Flüchtlinge spüren Solidarität und Skepsis

Rund 600 Flüchtlinge warten allein im Empfangszentrum in Kreuzlingen auf ihr Verfahren. Im Thurgau ist die Solidarität gross. Doch es gab auch ausländerfeindliche Parolen. Ein Bericht von der Schweizer Ostgrenze.

Anna Eggenberger erklärt Migranten ganz alltagsbezogen, wie die Sammlung von gebrauchten PET-Flaschen in der Schweiz funktioniert.
Anna Eggenberger erklärt Migranten, wie die Sammlung von gebrauchten PET-Flaschen in der Schweiz funktioniert. (Bild: Cyrill Rüegger)

Der Bund erweitert temporär das Empfangs- und Verfahrenszentrum Kreuzlingen. Die Gemeinde Sulgen stellt deshalb eine Luftschutzanlage voraussichtlich Ende Januar 2016 zur Verfügung. Der Gemeinderat habe sich aus humanitären Gründen dafür entschieden, heisst es. Bereits Ende Oktober hielten die ersten Asylsuchenden Einzug. Eine Orientierungsversammlung verlief ruhig. Dass asylsuchende Menschen in unmittelbarer Nähe zum Schulhaus wohnen, hat aber für Nebengeräusche gesorgt. Vor der Unterkunft wurden Hakenkreuze und ausländerfeindliche Parolen auf Strasse und Tafeln gesprayt: «Ausländer raus» oder «Gönd hei». Prompt fühlten sich Eltern gemäss Aussagen in der «Thurgauer Zeitung» verunsichert.

Solidarität ist gross

Im Thurgau ist aber die Solidarität mit Asylsuchenden eher gross. Verschiedene Organisationen haben sich das soziale und diakonische Engagement auf ihre Fahne geschrieben. Anna Eggenberger aus Sitterdorf erlebte die Situation hautnah als Praktikantin in einem Durchgangsheim und hilft Flüchtlingen aus Überzeugung. Sie engagiert sich für das Solidaritätsnetz Ostschweiz in einer Regionalgruppe ehrenamtlich.

Die Studentin für Sozialpädagogik an der Fachhochschule St. Gallen sammelt so wertvolle Praxiserfahrung. Sie arbeitet hauptsächlich im Deutschtreff. Dabei ist es ihr nicht nur wichtig, die Sprache zu vermitteln, sondern den Asylsuchenden auch die Kultur näher zu bringen. In ihrem Praktikum habe sie gemerkt, dass diese Menschen Unterstützung und Kontakt zur Schweizer Bevölkerung brauchen, um sich gut integrieren zu können. In jeder Gemeinde seien Asylsuchende und Flüchtlinge untergebracht. Meistens sei bekannt, wo diese Personen wohnen. Aus der Sicht von Anna Eggenberger müssten die Kirchgemeinden beziehungsweise die Christen vermehrt den Kontakt zu Flüchtlingen suchen und Nächstenliebe leben.

Stiftung betreut Flüchtlinge

Auch die ökumenische Peregrina-Stiftung ist vorbereitet, falls die Flüchtlingsströme zunehmen sollten. Sie führt seit 1986 im Auftrag des Kantons die sechs Durchgangsheime für Asylsuchende im Thurgau. «Ob von den vielen Flüchtlingen plötzlich eine grössere Anzahl in der Schweiz um Asyl nachsucht, kann ich nicht voraussagen. Aber sehr wahrscheinlich ist, dass die Flüchtlings- und Migrationsströme mit Ziel Schweiz nicht nachlassen werden.» Das sagt Wilfried Bührer, Präsident des Kirchenrats der Evangelischen Landeskirche Thurgau, der auch Präsident der Peregrina-Stiftung ist. Sollte sich die Situation wirklich zuspitzen, würde der Kirchenrat die Gemeinden auffordern, zu prüfen, ob sich Teile der kirchlichen Liegenschaften als Aufenthaltsräume, Schulzimmer oder gar als Unterkunft eignen würden.

Keinen extremen Aktivismus entwickeln

Bührer sieht drei Möglichkeiten, wie geholfen werden kann: Allem voran sind Geldspenden bei Organisationen willkommen, die in der Flüchtlingshilfe tätig sind. Weiter sucht die Peregrina-Stiftung Arbeitsmöglichkeiten für anerkannte Flüchtlinge und bittet um Angebote. Und zum Dritten, falls die Flüchtlingsströme dramatisch anschwellen, ist die Stiftung für Hinweise auf Unterbringungsmöglichkeiten in den Gemeinden dankbar. Indes: Bührer wünscht sich, dass man nicht in extremen Aktivismus verfällt.

Kaffee-Treff vom SEK angedacht

Ehrenamtliche Mitarbeitende der Arbeitsgruppe für Asylsuchende Menschen betreiben zudem in Kreuzlingen den Kaffee-Treff Agathu. Angedacht hat ihn einst der Schweizerische Evangelische Kirchenbund (SEK). Die Unterstützung kommt grösstenteils von den Landeskirchen. Dort können Asylsuchende gratis Kaffee oder Tee trinken, spielen, malen oder für einen Franken im Internet surfen.

Zuhören sei wichtig, so Dominique Knüsel, die Leiterin des Kaffee-Treffs: «Bei uns dürfen die Menschen einfach da sein.» Der Aufenthalt im Empfangs- und Verfahrenszentrum dauere durchschnittlich elf Tage. Wegen der vielen Angebote zur Mithilfe entstand die Idee, wöchentlich eine Lernwerkstatt anzubieten. Sprache, Rechnen und andere zur Integration wichtige Fertigkeiten werden vermittelt. Dieses Angebot ist geplant für bereits in den Gemeinden platzierte Flüchtlinge.

Herausforderungen sieht der Präsident von Agathu und ehemaliges Mitglied des Rats des SEK, Karl Kohli, vor allem dann, wenn die Menschen in den Dörfern platziert sind. Es sei wichtig, dass die Einheimischen die Ankömmlinge einladen, im Verein integrieren, beim Einkaufen helfen oder bei anderen alltäglichen Verrichtungen.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Roman Salzmann, Christian Keller, Trudi Krieg/kirchenbote-online.ch