«Es braucht strukturelle Veränderungen, um die Armut zu bekämpfen»

Vor kurzem ging Beat Dietschy, Geschäftsführer von «Brot für alle», in Pension. Mit breit angelegten Kampagnen erregte das Hilfswerk unter seiner Führung Aufsehen. Für Dietschy ist klar: Die Kirchen dürfen zu ungerechten Arbeitsbedingungen, Ausbeutung und Landraub nicht schweigen.

«Eine Wirtschaft, die dem Leben dient, Gerechtigkeit und Friede». Beat Dietschy zeigt stolz einen Schal, der ihm eine Delegation in Südamerika geschenkt hat.
«Eine Wirtschaft, die dem Leben dient, Gerechtigkeit und Friede». Beat Dietschy zeigt stolz einen Schal, der ihm eine Delegation in Südamerika geschenkt hat. (Bild: zvg)

Herr Dietschy, heute werden weltweit Milliarden gespendet. Trotzdem scheint die Welt nicht besser zu werden. Ist dies ein Trugschluss?

Man muss die Relationen sehen. Spenden sind wichtig für die Arbeit der Hilfswerke und NGOs. Sie verändern jedoch die Welt allein noch nicht. Die staatliche Entwicklungszusammenarbeit spielt da eine viel bedeutendere Rolle. Sie wird zum grossen Teil von der Aussenpolitik und geostrategischen Überlegungen bestimmt.

 

Das heisst?

Die Entwicklungspolitik  wird von den Interessen der Geberländer, deren Politik, Wirtschaft und Unternehmen beeinflusst. Der Publizist Peter Niggli nannte diese Entwicklungshilfe das Schmiergeld für die Politik, die ein Land verfolgt. Während des Kalten Krieges beispielsweise versuchten der Westen und der Ostblock mit ihren Geldern Einfluss auf Afrika zu nehmen. Die Schweiz allerdings bildet da eine Ausnahme.

 

Und heute?

Versucht man durch die Entwicklungspolitik Märkte zu öffnen und die Migration zu lenken und zu bremsen. Ob dies gelingt, ist fraglich. Bis es einem Land besser geht, braucht es Jahre. Weiterhin werden Menschen in den Westen auswandern und hier ihr Glück versuchen. Das ist eine Überlebensstrategie, zu der übrigens in der Vergangenheit auch die Schweiz gegriffen hat.

 

Welches Erlebnis hat Ihre Sicht auf die Hilfswerksarbeit geprägt?

Da gibt es zahlreiche. 1991 habe ich in Nicaragua erlebt, wie Umschuldungsverhandlungen ablaufen. Monatelang fuhr ich im Auftrag der Interamerikanischen Bank durchs Land, um festzustellen, welche Art von Vorfinanzierung die Kleinbauern für ihre Ernte brauchten, um nicht vom Wucher abhängig zu sein. Es ging darum, die effektiven Kreditbedürfnisse in der Landwirtschaft zu erheben. Dann trat der Vertreter des Internationalen Währungsfonds auf. Er erklärte, er sei gestern gelandet und bringe nun den Massnahmenkatalog. Die Agrarkreditbank sei zu schliessen. Er verkündete uns seine Rezepte, ohne sich je mit der realen Situation in Nicaragua beschäftigt zu haben. Solche Beispiele liessen mich kritisch werden.

Erschüttert hat mich auch, als ich erlebte, wie Landlose im Nordosten Brasiliens massakriert wurden. Zwischen 1996 und 1998 besetzten Tagelöhner und Landlose  brachliegende Ländereien. Die Grossgrundbesitzer und die Regierung antworteten mit Repressionen. Ich erlebte, wie sie mit Bulldozern eine Hüttensiedlung niederwalzten und besuchte die Angehörigen der  ermordeten protestierenden Landlosen. Die Behörden liessen sich von den Grossgrundbesitzer bestechen und sahen untätig zu. Es ist empörend, wie wenig das Leben von Männern, Frauen und Kindern zählt.

 

In Ihrer Zeit als Geschäftsführer von «Brot für alle» wurden wirtschaftliche Themen aufgegriffen, etwa die Kampagnen gegen Landgrabbing und den Raubbau an den Rohstoffen.

Schon 1961 bei der Gründung der Aktion «Brot für Brüder» hiess das Ziel, nach den Ursachen für Not und Armut zu fragen und sich für Veränderungen einzusetzen. Zu den Gründen der Armut gehören nicht nur das Versagen der Regierungen, hausgemachte Schwierigkeiten und Naturkatastrophen, sondern auch wirtschaftliche Prozesse.

Die Klimaerwärmung durch den CO2-Ausstoss der Industriestaaten zeigt drastische Auswirkungen wie Stürme, Trockenheit, Überschwemmungen und das Ausbleiben der Ernte. Das wirkt sich fatal auf die Ernährungssituation aus. In einer globalisierten Welt haben wir die Verantwortung nicht nur unser eigenes Haus nachhaltiger zu gestalten, sondern auch andere dabei zu unterstützen.

 

Braucht es in der Entwicklungspolitik ein Umdenken?

Ja. Es braucht strukturelle Veränderungen, um die weltweiten Ursachen der Armut anzugehen. Die Nachhaltigkeitsziele, die bis 2030 umgesetzt werden sollen, zielen in diese Richtung. In diesem Papier verpflichten sich alle Regierungen auf 17 Ziele und 169 Unterziele, welche die wesentlichen Probleme der Welt, angefangen von der Armut bis zur Klimaerwärmung, bekämpfen. Auch wir im Westen werden in die Verantwortung genommen. Ob die Umsetzung der Entwicklungsziele wirklich geschieht, hängt von der Politik jeden Landes ab.

 

«Brot für alle» setzt auf die Macht der Konsumenten.

In den letzten Jahren lautete unser Motto «sehen» und «handeln». Wir wollten die Konsumenten sensibilisieren. Für unsere Kampagne eignete sich das Handy ausgezeichnet. Die Rohstoffe im Handy stammen aus den Konfliktregionen wie dem Kongo. Die Verarbeitung geschieht in der Weltfabrik China, wo die Arbeiterinnen und Arbeiter unter den schlimmsten Bedingungen leiden. Am Schluss wird das Handy bei uns teuer verkauft. Wenn die Konsumenten über diese ganze Wertschöpfungskette Bescheid wissen, können sie Einfluss darauf nehmen. Einerseits über das Kaufverhalten. Und andererseits können wir als Staatsbürger über die Politik dafür sorgen, dass die Menschenrechte nicht nur auf dem Papier bleiben.

 

In der globalisierten Welt entrichten Unternehmen im Steuerparadies ihre Steuern und produzieren an den Orten, wo die tiefsten Löhne gezahlt werden.

Richtig, das ist einer der Mechanismen, von denen die Firmen profitieren und die es ihnen ermöglichen, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

 

Durch die Globalisierung haben sich die Wirtschaftsverhältnisse verändert. Trifft dies auch auf die Entwicklungspolitik zu?

Seit der Globalisierung haben transnationale Unternehmen dank der Deregulierung und der Öffnung der Märkte Macht und Einfluss bekommen, der die Finanzkraft einzelner Staaten übersteigt. Heute stehen wir vor der Frage, wie man die Wirtschaft so gestaltet, dass sie den Menschen gut tut und ihnen nicht schadet. Die reformierten Wirtschaftsethiker Arthur Rich und Emil Brunner forderten eine Wirtschaft, die lebensdienlich sei.

 

Auch die Bergpredigt spricht davon.

Ja. Wenn Jesus das Reich Gottes predigte, sprach er den zerlumpten Gestalten um ihn herum die Seligkeit zu. Aus diesem konkreten Reden und Handeln entstand die Protestbewegung der frühen Christen. Seit der Zähmung der Kirche durch das Zusammengehen mit dem römischen Reich und später den politischen und wirtschaftlichen Mächten ist dieser Impuls verloren gegangen. Aber nie so, dass er verschwunden ist. Zum Glück gibt es immer wieder solche Bewegungen wie die Befreiungstheologie, welche die Botschaft der Bergpredigt aufgreifen und ernst nehmen.

 

Gerade mit solchen Bewegungen tun sich die traditionellen Kirchen in Europa schwer.

Unsere Kirche lebt noch in einer komfortablen Situation. Aber die Angst, Privilegien zu verlieren, dämpft die Bereitschaft zur Selbstkritik und zur Konfrontation und Auseinandersetzung. Die lähmende Sorge des Mittelstands um die Bewahrung seines Wohlstands ist nicht zu unterschätzen.

 

Kennen dies die Kirchen in Südamerika, Asien oder Afrika weniger?

Die Schwierigkeiten, die wir als Pfarrer hierzulande haben, gewisse Bibelverse auszulegen, haben die einfachen Leute in Südamerika und Afrika nicht. Sie erkennen sich in der Realität, von der die Bibel berichtet, direkter wieder. In Kambodscha erzählte mir vor kurzem eine Frau, sie bete jeden Abend zu Gott um die Kraft, Widerstand zu leisten, wenn sie von einer vietnamesischen Firma bedrängt werde, ihr letztes Stück Land zu verkaufen. Die ganze Gemeinde hatte die Hälfte ihrer Reisfelder schon für einen lächerlichen Preis verschachert. Meist verkaufen die Bauern, weil ihnen die Unternehmen damit drohen, sie besässen keine Landtitel. Insgesamt hat die kambodschanische Regierung einen Viertel ihres Gebietes für das Landinvestment freigegeben. Auf diesen Feldern werden Produkte wie Kautschuk oder Zuckerrohr angebaut, die mit der Ernährung nichts zu tun haben. Die Kleinbauern verlieren so die Grundlage ihrer Existenz.

 

Ist eine christliche Kirche ohne Hilfswerke möglich?

Der Glaube ist eine Tätigkeit. Er stellt sich der Wirklichkeit. Die Diakonie ist ein Ausdruck davon, unabhängig davon, ob dies nun durch ein Hilfswerk oder eine andere Organisation geschieht. Die gelebte Praxis des Glaubens ist das Entscheidende, nicht so sehr die Institution.

 

Beat Dietschy war von 2007 bis 2015 Geschäftsführer von «Brot für alle». Der Theologe und einstige Assistent von Ernst Bloch arbeitete zuvor jahrelang als Journalist, Publizist und Entwicklungs-Berater in Lateinamerika und war Präsident der Alliance Sud.

 

Dieser Artikel stammt aus der Online-Kooperation von «reformiert.», «Interkantonaler Kirchenbote» und «ref.ch».

 

Interview: Tilmann Zuber / kirchenbote-online.ch