Ein Pfarrer auf Skiern
Es gibt Momente beim Skifahren, da ist Daniel Sutter ganz allein in der Natur. Er sieht die Formen, die der Wind in die Landschaft gezeichnet hat, und empfindet eine starke Demut. Der Pfarrer aus Fraubrunnen (BE) liebt das Freeriden. Wenn er keiner Piste folgt, sondern seiner ganz persönlichen Linie entlang durch die natürlichen Hindernisse fahren kann. «Diese Momente sind mir heilig», sagt Sutter.
Das Skifahren ist für den 56-Jährigen nicht etwa ein Hobby, sondern sein zweiter Beruf. Seit 1988 unterrichtet er Kinder und Erwachsene auf der Piste. Die Ausbildung zum Schweizerischen diplomierten Skilehrer hat er während seines Theologie-Studiums an der Universität Bern absolviert. Die zwei Monate Semesterferien nutzte er jeweils, um sich mit seinem Nebenjob das Studium zu finanzieren. Ursprünglich wollte Sutter Sportlehrer werden. Doch schliesslich war der Glaube, den er schon als Jugendlicher im Cevi entdeckt hatte, stärker.
Mit Konfirmanden auf der Piste
Im Berner Oberland hat Sutter schon Schulklassen aus Holland und amerikanische Touristen unterrichtet. Von 10 bis 16 Uhr stand er auf den Skiern, mit einer kurzen Mittagspause in der Skihütte. Bis zu zwölf Leuten gleichzeitig hat er das Skifahren beigebracht. Wenn die Menschen auf der Piste erfuhren, dass er Pfarrer ist, waren sie erstaunt. «Die Kombination ist nicht alltäglich», sagt Sutter.
Heute unterrichtet Sutter keine Klassen mehr. Bis vor Kurzem bildete er angehende Skilehrer in den Kursen von Jugend + Sport aus. Auch seine Konfirmanden bringt er auf die Piste. Nach den kommenden Ferien findet wieder das traditionelle Wochenende mit den Jugendlichen seiner Gemeinde statt. Wenn er mit ihnen durch den Schnee flitzt, geht es Sutter vor allem um eins: Die Gemeinschaft. «Die Jungen erleben mich beim Skifahren von einer anderen Seite, das schafft einen Boden für weitere Gespräche», sagt er.
Sport hilft auch im Pfarramt
Sutter braucht das Skifahren als Ausgleich zur Arbeit als Pfarrer. Er beschreibt sich als dynamischen Menschen, als jemand, der sich viel bewegen muss, um wieder bei sich anzukommen. Nach einem Tag im Pfarramt sei er müder als nach einem Tag auf der Skipiste. Körperliche Anstrengung bereitet ihm weniger Mühe als Kopfarbeit. So hat der Solothurner für 2023 grosse sportliche Leistungen geplant. Er will mit Biken, Wandern und Trailrunning 66'000 Höhenmeter, seinem Jahrgang 1966 entsprechend, zurücklegen. Das sind 5000 Höhenmeter pro Monat.
«Als Pfarrer habe ich keine fixen Arbeitszeiten, da kann ich mir das gut einrichten», sagt Sutter. Sport sei für ihn etwas, mit dem er sich Gutes tue. Er sieht Ähnlichkeiten zwischen seiner Rolle als Pfarrer und derjenigen als Skilehrer. In beiden Berufen sei er ein Experte seines Fachs. Sowohl als Pfarrer als auch als Skilehrer nehme er die Rolle des Helfers und Motivators ein und erkläre als Kommunikator seinem Gegenüber Inhalte.
Die Schnittstelle zwischen dem Skisport und dem Pfarramt hat Sutter auch in einem CAS-Ausbildungslehrgang, den er vor acht Jahren absolvierte, analysiert. Seine Abschlussarbeit trägt den Titel «Im Stemmbogen zur Ordination». Darin bespricht Sutter, welche sportlichen Konzepte interdisziplinär auf das Lernvikariat angewandt werden können. Aus dem Schneesport lässt sich laut Sutter vieles auch auf die Ausbildung zur Pfarrperson übertragen.
Er nennt das Senninger-Modell, das Emotionen in Komfort-, Lern- und Panikzone aufteilt. Als Ausbildungspfarrer müsse er seine Vikarin so gut auf die erste Predigt vorbereiten, dass nie die Gefahr bestehe, dass sie in Panik gerät. So ist es auch beim Skifahren: Er muss den Schülern beibringen, an gefährlichen Stellen nicht die Nerven zu verlieren.
Müsste Sutter einen der beiden Berufe wählen, wüsste er nicht, welchen er aufgeben würde. Neues anzupacken, fällt ihm dagegen leicht. Er plant, bald als Reiseleiter auf den biblischen Spuren in Jordanien tätig zu sein. Der Tausendsassa kann schlecht nichts tun. «Ich bin ein Draufgänger, das liegt in meiner Natur», meint Sutter.