«Bilder eröffnen neue Zugänge zur Welt»

Eine Tagung in Zürich will das Verhältnis von bildender Kunst und Kirche neu beleuchten. Organisator und Grossmünsterpfarrer Martin Rüsch erklärt im Interview, warum er glaubt, dass Bilder die reformierten Kirchen zurückerobern werden.

«Bilder in der Kirche sollen zum Nachdenken anregen»: Grossmünsterpfarrer Martin Rüsch. (Bild: Frederik Bugglin)

Herr Rüsch, Ihre These ist, dass die bildende Kunst im reformierten Kirchenraum heute kein Tabu mehr ist. Was ist passiert?
Lange Zeit galt die weisse, bilderlose Kirche als typisch reformiert. Die Bilder aus den Kirchen zu werfen, war ja sozusagen der Gründungsakt der Reformation. Heute beobachte ich, dass die reformierten Kirchen vermehrt mit zeitgenössischer Kunst experimentieren. Zum Beispiel, indem man im Kirchenraum Kunstinstallationen aufstellt oder Ausstellungen zeigt. Noch vor dreissig Jahren war so etwas kaum denkbar. Heute verstehen die Kirchen die zeitgenössische Kunst als Bereicherung. Und umgekehrt interessieren sich mehr Künstler für die Kirche als Gestaltungsraum.

Inwiefern ist die bildende Kunst eine Bereicherung für die Kirchen?
Gerade die Reformierten haben immer strikt zwischen den Wahrnehmungen des Hörens und des Sehens unterschieden. In der reformierten Predigt gilt das Hören des Wortes alles. Aber diese Trennung ist künstlich, denn auch wenn wir einer Predigt zuhören, sehen und beobachten wir. Die Beschäftigung mit Bildern hilft uns dabei, diese Sinneswahrnehmung zu schärfen. Bilder öffnen uns Zugänge zur Welt, die wir durch das gesprochene Wort nicht haben.

Wir leben in einer sehr bilderlastigen Welt. Braucht es jetzt auch noch Bilder in der Kirche?
Das hängt davon ab, wie man sie einsetzt. Natürlich reicht es nicht, mit dem Beamer irgendwelche Galiläa-Landschaften an die Wand zu projizieren. Bilder im Kirchenraum sollen zum Nachdenken anregen, sie dürfen sich nicht schon auf den ersten Blick erschliessen. Im Grossmünster haben wir zurzeit eine Installation des Schweizer Künstlers Mario Sala aufgestellt. Dieses offene Kunstwerk, das auf Passion und Ostern Bezug nimmt, fordert den Zuschauer auf, nach eigenen Interpretationen zu suchen. So entsteht ein Dialog zwischen Kunstwerk und Betrachter.

Zeitgenössische Kunst ist oft provokativ. Gibt es Kunst, die nicht in die Kirche gehört?
Kunst gehört sicher nicht in die Kirche, wenn sie bloss religiöse Gefühle verletzt. Problematisch finde ich auch, wenn ein Kunstwerk eine ideologische, zum Beispiel politisch sehr einseitige Botschaft vermittelt.

Was macht für Kunstschaffende den Reiz aus, in einer Kirche auszustellen?
Von Kunstschaffenden höre ich immer wieder, dass sie vom Kirchenraum fasziniert sind, weil er kein neutraler Raum ist. Er ist aufgeladen mit Symbolen und Bedeutungen. Das ist etwas komplett anderes als ein leerer, weisser Museumsraum. Hinzu kommt, dass viele Künstler heute weniger Berührungsängste mit dem Thema Religion haben. Sie interessieren sich für die Antworten der Religionen auf die menschlichen Grundfragen.

Werden die reformierten Kirchen in zehn Jahren wie Museen aussehen?
Der leere reformierte Kirchenraum, in dem sich höchstens noch ein Taufstein befindet, wird vielleicht weniger anzutreffen sein. Bereits seit längerer Zeit ist man offener geworden zum Beispiel für Kerzen, Pflanzen oder auch Bilder. Der Trend, den Kirchenraum ästhetisch zu gestalten, wird sich in den nächsten Jahren fortsetzen.