Kirchen in Deutschland warnen vor Antisemitismus

Im Gedenken an die Pogrome der Nazis vor 80 Jahren warnen die Kirchen in Deutschland vor neuem Antisemitismus und Judenhass. Dieser sei mit dem christlichen Glauben nicht zu vereinbaren.


Zum 80. Jahrestag der Reichspogromnacht haben die Kirchen in Deutschland zum Widerstand gegen jede Form von Antisemitismus aufgerufen. Die evangelische Kirche warnte vor dem zunehmenden Antisemitismus in Deutschland und weltweit. Es sei «heute weiterhin nötig, allen Formen von Judenfeindschaft und Antisemitismus entgegenzutreten», erklärten die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD), die Union Evangelischer Kirchen in der EKD und die Vereinigte Evangelisch Lutherische Kirche Deutschlands in Hannover.

Dies zeigten «der Anschlag in Pittsburgh, antisemitische Vorfälle in Deutschland sowie die unverminderte Hetze gegen Jüdinnen und Juden im Netz». Zum Novemberpogrom erklärten sie: «Die Bilder von zerstörten Synagogen und verwüsteten jüdischen Geschäften haben sich in das kollektive Gedächtnis unseres Landes eingebrannt – die Reichspogromnacht gehört für immer zur Erinnerungskultur unseres Landes.»

Antisemitismus sei «kein Phänomen von gestern», mahnten die Kirchen weiter. Christlicher Glaube und Judenfeindschaft schlössen einander aus – Antisemitismus sei Gotteslästerung.

Hinschauen ist «Christenpflicht»

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, forderte dazu auf, nicht wegzuschauen, «wenn Juden, in welcher Form auch immer, angegriffen werden.» Dies sei nicht nur eine Bürgerpflicht, sondern Christenpflicht, sagte Marx am 8. November bei einer Gedenkveranstaltung in Würzburg.

Dass damals so viele weggeschaut oder tatenlos zugeschaut hätten, «erfülle uns bis heute mit Scham», sagte Marx weiter. Rechtsstaat und Demokratie seien keine Errungenschaften, die einmal erworben würden und dann selbstverständlich seien. Darum müsse immer wieder gerungen werden.

Gedenken in Deutschland und der Schweiz

In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 hatte es im ganzen Land Ausschreitungen gegen Juden und jüdische Einrichtungen gegeben. Durch den ausbleibenden Protest der Gesellschaft fühlten sich die Nationalsozialisten in ihrem Vorhaben bestärkt, Pläne zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas voranzutreiben. Die Reichspogromnacht gilt als Auftakt zur systematischen Verfolgung der Juden.

In ganz Deutschland finden zum 80. Jahrestag zahlreiche Gedenkveranstaltungen statt. In der Schweiz waren bereits in der Nacht vom 8. auf den 9. November Synagogen und jüdische Gebetshäuser in mehreren Städten beleuchtet worden. (sda/no)