«Es gibt eine zunehmende Politisierung der Religion»

Vor zehn Jahren wurde der Interreligiöse Thinktank ins Leben gerufen. Anlässlich des Jubiläums erklärte nun dessen Präsidentin Amira Hafner-Al Jabaji in einem Online-Interview, dass das vermehrte Auftauchen religiöser Identität in Parteiprogrammen ihr Sorge bereite.


Begriffe wie «christlich-jüdisches Abendland» oder «christliche Werte» sind in den vergangenen Jahren vermehrt in die politische Debatte eingeflossen. Diese Tendenz betrachtet Amira Hafner-Al Jabaji mit Sorge.

«Ist ‹christlich› als Wert gemeint oder als Abgrenzung gegenüber all denen, die sich nicht als christlich definieren? Solche Debatten erlebe ich als schwierig, weil es hier nicht um differenzierte religiöse Befindlichkeiten geht, sondern darum, eine bestimmte Wählerschaft anzusprechen», sagt die Präsidentin des Interreligiösen Thinktanks in einem Interview mit kath.ch.

Neben dieser «Politisierung der Religion», wie sie es nennt, erlebt Hafner-Al Jabaji aber auch eine «Religionisierung der Politik». Dies zeige sich etwa daran, dass Themen wie Migration oder Integration übermässig religiös aufgeladen würden. Dies sei bei der Minarett-Initiative zu beobachten gewesen, und aktuell wieder bei der Diskussion um ein Verhüllungsverbot. «Es wird zu schnell und zu heftig religiös argumentiert und aus Bibel und Koran zitiert, von allen Seiten. Das führt zu nichts.»

Für Gender-Themen und mehr Differenziertheit

Hafner-Al Jabaji, die auch die SRF-Sendung Sternstunde Religion moderiert, gab das Interview anlässlich des zehnjährigen Bestehens des Interreligiösen Thinktanks. 2008 gegründet, trat dieser ein Jahr später erstmals an die Öffentlichkeit.

Der Thinktank setzt sich nach eigenen Angaben unter anderem für Religionsfreiheit, religiösen Frieden und die Prävention von Fundamentalismus ein. Ausserdem will er den Stimmen religiöser Frauen Gehör verschaffen und sie in der Öffentlichkeit vertreten. Neben Hafner-Al Jabaji sitzen die Theologin Doris Strahm und die Judaistin Annette Böckler im Vorstand.

Für Hafner-Al Jabaji ist klar, dass es den Thinktank auf weiterhin braucht. «Wir bekommen Rückmeldungen, dass wir eine der wenigen differenzierten Stimmen sind, die nicht polemisieren.» Diese Differenziertheit wolle man auch in künftige Debatten rund um Religion einbringen. (vbu)