Fussball-Weltmeisterschaft
«Ein Fan glaubt gegen jede Rationalität»
Das Wichtigste in Kürze
Warum berührt Fussball Menschen so tief?
Für den Theologieprofessor Simone Paganini weisen Fussball und Religion Parallelen auf. In beiden Bereichen gibt es Rituale und Emotionen wie Angst oder Hoffnung. Paganini bezeichnet Stadien als «Tempel». Eine Weltmeisterschaft sei ein «grosses Fest» wie Ostern oder Weihnachten.
Worin unterscheiden sich Fussball und Religion?
Religion hat den Anspruch, einen tieferen Sinn zu geben. Fussball will nicht das Leben erklären oder Antworten auf letzte Fragen geben. Dennoch liege es nahe, dass sich die Kirche dort anschliesse, wo viele Menschen zusammenkommen – etwa bei einem Fangesang im Kölner Dom.
Warum bleibt die Faszination für eine Weltmeisterschaft trotz Kommerz und Skandalen bestehen?
Nach Ansicht von Paganini blenden viele Fans Korruption oder politische Instrumentalisierung und Kommerzialisierung aus, sobald ihre Mannschaft spielt. Das illustriert zum Beispiel Diego Maradona, für den es in Neapel Altare gibt. Mit der «Hand Gottes», dem Handspiel an der WM 1986 gegen England, erzielte er ein Foul, schuf daraus aber eine Erzählung. Die emotionale Bindung erschwert es, eine WM oder die Fifa zu boykottieren.
Herr Paganini, ist Fussball eine Religion?
Diese Aussage finde ich etwas zu ungenau. Ich würde eher sagen: Fussball wird von Menschen wie eine Religion erlebt und gelebt. Und im Fussball finden sich viele Elemente, die auch zur Religion gehören.
Welche?
Beispielsweise die Rituale. Bei grossen Spielen laufen die Mannschaften immer ähnlich ins Stadion ein, sie stellen sich auf, es gibt Hymnen, Fangesänge. Religion braucht heilige Orte: Kirchen, Kathedralen, Moscheen. Im Fussball ist das Stadion der Tempel, etwa San Siro in Mailand.
Dazu kommen 'heilige Zeiten': Die Champions League findet am Mittwoch statt, in Deutschland spielt die Bundesliga am Samstag. Und dann gibt es die 'grossen Feste', alle vier Jahre eine Weltmeisterschaft mit einem Finale. Das ist wie Ostern oder Weihnachten.
Auch das Bekenntnis spielt eine Rolle.
Ja. Man steht zu einem Team. Ich bin in der Nähe von Mailand geboren, in meiner Familie waren alle Fans des AC Milan. Also wurde auch ich Milan-Fan. Einmal Fan, immer Fan. Religion schafft Gemeinschaft, das ist ihre Hauptaufgabe. Und Fussball schafft Gemeinschaft sogar stärker als Religion.
Und er arbeitet mit Emotionen.
Genau. Hoffnung, Angst, Schuld, Verzweiflung, Erlösung in der letzten Minute, das sind religiöse Gefühle. Eine weitere Parallele sind die Symbole. Religion arbeitet mit Kreuz, Halbmond oder Heiligenschein, der Fussball mit Wappen, Vereinsfarben und Fahnen.
Und dann gibt es im Fussball etwas, das den katholischen Heiligen sehr nahekommt: die Spieler. Das Spiel selbst ist die Gottheit, die konkrete Religion ist mein Verein, die Spieler sind die Heiligen. Sie bringen Opfer, sie leiden.
Der Schiedsrichter als 'Hohepriester' achtet, dass die Regeln eingehalten werden. Im Katholizismus entscheidet der Priester bis heute, ob man gesündigt hat und wie man dafür bestraft wird. Die schwarzen Trikots der Schiedsrichter waren ursprünglich an die Kleidung der Priester der anglikanischen Kirche angelehnt.
Aber Gott ist Gott und Fussball bleibt ein Spiel.
Natürlich. Gerade in den monotheistischen Religionen gibt es die Idee der Transzendenz. Gott beantwortet Sinnfragen. Fussball ist ein Spiel. Aber Transzendenz ist auch eine Erfahrung. Ich kenne Menschen, die Fussball so transzendent erleben wie andere Religion.
Um die Frage, ob Fussball eine Religion ist, abzuschliessen: Entscheidend ist nicht, was eine Institution über sich selbst sagt – ob die Fifa sich als Kirche versteht oder nicht –, sondern was mit den Menschen passiert.
Wo sehen Sie die Unterschiede zwischen Fussball und Religion?
Beim Selbstverständnis. Religion hat den Anspruch, einen tieferen Sinn zu geben. Fussball hat nicht den Anspruch, das Leben zu erklären oder Antworten auf letzte Fragen zu geben.
Wo liegt die Schwelle? Wann wird aus Breitensport etwas Religiöses?
Die ist gar nicht so klar. Man kann Religion im Dom erleben oder in einer kleinen Dorfkirche. Und man kann Fussball in der Grossstadt bei Paris gegen Bayern schauen oder in der vierten Liga auf dem Land. Die Emotionen, die Zugehörigkeit, das ist überall ähnlich.
Der 53-jährige Simone Paganini ist Professor für Biblische Theologie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule in Aachen. In seinen Forschungen beschäftigt er sich mit populärwissenschaftlichen Analysen. Er hat mehrere Bücher publiziert, beispielsweise zu biblischen Erzählungen in der Filmreihe Star Wars. Er ist mit der Philosophin, Theologin und Medienethikerin Claudia Paganini verheiratet, das Paar hat drei Kinder. (gab)
Wir sprechen häufig von gesellschaftlicher Individualisierung. Der Fussball aber zeigt, wie stark Menschen weiterhin Gemeinschaft suchen und nicht rein rational funktionieren. Wenn der Schiedsrichter gegen meine Mannschaft pfeift, bin ich dagegen. Selbst wenn ich weiss, dass es ein Handspiel war. So funktioniert Glaube oft auch. Wer ein Stück Brot als Leib Christi betrachtet, der muss sein Gehirn ausschalten.
Fussball erzählt wie Religion sinnstiftende Geschichten.
Ja, der Underdog, der plötzlich gegen den Favoriten besteht. Wie kürzlich an der Fussball-Weltmeisterschaft die Kapverden gegen Spanien, die 0:0 unentschieden spielten. Das ist wie bei David gegen Goliath. Jeder Mensch versteht und reagiert auf solche Erzählungen, die Sinn und Hoffnung stiften.
Warum verschmelzen Kirchen- und Fussballraum so gut? Etwa beim Fangesang der Kölner Fans im Dom oder beim Weihnachtssingen im Dortmunder Stadion?
Die Kirchen nutzen jede Gelegenheit, um Menschen zu erreichen. Viele gehen nie in die Kirche, aber bei einer Beerdigung kommen sie. Ein kluger Pfarrer nutzt diesen Moment. Wenn 80'000 Menschen wegen Fussball zusammenkommen, liegt es nahe, dass sich die Kirche dort anschliesst.
In Neapel gibt es Altare für Diego Maradona. Warum wird das in einem katholischen Land nicht als Blasphemie verstanden?
Maradona ist ein besonderer Fall und wohl eine einmalige Geschichte. In Argentinien gibt es sogar eine Kirche, die sich auf ihn bezieht. Für manche ist das Blasphemie, für andere Glaube. Die Argumentation seiner Gläubigen lautet: Er hat Wunder gewirkt. Er führte Neapel zur ersten Meisterschaft der Geschichte.
Und dann natürlich die «Hand Gottes». Eigentlich beging er an der WM 1986 ein Handspiel, als er im Halbfinale gegen England sein Tor erzielte, es war ein Betrug. Aber Maradona bat nicht um Verzeihung, er schuf eine Erzählung. Plötzlich war Gott im Spiel. Je abstruser eine solche Geschichte ist, desto stärker kann sie geglaubt werden.
(Bild: EPA/ Keystone)
Gibt es Spieler, die eine ähnliche Faszination auslösen?
Nein, das hat auch mit dem stark verbreiteten Aberglauben in Neapel zu tun. Es gab und gibt vielleicht sogar bessere Spieler: Pelé, Zidane, Messi. Diese religiöse Vergöttlichung gibt es so nur bei Maradona. Und das obwohl er menschlich extrem problematisch war: Drogen, aussereheliche Kinder, vieles mehr.
Fussball wird immer stärker kommerzialisiert und politisch instrumentalisiert. Verliert er dadurch seine Religiosität?
Fussball macht durch, was in der Religion seit Jahrhunderten zu beobachten ist: Päpste verkauften Ämter, Religion war und ist ein Wirtschaftsfaktor, es wurden Kriege geführt. Trotzdem sind Milliarden Menschen gläubig.
Beim Fussball ist es ähnlich. Man weiss von Korruption bei der Fifa, schlechten Arbeitsbedingungen beim Bau von WM-Stadien, der Nähe zu Autokraten und der Verleihung eines Friedenspreises für Donald Trump. Das schmälert für viele die kindliche Faszination. Aber sobald die eigene Mannschaft spielt, tritt all das in den Hintergrund.
Das erklärt, warum Boykott vielen schwerfällt.
Ja. Ich habe mir vorgenommen, diese WM nicht aktiv zu schauen. Weil ich nicht gut finde, wie sich der Fussball entwickelt. Und auch weil Italien nicht dabei ist. Aber ich weiss, dass den meisten Menschen diese Probleme egal sind, sobald der Ball rollt.
Sie waren selbst 25 Jahre lang Schiedsrichter. Gibt es ein Erlebnis, das Sie bis heute beschäftigt?
Ich war kein besonders guter Schiedsrichter. Ich habe nie Karriere gemacht, war in unteren Ligen unterwegs. Es gab viele Fehlentscheidungen. Aber ich bin nie von einem Platz gegangen mit dem Gefühl: Ich habe dieses Spiel verbockt.
Zwei Situationen sind mir geblieben, in denen ich nach einer roten Karte tätlich angegriffen wurde. Da fragt man sich: Hätte ich die Karte anders zeigen können, mit mehr Gefühl? Aber grundsätzlich traf ich meine Entscheidungen nach bestem Wissen und Gewissen. Ohne VAR, ohne Kameras. Also waren sie natürlich immer völlig richtig (lacht).
Man spricht oft vom Fussballgott, der für Gerechtigkeit auf dem Spielfeld sorgt. Was halten Sie davon?
Solche Vorstellungen hört man ständig: Wer ein sicheres Tor nicht macht, bekommt später eines. Manchmal stimmt es, manchmal nicht. Jedes Mal, wenn es stimmt, fühlt man sich bestätigt. In der Religion ist es ähnlich. Ich bete, und wenn mein Gebet erfüllt wird, sage ich: Es hat funktioniert. Bei den hundert Malen, in denen nichts passiert ist, sage ich lieber nichts. Der Mensch arbeitet mit selektiver Wahrnehmung. Er baut sich Erzählungen, die Sinn stiften. Alles, was nicht dazu passt, wird ausgeblendet. Das gilt im Glauben wie im Fussball.