«Eine Kirche muss mehr sein als ein funktionaler Raum»

Die reformierte Kirchgemeinde Herrliberg (ZH) hat den Bündner Stararchitekten Gion A. Caminada und seine Studenten dazu eingeladen, die Kirche Tal umzubauen – als Gedankenspiel im Rahmen einer Semesterarbeit. Im Interview erklärt Caminada, was er ändern würde und warum Kirchenräume sich stärker von Alltagsräumen abheben sollten.

«Wenn ich eine Kirche betrete, will ich das Gefühl haben, in einem ganz besonderen Raum zu sein»: Der Bündner Architekt Gion A. Caminada. (Bild: ZVG)

Herr Caminada, Ihre Studentinnen haben ein Semester lang Zeit gehabt, Verbesserungsvorschläge für die Kirche Tal in Herrliberg auszuarbeiten. Was ist falsch an der Kirche?
Ich würde nicht behaupten, etwas sei falsch. Gleich bei meinem ersten Besuch sind mir aber einige Dinge aufgefallen. Zum Beispiel wirkt der Innenraum sehr kahl. Diese Befreiung von allem Überflüssigen entspricht natürlich der reformierten Tradition. Die Intention, dass die reformierten Kirchen sozusagen als Mehrzweckräume dienen sollen, begrüsse ich zwar. Trotzdem braucht es eine klare Abgrenzung zum profanen Raum.

Wie schafft man das?
Durch eine besondere Atmosphäre. Dafür braucht es keine Fülle von Motiven wie bei vielen katholischen Kirchen. Gerade der Ansatz der Befreiung hat grosses Potenzial – er muss jedoch radikaler sein. Ich empfinde die funktionalen Elemente in der Kirche von Herrliberg wie zum Beispiel die Holzempore als zu wirksam, um so etwas wie Transzendenz zu ermöglichen. Dazu kommt ein allgemeines Problem heutiger Kirchen: für einen Gottesdienst mit vierzig oder fünfzig Besuchern ist sie schlicht zu gross. Die Menschen verlieren sich darin.

Welche Lösungen haben Ihre Studierenden dafür gefunden?
Die Palette von Entwürfen ist breit und reicht vom Umbau der Kirche bis zum kompletten Abriss und Neubau. In einigen Entwürfen wurde für den alltäglichen Gottesdienst ein eigener Raum im Raum geschaffen oder eine kleine Kapelle aussen angebaut. Andere verwandelten den bestehenden Raum, indem sie ihn mit Stoff, Holz und anderem Material auskleideten oder die Lichtstimmung veränderten. Bei mehreren Entwürfen wurde die Holzdecke entfernt und der Kirchenraum dadurch nach oben erweitert. Genauso interessant wie die Entwürfe waren aber die Diskussionen darüber, was eine Kirche oder ein Sakralraum heute sein kann.

Und?
Einig waren wir uns darin, dass wir beim Betreten einer Kirche das Gefühl haben müssen, in einem ganz besonderen Raum zu sein. «Raum» war das Primäre bei unseren Überlegungen. In vielen Entwürfen wurden zum Beispiel die Kirchenbänke entfernt. Dadurch bekam der Raum mehr Präsenz. Im Idealfall ermöglicht ein Kirchenraum die Erfahrung von Transzendenz, von Gott oder von etwas Unerklärlichen. Dafür muss er eben mehr sein als ein funktionaler Raum.

Gilt das für reformierte Kirchen ebenso wie für katholische?
Nach reformiertem Verständnis wird das Kirchengebäude erst durch die versammelte Gemeinde zum Gotteshaus. Es gibt daher streng genommen keine «sakralen» Bauten. Die Kirche ist ein Rahmen für das Sakrale – dieses entsteht durch die Liturgie. Man könnte also sagen, das Sakrale ist der gelebte Raum. Oft wird behauptet, dass gewisse profane Bauten «sakral» seien. Wenn das so ist, dann erübrigt sich der Begriff.

Warum braucht es dann überhaupt Architekten, die über den Umbau von Kirchen nachdenken?
Als Architekt kann ich natürlich kein religiöses Gefühl ermöglichen. Aber ich kann die Bedingungen dafür schaffen, dass ein solches entstehen kann. Der gestaltete und der gelebte Raum sind zwei unterschiedliche Ebenen, die sich treffen müssen. Erst so entsteht eine sakrale Atmosphäre.

Was muss man als Kirchenarchitekt dabei beachten?
Viele Aspekte spielen eine Rolle. Das Material, das Volumen, die Geometrie. Vor allem der Umgang mit dem Licht ist zentral. Dabei ist zu bedenken, dass ein Kirchenraum ganz unterschiedliche Stimmungen auffangen muss. Bei einer Taufe ist der Mensch in einer anderen Stimmung als bei einer Hochzeit oder einer Abdankung. Der Kirchenraum muss alle diese Emotionen tragen können.

Wie beeinflusst Licht die sakrale Stimmung eines Raumes?
Es gibt ganz verschiedene Möglichkeiten, um mit dem Licht das Sakrale eines Raumes zu unterstützen. Die Öffnungen können zum Beispiel durchsichtig oder transluzent sein, indem das Licht durch ein bestimmtes Material hindurch scheint. Als Architekt habe ich die Möglichkeit, das Licht direkt oder indirekt in den Raum treten zu lassen. Auch Panoramafenster können unter Umständen das Sakrale unterstützen, wenn sie beim Betrachter eine Resonanz auslösen und nicht nur der Aussicht dienen.

Kirchenräume werden heute oft für weltliche Anlässe geöffnet und umgenutzt. Verlieren Sie dadurch ihre Aura?
Manche Kirchenräume haben ihre Eindeutigkeit verloren. Es ist für den Besucher nicht mehr wahrnehmbar, was eigentlich ihr Zweck ist. Das darf nicht sein, denn vielen Menschen gibt die Kirche immer noch Halt und ein Gefühl von Kontinuität. Kirchengebäude sollten deshalb nicht vorschnell umgenutzt werden.

 

Aus der Beschäftigung mit der reformierten Kirche Tal ist die Dokumentation «Die Kirche in Herrliberg – Entwurf eines sakralen Raumes» hervorgegangen. Sie enthält Überlegungen zum Sakralbau sowie die Entwürfe der Studierenden.