In Brasilien sind im vergangenen Jahr durchschnittlich mehr als acht Frauen pro Stunde vergewaltigt worden. Nach Angaben des Brasilianischen Forums für Öffentliche Sicherheit wurden 2022 insgesamtknapp 75'000 Vergewaltigungen gemeldet . Im Vergleich zum Vorjahr entspricht das laut der nichtstaatlichen Organisation einem Anstieg von über acht Prozent, wie die Tageszeitung «Folha de São Paulo» berichtete. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Offiziellen Angaben zufolge wurden im vergangenen Jahr zudem 1’400 Frauen ermordet, weil sie Frauen waren – ein Anstieg um 6,6 Prozent.
Brasiliens Familienministerin Cida Gonçalves machte die gesellschaftliche Stimmung und die Streichung gegen häusliche Gewalt für den Anstieg verantwortlich. «Tatsächlich wurde in den vergangenen Jahren zu wenig in die Bekämpfung von Gewalt investiert», sagte sie mit Blick auf die Vorgängerregierung des rechtsextremen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Hinzu komme, dass Hass und Intoleranz in der Gesellschaft zunähmen, was sich bis nach Hause und zu den Frauen durchschlage.
60 Prozent der Vergewaltigungsopfer seien jünger als 14 Jahre gewesen, heisst es in dem Bericht. Fast 70 Prozent der Vergewaltigungen passierten zu Hause. Auch in den Jahren davor wurde ein Anstieg der sexuellen Gewalt gegen Kinder und Jugendliche registriert. Experten führen das auf die Massnahmen gegen die Corona-Pandemie zurück, aufgrund derer die Minderjährigen mehr Zeit daheim verbringen mussten und gestressten und frustrierten Erwachsenen ausgesetzt waren.
Unter Bolsonaro wurden Ausgaben im Sozialbereich stark gekürzt. Betroffen waren auch Einrichtungen wie Frauenhäuser, die deshalb schliessen mussten. Laut Gonçalves haben weniger als zehn Prozent der brasilianischen Kommunen Einrichtungen für Frauen, die Opfer von Gewalt geworden sind. (epd/no)