Ob im Spital, Gefängnis oder Asylbewerberzentrum: Seelsorgerinnen und Seelsorger – aus den christlichen Kirchen, wie auch aus anderen Religionen – treffen auf Situationen, die auch nach langjähriger Erfahrung ungewohnt und verunsichernd sein können. Wie sollen Mitarbeitende reagieren, wenn ein Patient sich mit seinen religiösen Bedürfnissen «unter Christen» nicht verstanden fühlt? Was kann ein christlicher Seelsorger antworten, wenn ein Gefangener über «die Mohammedaner» schimpft?
Anforderungen steigen ständig
«Die Anforderungen an Seelsorger und religiöse Bezugspersonen sind in unserer multikulturellen Gesellschaft in den letzten Jahren ständig gestiegen. Zu einer richtigen Herausforderung wird dies dort, wo sich das Gegenüber in einer extremen Situation befindet», sagt Isabelle Noth, Professorin für Praktische Theologie an der Universität Bern. Als Beispiele für solche Situationen nennt sie Patienten in Spitälern, Gefangene oder ratsuchende Menschen in Flüchtlings- und Asylbewerberunterkünften.
Noth ist verantwortlich für den neuen Studiengang in «Religious Care im Migrationskontext» an der theologischen Fakultät der Universität Bern. Hier werden Themen unterrichtet, die auf den ersten Blick so gar nicht nach Seelsorge klingen: Kriterien zur Anerkennung als Flüchtling, Kinderrecht im Asylbereich, Umgang mit Trauma und psychischem Stress im interkulturellen Kontext. «Es geht darum, Kompetenzen zu vermitteln, um religiös-begleitend tätig zu sein. Dazu gehört selbstverständlich auch migrationspolitisches Grundlagenwissen», so Noth.
Erfahrungen in Asylzentren sammeln
Das Bedürfnis nach einer Weiterbildung für die Betreuung von Menschen unterschiedlicher Religionen und Kulturen sei schon vielfach geäussert worden. Erste Erfahrungen können nun mit einem Angebot für die Betreuung in Bundesasylzentren gesammelt werden. Für eine breite Qualifikation brauchte es aber auf vielen Ebenen die Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Und die Teilnehmenden müssen ein wissenschaftlich begleitetes Aufnahmeverfahren bestehen.
Vertreter verschiedener Religionen werden im Studiengang «Religious Care im Migrationskontext» unter einem Dach als Dozenten auftreten. Und auf den Bänken sitzen bei der ersten Durchführung Christen, Muslime, ein Hindu, die alle mehr über Betreuung in einem interreligiösen Kontext wissen wollen. In einem Kontext aber auch, der Betreuende wie Gegenüber speziell fordert, wie eben in einem Gefängnis oder während eines Asylverfahrens.
Die Zeit ist reif
«Die grossen Fragen aus dem Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen müssen von Seelsorgenden aus den verschiedenen Religionen gemeinsam beantwortet werden», sagt Noth. Und dafür will die Uni Bern eine neue Plattform bieten. Die Zeit sei jetzt reif dafür, so Noth. Und sie erwartet von den bevorstehenden Auseinandersetzungen wichtige Erkenntnisse für die Herausforderungen, die sich an Brennpunkten des interkulturellen Zusammenlebens zeigen.
Weiterbildung «Religious Care» an der Universität Bern