EVP schlägt SVP: Kleinpartei feiert Meilenstein
Thomi Jourdan trocknet gerade Gläser ab, als er den Anruf entgegennimmt. Nach seiner Wahl zum Regierungsrat des Kantons Baselland am Sonntag habe er sein Haus für eine spontane Wahlparty zur Verfügung gestellt, wie er erzählt. Gäste waren das «Energy-Team», wie er sein Kampagnenteam nennt, Freunde, Bekannte und Unterstützer. Eine Band spielte und auch das Schweizer Fernsehen kreuzte auf.
Jourdan hatte sich ebenso knapp wie überraschend gegen die SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger durchgesetzt. Für seine Partei, die EVP, bedeutet der Sieg ein Meilenstein: Es ist das erste Mal in ihrer über 100-jährigen Geschichte, dass die Kleinpartei mit einem nationalen Wähleranteil von rund 2 Prozent in einer Kantonsregierung vertreten sein wird. «Ich bin sehr dankbar und freue mich, Verantwortung zu übernehmen», so Jourdan.
Strategie: Voll auf die Person
Dass Jourdan, der drei eigene Kinder und ein Pflegekind hat, für die Wahlparty die Türen zum eigenen Zuhause öffnete, passt ins Bild dieses Wahlkampfs: Die Partei setzte voll auf die Persönlichkeit des 48-jährigen Unternehmers und langjährigen Gemeinderats von Muttenz. «Es war ein strategischer Entscheid, den Menschen zu vermitteln, dass bei einer Regierungsratswahl die Persönlichkeit und nicht das Parteibuch entscheidend ist», sagt Jourdan. Auch als Unternehmer wähle er seine Führungskräfte einzig nach deren Qualifikationen aus. Jourdan führt einen Immobilienbetrieb mit 30 Mitarbeitenden – seinen Abschied hatte er bereits vor einiger Zeit und unabhängig des Wahlausgangs per Ende Juni angekündigt.
Als Grund für den Coup führt Jourdan auch die Erfahrungen aus seinem letzten Wahlkampf vor zehn Jahren an. Damals unterlag er in einer Ersatzwahl für einen Sitz im Regierungsrat nur sehr knapp dem CVP-Mann Anton Lauber. Die Partei wollte ihn daraufhin immer wieder zur Kandidatur überreden, doch Jourdan sagte ab. «Ich wollte nur antreten, wenn ich eine realistische Chance sah.» Dieses Fenster sei aufgegangen, als der bisherige SVP-Regierungsrat Thomas Weber eher überraschend ankündigte, nicht erneut anzutreten.
Im Gegensatz zu damals habe er dieses Mal auch nach negativer Berichterstattung den Fokus nicht verloren und an der Strategie festgehalten. «Ich will nicht überheblich klingen, aber wir führten vermutlich den engagiertesten Wahlkampf von allen Kandidaten.» Tatsächlich liess Jourdan 1200 Plakate im ganzen Kanton aufhängen, organisierte «Kaminfeuergespräche», bewirtschaftete einen Youtube-Kanal und nutzte die Sozialen Medien, um seine Inhalte zu transportieren. Hauptsächlich machte sich Jourdan, der selbst zehn Jahre lang in der Gesundheisbranche arbeitete, für eine stärker in der Bevölkerung abgestützte Gesundheitspolitik sowie die rasche Umsetzung der Pflegeinitiative stark. Mit seiner Finanz- und Wirtschaftspolitik konnte er zudem bei bürgerlichen Wählerinnen punkten.
Im Gegensatz zum «All-in-Wahlkampf» von Jourdan, wie es der «Tages-Anzeiger» nannte, verliess sich die SVP-Nationalrätin Sandra Sollberger auf ihre Bekanntheit. Sie wolle «im Schlafwagen in den Regierungsrat», urteilte die Zeitung bz Basel.
Schwung für die nationalen Wahlen
In der Evangelischen Volkspartei freut man sich über den Erfolg acht Monate vor den nationalen Wahlen. «Das gibt uns Aufschwung», sagt Parteipräsidentin Lilian Studer. Vom Wahlerfolg Jourdans könne die Partei als Ganzes profitieren. «Von der Art und Weise, wie er den Wahlkampf geführt hat, selbstbewusst und nahbar, können wir sicherlich einiges adaptieren.» Gleichwohl müssten für einen Wahlsieg immer auch die Rahmenbedingungen stimmen, so die Nationalrätin.
Was aber hält das Parteipräsidium davon, dass Jourdan auf den über 1200 Plakaten im Kanton ohne Parteilogo zu sehen war? Muss ein EVP-Kandidat seine Parteizugehörigkeit verstecken, um erfolgreich zu sein? Sie habe Verständnis für diesen Entscheid, so Studer. «Er wollte damit wohl aufzeigen, dass er ein Regierungsrat für alle ist.» Jourdan selbst sagt, dass er seit 25 Jahren politisiere und man wisse, wofür er stehe. Er habe nie geleugnet, für wen er antrete. Jourdan bezeichnet seinen Glauben und seinen christlich-ethischen Lebenshintergrund als Grund, warum er einst Mitglied der EVP wurde.
Und doch: Die EVP-Mitgliedschaft ist gerade bei Regierungsratswahlen ein Hindernis. Schon manch einer habe ihm gesagt, dass er mit anderem Parteibuch schon lange in der Exekutive sitzen würde. Doch da habe er ein «Gottvertrauen» gehabt, ausserdem sei der Regierungsrat nie Teil seiner Karriereplanung gewesen.
Gegen Ende des Wahlkampfs, als sich die Überraschung abzeichnete, pochte die bürgerliche Allianz darauf, dass alle grossen Parteien in der Kantonsregierung vertreten sein müssten. Vergebens: Obwohl sie am Sonntag zur stärksten Partei gewählt wurde, wird die SVP nicht mehr in der Regierung des Kantons Baselland vertreten sein.