«Es braucht Mut, seine Gedanken öffentlich zu verkünden»

Elian Bösch hat junge Erwachsene ermutigt, an öffentlichen Plätzen in St. Gallen auf eine Kanzel zu steigen und von ihren Ideen und Visionen zu sprechen. Vorgaben machte sie keine, das Risiko gehört zum Experiment.

In St. Gallen steigen dieser Tage junge Erwachsene auf die Kanzel. Ihre Reden sollen auch danach in kurzen Videos zum Nachdenken anregen. (Bild: Andreas Ackermann)

Elian, Du  hast mit einer ehrenamtlichen Projektgruppe des «Netzwerks Junge Erwachsene» eine Kanzel gebaut und dazu aufgerufen, darauf an öffentlichen Plätzen eine Rede zu halten. Kann man junge Erwachsene mit einer Kanzel überhaupt noch abholen?
Es ist natürlich ein Experiment. Wir suchten eine Idee zum Thema Reformation und so entschieden wir uns für die Kanzel – diese traditionsbehaftete Plattform. Wir wollten sie neu interpretieren. Uns ist aufgefallen, dass sich junge Erwachsene viele Gedanken machen über die Gesellschaft und darüber, was sich ändern muss. Wir wollten solche Leute auf die Kanzel kriegen und haben kantonsweit Leute aus dem Interessentenkreis des Netzwerks und in unserem Bekanntenkreis angefragt.

Wie haben eure Bekannten auf die Anfragen reagiert?
Manche reagierten mit einem «lieber nicht». Es braucht schon Mut, um auf die Kanzel zu steigen und seine Gedanken so öffentlich zu verkünden. Das Ergebnis ist dafür aber umso kraftvoller, das hat mich beeindruckt.

Was haben die jungen Erwachsenen denn zu sagen?
Die Themen sind sehr breit. Einer sprach über die These, dass Christsein langweilig sei. Er erklärte, warum er anderer Meinung ist und was Christsein für ihn bedeutet. Eine andere Rednerin sprach über Identität und die Erwartungen, welche die Gesellschaft an uns stellt. Eine weitere Rede handelte davon, wie wir einander begegnen und der Schnelllebigkeit unserer Zeit trotzen können.

Habt ihr inhaltliche Vorgaben gemacht?
Wir haben die Themen bewusst nicht eingeschränkt. Diese Offenheit ist Teil des Experiments, sie lässt Raum für neue Ideen und ich bin gespannt, was noch kommt.

«Wir wollten das Risiko eingehen.»

Hattet ihr keinen Bammel vor heiklen Themen?
Wir haben darüber diskutiert und uns entschieden, das Risiko einzugehen. Wer A sagt, muss auch B sagen. Wir hatten ja im Vorfeld mit den Rednerinnen und Rednern Kontakt. Da konnten wir schon abschätzen, auf was wir uns einlassen. Auf Unerwartetes müssen wir halt spontan reagieren.

Junge Erwachsene sind es gewöhnt, online zu kommunizieren. Verändert eine Kanzel die Botschaft?
Es ist natürlich etwas anderes, ob man etwas auf Facebook schreibt oder ob man seinen ganzen Mut zusammennimmt und seine Ideen in der Öffentlichkeit verkündet. Es ist auch ein Ansporn, aus einer persönlichen Idee eine inspirierende Rede zu schaffen.

«Man sollte junge Menschen bestärken, ihre Ideen kundzutun.»

Eure mobile Kanzel stand schon am Bahnhof und ihr geht mit ihr demnächst auf den Säntis. Kann ein Ort die Kanzel verändern?
Die Kanzel hat je nach Ort eine andere Ausstrahlung. Am Bahnhof wirkt sie dynamischer. Da ist sie umgeben von Technik und Bewegung. Ich bin gespannt, wie sie an einem Kraftort wie dem Säntis wirkt und was der Weitblick des Ortes aus ihr macht.

Das Kanzel-Projekt ist bald zu Ende. Welche Botschaft willst Du noch loswerden?
Dass man junge Menschen darin zu bestärken soll, ihre Ideen kundzutun. Nicht unbedingt auf einer Kanzel, aber generell in der Gesellschaft und auch in der Kirche. Der reformatorische Gedanke ist mir dabei ein grosses Anliegen. Dabei sollte man nicht nur zurückschauen, sondern auch in die Zukunft blicken und sich fragen, wo es heute Veränderung braucht.