85. Geburtstag von Eugen Drewermann
Der Rebell, der sich mit der Amtskirche anlegte
Der Name des Theologen Eugen Drewermann steht bis heute für eine der grössten innerkirchlichen Debatten in Deutschland: Erst wurde Drewermann 1991 vom Paderborner Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt die Lehrbefugnis als Theologe entzogen, dann wurde ihm 1992 ein Predigtverbot erteilt, was jeweils für grosse Proteste sorgte.
Zu seinem 85. Geburtstag am 20. Juni ist das Interesse an Drewermann inzwischen abgeebbt. Seine damalige Kritik am Klerus zeigte sich spätestens mit Beginn des Missbrauchsskandals in Deutschland als zutreffend, wie inzwischen auch Bischöfe einräumen. Dennoch ist Drewermann weitgehend aus der breiten Öffentlichkeit verschwunden. Mit Vorträgen, Büchern und Youtube-Videos ist er aber für seine treuen Anhänger eine bis heute bedeutende Stimme.
Wer noch einmal in die internationale Aufregung um den damals in Paderborn lehrenden Theologen einsteigen will, sollte im Internet das Video von Drewermann und dem Moderator Thomas Gottschalk aus dem Jahr 1992 suchen. In seiner RTL-Talksendung hatte Gottschalk damals den Theologen zu Gast, und gar Wundersames geschah: Der für eher oberflächliche Talks bekannte Gottschalk breitete seine privatesten Gedanken zum Glauben ganz offenherzig aus. Er kündigte sogar aufgebracht an, aus der Kirche austreten zu wollen, sollte Drewermann das Priesteramt verlieren.
Kirchenaustritt vor 20 Jahren
Doch Gottschalk konnte in der Kirche bleiben – denn Drewermann nahm dem Klerus die Entscheidung ab und verzichtete selbst auf das Priesteramt. Zu seinem 65. Geburtstag am 20. Juni 2005 und damit kurz nach der Wahl von Joseph Ratzinger zu Papst Benedikt XVI. trat er sogar ganz aus der katholischen Kirche aus. Er nannte es ein «Geschenk der Freiheit an mich selber», keine Abwendung vom Glauben.
Was Drewermann so populär machte, erschliesst sich schnell. Während die katholische Kirche damals und auch heute in der Regel aus dem Wort heraus ihre Wahrheit sucht, sucht Drewermann sie aus dem Menschen. «Ich möchte, dass man Denken und Gefühl, Aufklärung und Frömmigkeit zusammen bekommt», sagte er auf dem Höhepunkt des Streits.
Drewermann war Anfang der 90er Jahre in einer für den Klerus vermutlich beängstigenden Machtposition angekommen. Der 1940 geborene Drewermann, der an sich nur ein einfacher Priester im Bistum Paderborn war und dort an der Universität Vorlesungen hielt, war Anfang der 90er Jahre ein Erfolgsautor mit Millionenauflagen.
Psychoanalyse und Religion
Während der Schweizer Kirchenkritiker Hans Küng mit brillanten theologischen Arbeiten die Amtskirche aufregte, brachte Drewermann eine ganz neue Note in die Debatten: Der Bergmannssohn aus Bergkamen hatte auch Psychoanalyse studiert und streute dies in seine Werke ein. Populär waren etwa seine psychoanalytischen Märcheninterpretationen.
Für die katholische Kirche offenkundig unerträglich aber waren die in diesem Drewermann-Stil erschienen kirchlichen Werke. Besonders das 1989 erschienene Buch «Kleriker – Psychogramm eines Ideals», das dem Priesterstand kirchlich verursachte psychische Störungen zuschrieb, brachte die Amtskirche gegen Drewermann auf.
Den Anlass, ihn theologisch mundtot zu machen, lieferte der stets mit ernster Miene und ernster Stimme auftretende Drewermann mit öffentlichen Zweifeln an katholischen Glaubenssätzen. So nannte er Jungfrauengeburt, Weihnachtsgeschichte oder Himmelfahrt Mythen. Der spätere Papst Benedikt XVI. forderte als damaliger oberster Glaubenswächter des Vatikans den Paderborner Bischof Degenhardt auf, gegen Drewermann vorzugehen – das Ende von Drewermanns Wirken innerhalb der Kirche war besiegelt.
Inzwischen empfinden manche Kleriker ein Gefühl von Unrecht gegenüber Drewermann. Der Hildesheimer Bischof Heiner Wilmer etwa sagte 2018 mit Blick auf Drewermanns Klerikerbuch, dieser sei ein «von der Kirche verkannter Prophet unserer Zeit». Denn Drewermann hatte als eine Art Psychoanalytiker der Kirche Strukturen angeprangert, in denen viele die Ursachen des Missbrauchsskandals sehen. Doch eine echte Rehabilitation Drewermanns stand nie im Raum – ganz nach einem Bibelwort: «Der Prophet gilt nichts im eigenen Lande.» (sda/ no)