Ein Philosoph auf dem Kaiserthron

Er zeigte, dass Philosophie und Politik keine Gegensätze sein müssen: Vor 1900 Jahren wurde der römische Kaiser Marc Aurel geboren. In der Corona-Pandemie ist seine Philosophie der Gelassenheit wieder brandaktuell.

Während seiner Herrschaft grassierte in Rom eine Pocken-Epidemie: Reiterstandbild von Marc Aurel. (Bild: Keystone)

Auf dem Schreibtisch des deutschen Altkanzlers Helmut Schmidt (1918-2015) stand eine kleine Reiterstatue: Marc Aurel hebt hoch zu Ross grüssend die Hand. «Mein erstes Vorbild», nannte Schmidt den römischen Kaiser, der vor 1900 Jahren geboren wurde und zwischen 121 und 180 nach Christus lebte.

Was hat Schmidt so fasziniert, dass er sein Vorbild täglich vor Augen haben wollte? «Die innere Gelassenheit und die bedingungslose Pflichterfüllung», erklärte er einst. «Nur wer die innere Gelassenheit mitbringt, kann auf die Stimme der Vernunft hören.» Ein Onkel hatte ihm Marc Aurels Werk «Selbstbetrachtungen» zur Konfirmation geschenkt. Der Neffe begann noch am selben Abend diesen «Idealkatalog für gerechtes und kluges Regieren» zu lesen.

Ironie der Geschichte: Das berühmte Reiterstandbild, dessen Original Michelangelo vor das römische Kapitol stellen liess, hatte das Mittelalter nur überstanden, weil der heidnische Reiter mit Kaiser Konstantin, dem Förderer des Christentums, verwechselt wurde. Marc Aurel dagegen hatte lokale Christenverfolgungen zugelassen.

Gott als Weltvernunft

Der römische Kaiser war der letzte Vertreter der Stoa, einer Strömung der griechischen Philosophie, die sich nach der Säulenhalle in Athen nannte, in der ihr Begründer Zenon etwa 300 vor Christus seine Schüler versammelte. Der emeritierte Althistoriker Alexander Demandt hält Marc Aurel für «die Lichtgestalt unter den römischen Kaisern».

In der römischen Kaiserzeit war die Denkrichtung der Stoa im ganzen Römischen Reich verbreitet. Nach ihrer Lehre durchdringt die Gottheit die Welt als feinstoffliche Weltvernunft. Deshalb sollte der Mensch in Übereinstimmung mit dieser vernünftigen Natur leben und sterben. Vernunft- und naturgemässes Handeln garantiere das Glück. Dazu gehört das Masshalten und der Verzicht, seine Leidenschaften auszuleben: die Gelassenheit.

Am 26. April 121 als Spross einer Senatorenfamilie in Rom geboren und weitläufig mit Kaiser Hadrian verwandt, fing sich Marc Aurel von diesem schon als Kind den Spitznamen «verissimus» ein, der Allerehrlichste. Als Adoptivsohn von Hadrians Nachfolger Antoninus Pius übernahm er 161 die Regierungsgeschäfte in Rom.

Tausende starben an der Seuche

Jahrzehnte der Stabilität gingen damals zu Ende. Erst trat der Tiber über die Ufer, dann rückten die Parther in Kleinasien ein. Lucius Verus, Adoptivbruder und Mitkaiser Marc Aurels, schlug die Aggressoren im Osten zurück, aber seine Soldaten schleppten die sogenannte Antoninische Pest, vermutlich die Pocken, in Rom ein. Tausende starben, die Seuche grassierte jahrzehntelang im Reich. An vielen Stellen griffen ausserdem Feinde das Römische Reich an, Langobarden, Markomannen, Quaden.

Marc Aurel starb am 17. März 180 im Feldlager zu Vindobona, dem heutigen Wien. «An Herzschwäche», sagt Demandt. «Der Kaiser soll zuletzt die Nahrung verweigert haben.» Seine Asche wurde in Hadrians Mausoleum, der späteren Engelsburg, in Rom beigesetzt.

Seinen Ruhm verdankt Marc Aurel vor allem seiner Innenpolitik, die er auf die Tugenden der stoischen Philosophie gründete. In seinen «Selbstbetrachtungen», die er im Donau-Feldlager schrieb, hat er sich Rechenschaft abgelegt: «Hüte dich, dass du nicht ein tyrannischer Kaiser wirst! Ringe danach, dass du der Mann bleibest, zu dem dich die Philosophie bilden wollte.»

Ratgeber in der Pandemie

Hilft seine Philosophie auch durch die Corona-Zeit? Der Althistoriker Stefan Rebenich von der Universität Bern sagt: «An diesem historischen Beispiel kann man zeigen, dass Philosophie und Politik keine Gegensätze sein müssen, sondern ihre Verbindung vielmehr die Möglichkeit eröffnet, auch in einer Krise gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Deshalb ist Marc Aurels Text auch heute noch lesenswert.»

Und Demandt ergänzt: «Dinge, die man nicht ändern kann, sollte man nach Marc Aurels Philosophie hinnehmen und seine Gefühle in den Griff kriegen.» Andererseits habe der Kaiser während der Pocken-Epidemie der öffentlichen Meinung auch Konzessionen gemacht und rituelle Opfer darbringen lassen. «Sonst hätte er sein Amt riskiert. Er war Pragmatiker, kein Ideologe», so Demandt.

Als Kern einer guten staatlichen Ordnung aber galt dem Kaiser das Recht. Der Historiker Cassius Dio (163-235) berichtet: «So oft ihm der Krieg etwas freie Zeit liess, sprach er Recht.» Und das nach seiner Devise: «Wenn du Scharfsinn besitzest, so zeige ihn in weisen Urteilen.» Von der Nachwelt wurde Marc Aurel häufig idealisiert. Friedrich der Grosse schrieb 1752 an seine Schwester: «Ich lese die 'Selbstbetrachtungen', um meine Seele zu stärken, und finde einen Tröster, der noch bekümmerter ist als ich.»

«Alles vergeht, wird bald zum Märchen und sinkt rasch in völlige Vergessenheit», dachte Marc Aurel. Irrtum: Noch heute glänzt er hoch zu Ross auf der 50-Cent-Münze der italienischen Eurowährung. (epd)