Ein Prozent der Schweizer Bevölkerung ist dauerhaft arm

In der Schweiz haben 2016 rund 615'000 Personen unter Einkommensarmut gelitten. Für die meisten Betroffenen ist Armut nur eine vorübergehende Erfahrung - nicht aber für ein Prozent der Bevölkerung.


Im Vergleich zu 2015 stieg die Armutsquote der Bevölkerung in Privathaushalten von 7,0 auf 7,5 Prozent an, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) am 10. April mitteilte. 2014 lag dieser Anteil noch bei 6,7 Prozent. Für das BFS bewegt sich der Anstieg seither innerhalb des statistischen Schwankungsbereichs.

Von den Erwerbstätigen lebten 3,8 Prozent unterhalb der Armutsgrenze, was 140’000 Personen entspricht. Wie in den Vorjahren wurden 2016 Personen, die alleine oder in Einelternhaushalten mit minderjährigen Kindern lebten, Personen ohne nachobligatorische Ausbildung und Personen in Haushalten ohne Erwerbstätige besonders häufig als arm eingestuft.

Armut meist von kurzer Dauer

Mit einer über vier Jahre dauernden Erhebung hat das BFS erstmals untersucht, wie lange einzelne Menschen von Armut betroffen sind. Von 2013 bis 2016 wurde demnach gut jede achte Person (12,3 Prozent) in mindestens einem Jahr als arm bewertet, also deutlich mehr Personen, als die jährlichen Armutsquoten aufzeigen.

Der grösste Teil dieser Armutsbetroffenen verfügte allerdings laut BFS relativ rasch wieder über ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze. Über den ganzen Zeitraum hinweg litten lediglich 0,9 Prozent der Bevölkerung dauerhaft unter Armut. 1,2 Prozent waren es während dreier Jahren, 2,5 Prozent in zwei und 7,7 Prozent in einem der vier Jahre.

Wenig Langzeitgefährdete in der Schweiz

Im europäischen Vergleich steht die Schweiz gemäss BFS weiterhin gut da. 2016 lag die international gebräuchliche Armutsgefährdungsquote hierzulande mit 14,7 Prozent unter dem Durchschnitt der EU von 17,3 Prozent. Die Schweiz gehört auch zu den Ländern mit dem tiefsten Anteil an langzeitgefährdeten Personen. 4,2 Prozent waren in vier von vier Jahren gefährdet, halb so viele wie im europäischen Schnitt.

In Bezug auf die materielle Versorgung zählt die Schweiz ebenfalls zu den bestplatzierten Ländern Europas. Ihre Quote der materiellen Entbehrung, welche als finanziell bedingter Mangel in drei von neun Lebensbereichen definiert ist, betrug 5,3 Prozent. In der EU machte sie beinahe das Dreifache aus.

Caritas fordert wirksame Armutspolitik

Anders als das BFS geht die Caritas von einer tatsächlichen Zunahme der Armut aus. Das Hilfswerk fordert deshalb in einer Stellungnahme Bund, Kantone und Gemeinden auf, dieser Entwicklung eine wirksame Armutspolitik entgegenzusetzen. Risiken wie Aussteuerung, Langzeitarbeitslosigkeit oder Scheidung seien heute nicht abgesichert und darum eine neue sozialpolitische Herausforderung.

Die «Schweizer Tafel» ihrerseits warnte davor, Armut als Randphänomen zu betrachten. Die Organisation, die überschüssige Lebensmittel an Bedürftige verteilt, spricht sich für mehr Solidarität mit den Betroffenen aus und erinnert Politiker «bei allen Diskussionen um Sparmassnahmen» an ihre Verantwortung.

Armutsgrenze bei 2250 Franken pro Monat

Als arm gelten Personen, die nicht über die finanziellen Mittel verfügen, um die für ein gesellschaftlich integriertes Leben notwendigen Güter und Dienstleistungen zu erwerben. Allfällige Vermögenswerte werden in der Armutsstatistik, die auf einer Erhebung bei 17’000 Personen basiert, nicht einbezogen.

Die verwendete Armutsgrenze leitet sich von den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) ab. 2016 betrug sie durchschnittlich 2247 Franken pro Monat für eine Einzelperson und 3981 Franken für zwei Erwachsene mit zwei Kindern. (sda/bat)