergebung-Prinzip in der Endlosschlaufe laufen würde.»


Die Aufnahme von Menschen in Not ist auch in der christlichen Tradition verankert. Kommt es aber konkret zur Planung eines Flüchtlingsheims im Dorf, dann regiert nicht die Nächstenliebe, sondern die nackte Angst.

Klar, und es wäre falsch, diese einfach zu ignorieren. Sie ist ein Teil unseres Menschseins. Trotzdem tun wir gut daran, nicht bei ihr stehenzubleiben. Ich kenne das ja auch bei mir: Wenn mir alles über den Kopf wächst, ich einfach genug habe, dann werde ich auch mal ungerecht. Aber dieses Muster kann man erkennen und durchbrechen.


Das bedingt aber einen gewissen Grad an Reflexion. Nicht alle Menschen sind fähig dazu.

Ja, aber da ist es doch genau meine Aufgabe als Pfarrerin, die Menschen dort abzuholen und sie auf den unglaublich hohen Reflexionsgrad der biblischen Texte aufmerksam zu machen! Die Bibel fiel ja nicht einfach vom Himmel, sondern entstand vor über zweitausend Jahren in den Gemeinden. Dort wurde sie geschrieben und immer wieder gewälzt – und wir wälzen sie weiter. Dass wir Christinnen und Christen in dieser Tradition stehen, ist sehr anspruchsvoll, und eigentlich überfordert uns das auch.


Und was nun?

Das Gute daran: Wir alle sind begrenzt, egal ob Pfarrerin oder nicht, und wir sollten uns um Himmels Willen nicht an Stellen setzen, wo wir Menschen nicht hingehören. Das ist das Geniale an der Theologie: Wir haben das Prophetische, das Sozialkritische, und damit müssen wir uns immer wieder von neuem auseinandersetzen. Da sind wir als Handelnde gefragt. Andererseits haben wir auch die Versöhnungstheologie, die uns die Begrenztheit von uns Menschen vor Augen hält. Das zeigt sich exemplarisch am Kreuz. Da sind wir alle gescheitert. Und da scheitern wir auch gerade in diesem Moment wieder, beispielsweise wenn ein Mensch für seine Andersgläubigkeit geköpft oder für seine Homosexualität in den Tod gestossen wird. Aber: Das unendliche Scheitern der Menschheit mündet in der Vergebung. Das ist für mich immer wieder unglaublich.


Ist dieses Hoffen auf Vergebung nicht eine gar billige Gnade?

Sie wäre es, wenn einfach das Sünde-Vergebung-Prinzip in der Endlosschlaufe laufen würde. Das wäre tatsächlich sehr billig. Jetzt aber schiebt sich ein elementares Stück hinein: Jedem Menschen ist oder wird vergeben, weil er lernfähig ist. Das ist mein Antrieb. In allem, was ich tue.

Die 44-jährige Cornelia Camichel Bromeis ist Pfarrerin in Davos und leitet seit Jahresbeginn als Dekanin die Synode der Reformierten Landeskirche Graubünden. Die Kirche zählt rund 72’000 Mitglieder in 90 Kirchgemeinden. Im Bergkanton ist die Synode die Versammlung aller evangelischen Pfarrpersonen und entspricht dem Pfarrkapitel. Camichel Bromeis lebt mit ihrer Familie in Davos. (dem)