Flüchtlingshelferin Gertrud Kurz schaute nicht zu – sie handelte

Vor 80 Jahren gründete die Schweizerin Gertrud Kurz die Kreuzritter-Flüchtlingshilfe, den heutigen Christlichen Friedensdienst. Im Zweiten Weltkrieg half sie Flüchtlingen aus Deutschland und wurde als «Flüchtlingsmutter» berühmt. Gerne hätte sie noch mehr getan.

Gertrud Kurz beurteilte Menschen nicht nach ihrer Herkunft oder ihrer Religion. Wer Hilfe benötigte, erhielt sie. (Bild: Keystone/Photopress Archive/STR)

Die Weihnachtszeit im Winter 1938 schien dunkler und kälter als gewöhnlich. In Europa standen die Zeichen auf Krieg. Nach der Reichspogromnacht am 9. November erreichten erste jüdische Flüchtlinge die Schweiz. Die engagierte Schweizer Christin Gertrud Kurz (1890-1972) wollte ihnen helfen und lud in Bern spontan ein Dutzend Flüchtlinge zu einer Weihnachtsfeier ein. Die Feier markiert den Anfang ihres Engagement, aus dem die «Kreuzritter-Flüchtlingshilfe» entstand.

Während des Zweiten Weltkriegs stand die Tür von Gertrud Kurz für Flüchtlinge offen – rund um die Uhr. Täglich empfing sie Besuch und beantwortete Briefe von Hilfesuchenden. Manche blieben bei ihr bis in den späten Abend. Das habe das Familienleben ab und an durcheinander gebracht, sagte ihre Tochter Anni in einem SRF-Radiobeitrag. «Das war nun einfach wichtiger als unser Mittagessen», habe ihre Mutter dazu gesagt.

Gegen geschlossene Grenzen

Gertrud Kurz hörte den Flüchtlingen viel zu, schritt aber noch häufiger zur Tat. Immer wieder intervenierte sie bei den Behörden oder sprach mit der Fremdenpolizei, damit Flüchtlinge in die Schweiz einreisen und bleiben durften. Sie organisierte mit den Freiwilligen ihres Hilfswerkes materielle Hilfe, Unterkünfte, sorgte sich allgemein um das Wohl der Vertriebenen. Mit ihrer grenzenlosen Solidarität wurde sie in der Schweiz als Flüchtlingsmutter berühmt. Die Flüchtlinge nannten sie liebevoll «Mutter Kurz».

Zuhören und Handeln war ihre Devise: Gertrud Kurz (2.v.r.) im Gespräch mit ungarischen Flüchtlingen. (Bild: gertrudkurz.ch)

Als der Bundesrat 1942 die Grenzen für Flüchtlinge schloss, konnte Gertrud Kurz nicht still sitzen. Sie setzte sich kurzer Hand in den Zug und fuhr zum Mont Pèlerin im Kanton Waadt, wo der damalige Bundesrat Eduard von Steiger in den Ferien weilte. Sie sprach auf ihn ein und erzählte ihm von den Geschichten der Flüchtlinge. Von der restriktiven Flüchtlingspolitik konnte sie ihn nicht abbringen. Dennoch lockerte der Bundesrat ein paar Tage später die Grenzsperre.

Brüder der Landstrasse

Das zivile Engagement war für Gertrud Kurz selbstverständlich und christlich motiviert. Schon vor dem Krieg war sie Mitglied der religiösen Friedensbewegung «Kreuzritter». In Bern kümmerte sie sich um die sogenannten Brüder der Landstrasse: Bettler, Landstreicher und ehemalige Strafgefangene.

«Sie setzte sich konsequent und mutig für Benachteiligte und Randständige ein. Das christliche Engagement lebte sie unbeirrt», sagt Regula Brunner. Sie ist Sprecherin des Christlichen Friedensdienstes (cfd), wie die Kreuzritter-Flüchtlingshilfe heute heisst. «Gertrud Kurz beurteilte Menschen nicht nach ihrer Herkunft oder ihrer Religion. Das wollen wir beim cfd hochhalten.»

Mutter Kurz am Schreibtisch: Sie war keine Rebellin gegen das System, sie kämpfte für mehr Menschlichkeit. (Bild: gertrudkurz.ch)

Heute ist der Friedensdienst international tätig. In seinen Projekten hilft er unter anderem armutsbetroffenen Frauen im Kosovo oder fördert die gesellschaftliche Teilhabe von Jugendlichen in Algerien. In der Schweiz organisiert der cfd zudem die Kampagne «16 Tage gegen Gewalt an Frauen» und unterstützt Migrantinnen mit höherer Ausbildung, für die es in der Schweiz wenig Integrationshilfe gibt.

«Wir hätten mehr Lärm machen müssen»

Für ihre Hartnäckigkeit wurde «Mutter Kurz» respektiert. Eine Rebellin war sie dennoch nicht. In ihrem Engagement blieb sie zwar beharrlich, wirkte aber stets innerhalb des Systems und stellte die Autorität der Behörden nie in Frage. Als überzeugte Christin, die an die Menschlichkeit ihres Gegenübers appellierte, geriet sie immerhin nicht in den Verdacht, eine Kommunistin zu sein. Sonst wären ihr viele Behördentüren verschlossen geblieben.

Im Nachhinein wäre Gertrud Kurz vielleicht lieber eine Rebellin gewesen. In einem Beitrag des Schweizer Fernsehen sagte sie 1966 von sich und der Schweizer Bevölkerung: «Wir hätten mehr Lärm machen müssen. Doch mit der Zeit wurde ich müde. Das kommt mir heute wie ein Fehler vor.»

Viel geehrt, doch fast vergessen

Nach dem Krieg blieb «Mutter Kurz» der Friedensarbeit treu. Sie setzte sich für ungarische und algerische Flüchtlinge ein, ihr Hilfswerk weitete die Arbeit aus in den Nahen Osten und in afrikanische Länder.

Für ihr Engagement wurde Gertrud Kurz mehrfach gewürdigt und ausgezeichnet: Sie erhielt eine Ehrendoktorwürde, den Albert-Schweitzer-Preis. Zweimal wurde sie für den Friedensnobelpreis nominiert. Als erste Frau widmete ihr der Bund 1992 eine Eidgenössische Gedenkmünze.

Dennoch verblasste die Erinnerung an Gertrud Kurz allmählich. «Mich erstaunt, dass die Frauenbewegung nicht mehr über sie spricht», sagt Nadine Arnold, Co-Präsidentin der Stiftung Gertrud Kurz. Vielleicht liege es daran, dass «Mutter Kurz» auf den ersten Blick nicht den feministischen Idealen entsprach: Sie stammte aus dem gutbürgerlichen Haus eines Textilfabrikanten. Und damit sie sich auf ihre Rolle als Hausfrau und Mutter vorbereiten konnte, besuchte sie eine Haushaltsschule.

Was zählt, ist ihre Leistung: «Was sie gemacht hat, war ein Aufstand der Taten», sagt Arnold. «Sie tat unbeirrt, was in ihrer Macht lag, um den Menschen zu helfen.» Arnold will diese Taten lebendig halten. Denn angesichts der weltweiten Flüchtlingskrise sei Gertrud Kurz weiterhin inspirierend.


Links zum Thema:

Christlicher Friedensdienst

Stiftung Gertrud Kurz

Beitrag des Schweizer Fernsehens (1966)

Radiobeitrag «Tageschronik» (srf)