800. Todestag

«Franz von Assisi hatte wenig Interesse daran, die Gesellschaft zu verändern»

Wer mag ihn nicht? Franz von Assisi ist so etwas wie ein Popstar unter den Heiligen. Auch der reformierte Theologe Christoph Ammann ist seiner Faszination erlegen. Etwas aber vermisst er bei Franziskus.
Franz von Assisi soll der Legende nach zu den Vögeln gepredigt haben. Der Maler Giotto di Bondone hielt diesen Moment auf einem berühmten Fresko fest. (Bild: Keystone)

Herr Ammann, Umweltschützer und Pazifisten, die katholische Kirche und reformierte Theologen, selbst die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni berufen sich auf Franz von Assisi. Haben wir uns einen Wohlfühl-Heiligen gebastelt?
Diese Gefahr besteht. Bei Franz von Assisi sind viele Projektionen im Spiel. Das ist fast ein wenig so wie bei Jesus. Der radikale Bruch mit seinem bisherigen Leben, seine Zuwendung zu den Armen, sein Verhältnis zur Schöpfung: All das fasziniert die Menschen bis heute. Franz von Assisi wird von verschiedensten Seiten vereinnahmt und manchmal auch verharmlost.

Woher kommt diese Popularität?
Das hat viel mit seiner Persönlichkeit zu tun. Franz von Assisi war nicht in erster Linie ein Intellektueller, er war kein theologischer Meisterdenker wie etwa Thomas von Aquin. Er fasziniert vor allem als Person und durch seine Lebensweise. Seine Radikalität zieht viele Menschen in den Bann. Vielleicht erkennen wir uns auch in seiner Zeit wieder: Auch damals war die Welt im Umbruch und vieles wurde infrage gestellt.

Was fasziniert Sie persönlich an Franz von Assisi?
Mich hat immer seine radikale Nachfolge Jesu beeindruckt. Da bricht einer mit seinem bisherigen Leben und wendet sich ganz den Armen und Aussätzigen zu. Am meisten angezogen hat mich aber seine Schöpfungsspiritualität. Wir Modernen sind entfremdet von der Natur. Wir gehen im Wald joggen, aber die Natur ist Mittel zum Zweck. Franz von Assisi lebte eine tiefere Verbundenheit mit unseren Mitgeschöpfen. Vielleicht fasziniert uns das gerade deshalb so sehr, weil uns diese Verbundenheit fehlt.

Sie selbst engagieren sich als Theologe auch für Tierrechte und Umweltschutz. Sind wir da nicht wieder bei den Projektionen?
Ich glaube nicht, dass Franz von Assisis Nähe zur Schöpfung eine blosse Projektion ist. In den franziskanischen Ordensregeln ist beispielsweise festgehalten, dass die Brüder nicht auf Pferden reiten dürfen und sorgsam mit Pflanzen umgehen sollen. Offenbar empfand Franz von Assisi tatsächlich eine grosse Liebe zu seinen Mitgeschöpfen. Natürlich liefert er keine Lösungen für unsere komplexe moderne Welt. Aber er kann uns dazu anregen, sorgsamer mit der Natur umzugehen.

Zur Nachfolge Christi gehörte für Franz von Assisi auch der Verzicht auf materiellen Besitz. Hat Sie diese Lebensform selbst schon einmal gereizt?
Nicht in dem Sinne, dass ich Mönch werden wollte. Aber es liegt sicher eine grosse Kraft darin, mit weniger auszukommen und auf andere angewiesen zu sein. Ich komme gerade aus Lappland, wo ich zwei Wochen gewandert bin und im Zelt mitten in der Natur übernachtet habe. In einer solchen Situation fühlt man sich unsicher, verletzlich. Man spürt die eigene Bedürftigkeit, ist aber auch elementarer mit allem verbunden.

Ist dieser freiwillige Verzicht auf Besitz nicht eine typische Luxuserfahrung, die mit echter Armut wenig zu tun hat?
Es besteht immer die Gefahr, Armut zu romantisieren. Das wäre zynisch in einem Wirtschaftssystem, das von Ungleichheiten geprägt ist und Mensch, Tier und Natur gleichermassen ausbeutet. Für mich ist dieser zeitweilige Verzicht eher eine persönliche Erfahrung. Es ist eine Gelegenheit, mich selbst und meine Konsumgewohnheiten zu hinterfragen.

Zur Person

Christoph Ammann ist Präsident des Arbeitskreises Kirche und Tier (AKUT Schweiz) und Pfarrer in der reformierten Kirchgemeinde Zürich-Witikon. Zuvor war er viele Jahre Oberassistent am Ethik-Zentrum der Uni Zürich und Mitglied der Tierversuchskommission des Kantons Zürich.

Ammann lebt mit seiner Frau und den drei Kindern in Zürich. (no)

Franz von Assisi steht für Lebensfreude, die Verbundenheit mit der Natur und die Hinwendung zu den Armen – alles Dinge, denen man eigentlich nicht widersprechen kann. Sehen Sie auch Grenzen seiner Spiritualität?
Bei Franz von Assisi gibt es diese Ablehnung der eigenen Körperlichkeit, der eigenen Bedürfnisse. Das war mir immer fremd. Schliesslich ist auch unser Körper Teil der Schöpfung und müsste daher geliebt werden. Darüber hinaus fehlt mir bei Franz von Assisi die politische und sozialethische Dimension des Christentums.

Das müssen Sie erklären.
Es ging ihm vor allem darum, sein persönliches Leben zu ändern und in Busse zu leben. Franz von Assisi hatte wenig Interesse daran, etwas an den Strukturen der Kirche oder gar der Gesellschaft zu verändern. Hier sehe ich als reformierter Theologe eine Begrenzung. Reformatoren wie Zwingli hatten den Anspruch, die Gesellschaft zu verändern und zu gestalten. Es ging ihnen nicht allein darum, zu den Armen zu gehen und mit ihnen zu leben, sondern eine Armenfürsorge und ein Gesundheitswesen einzurichten. Diese soziale Gerechtigkeit gehört für mich zum Christentum dazu.

Kann die Reformierte Kirche dennoch etwas von Franz von Assisi lernen?
Ich finde die Unterscheidung zwischen dominikanischem und franziskanischem Wissen spannend. Beim dominikanischen Wissen geht es darum, was wir mit unserem Kopf erkennen und sprachlich formulieren können, beim franziskanischen stärker um ein Spüren und einen unmittelbaren Zugang zur Erkenntnis. Wir Reformierten sind traditionell eher auf der kopflastigen Seite. Franz von Assisi kann uns helfen, diese erfahrungsmässige und sinnliche Dimension stärker einzubeziehen.

Am vergangenen Wochenende hat das Stimmvolk der reformierten Zürcher Landeskirche Ja zu mehr Klimaschutz gesagt. Wie weit ist man in der reformierten Kirche beim Thema Bewahrung der Schöpfung?
Die Abstimmung zeigt, dass das Thema in der Reformierten Kirche präsent ist. Angesichts des Klimawandels müssten wir unser Leben aber eigentlich – um bei Franz von Assisi zu bleiben – viel radikaler verändern. In Sachen Tierrechte sind wir zum Beispiel sehr ängstlich. Die Reformierte Kirche verfolgt bei diesem Thema eine Strategie der kleinen Schritte. Verbundenheit mit der Schöpfung muss aber zwingend auch heissen, wirklich anders mit Tieren und unserer Mitwelt umzugehen.

Beitrag teilen

Lesen Sie mehr zum Thema